Vizepremier Mutko zum Confed Cup "Immer wird versucht, Russland anzuschwärzen"

Witali Mutko ist einer der engsten Vertrauten von Wladimir Putin. Vor dem Beginn des Confed Cups spricht der Vize-Premier über Hooligans, Dopingvorwürfe und die Bedeutung des Fußballs in Russland.

Witali Mutko
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Witali Mutko

Ein Interview von , Moskau


Witali Mutko ist der Fußballfunktionär in Russland: Der stellvertretende Premier berichtet persönlich an Präsident Wladimir Putin. Mutko ist Cheforganisator der Fußball-WM 2018 in Russland. Er trägt die Verantwortung dafür, dass alles läuft beim Confed Cup, der am Samstag mit dem Spiel Russland gegen Neuseeland in Sankt Petersburg eröffnet wird. Es ist Russlands Generalprobe für die Fußball-WM.

Zum Gespräch empfängt der 58-Jährige im Haus des Organisationskomitees in Moskau, am Fluss Moskwa gelegen. Eine Anzeigetafel im Eingangsbereich zählt die Tage, Stunden und Minuten bis zum Anstoß runter. Gegenüber auf den Sperlingsbergen am anderen Ufer sollen dann Hunderte Fußballfans in Moskau das Spiel in der Fan-Zone verfolgen. Mutko reagiert auf viele Fragen mit einem Lachen. Er findet, Russland werde schlechtgemacht.

SPIEGEL ONLINE: Der russische Fußball hat nicht den besten Ruf. Bei der EM 2016 in Marseille attackierten russische Hooligans brutal britische Fans. Wie wollen Sie ausländischen Fans die Angst nehmen, nach Russland zu kommen?

Mutko: Man darf dem Fußball nicht alles in die Schuhe schieben, was außerhalb des Spielfelds passiert. Russland ist eines der sichersten Länder der Welt. Die Versuche, aus Russland ein gefährliches Land zu machen, uns schlechtzureden, kennen wir schon, das haben wir auch in Sotschi vor den Olympischen Spielen gesehen. Und was war? Alle waren zufrieden. Ich kann Ihnen versichern, das wird auch dieses Mal so sein. Ich möchte betonen, während der russischen Meisterschaft mit Millionen Zuschauern ist alles ruhig geblieben.

SPIEGEL ONLINE: Probleme mit Hooligans sehen Sie also keine mehr? Präsident Putin hat doch kürzlich zur Vorbeugung ein Anti-Hooligan-Gesetz unterschrieben.

Mutko: Hooligans findet man auch in anderen Ländern. Ich habe selbst erlebt, wie sich die britischen Fans aufgeführt haben, das waren 25.000 bis 50.000 Mann. Aber darüber schreiben Sie nicht, sondern nur über unsere Fans, und das sehr ausführlich. Dabei waren das nur 200 Fans!

SPIEGEL ONLINE: Die sich einen Straßenkampf geliefert haben.

Mutko: Natürlich sind wir empört darüber, wenn unsere Fans im Ausland die Ordnung stören. Wir haben nach diesen Zwischenfällen Maßnahmen gegen Hooligans getroffen: Geldstrafen bis zu 20.000 Rubel (rund 340 Euro), bis zu 15 Tage Haft und Stadionverbot bis zu sieben Jahren.

Russische Fans bei einer Straßenschlacht während der EM 2016
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Russische Fans bei einer Straßenschlacht während der EM 2016

SPIEGEL ONLINE: Ein anderes Problem ist der Rassismus im russischen Fußball. Da wurden Bananen in Richtung dunkelhäutiger Gästespieler aufs Spielfeld geworfen, Affenrufe ertönten.

Mutko: Die Fifa und Uefa überwachen uns ständig. Glauben Sie, sie hätten uns den Zuschlag zur WM gegeben, wenn sie in dem Bereich Probleme sehen? In der letzten Saison hatten wir keinen einzigen Vorfall. Das haben wir im Griff.

SPIEGEL ONLINE: Das Auftaktspiel des Confed Cups findet im Stadion von Sankt Petersburg statt: ein Bau, der für Skandale gesorgt hat: Die Kosten sind enorm gestiegen, Arbeiter, auch aus Nordkorea, schufteten unter unwürdigen Umständen auf der Baustelle. Wie sehr schadet das dem Turnier?

Mutko: Ja, das Stadion ist mit 46 Milliarden Rubel teuer. Aber mit dem Bau wurde schon begonnen, bevor 2010 die Entscheidung fiel, dass die WM in Russland stattfindet. Es war eigentlich als regionales Stadion geplant. Erst Ende 2013 hatten wir das endgültige WM-Konzept fertig, seit 2014 hat die Regierung alle zwölf WM-Stadien unter ihrer Kontrolle, auch das in Sankt Petersburg. Am Stadion wurde seit 2007 gebaut, das ist eine lange Zeit. Als wir den Generalbauunternehmer ausgewechselt haben, fanden wir Mängel. Die mussten behoben, das Stadion für die WM umgebaut werden. Das hat einiges gekostet.

Stadion in Sankt Petersburg
AFP

Stadion in Sankt Petersburg

SPIEGEL ONLINE: Und was sagen Sie zu den Arbeitsbedingungen? Die Fifa hat die menschenunwürdigen Bedingungen, unter denen die nordkoreanischen Arbeiter arbeiten mussten, in einem Brief verurteilt.

Mutko: Die Fifa hat niemanden kritisiert. Von Anfang an war Bedingung, dass die Fifa die Arbeitsbedingungen in Russland überwacht. Wenn sie etwas bemängelt hat, dann haben wir immer sofort durchgegriffen. Zu den nordkoreanischen Arbeitern: Ich kann Ihnen nicht sagen, ob Arbeiter aus Nordkorea im Stadion eingesetzt worden sind.

SPIEGEL ONLINE: Es gibt mehrere Augenzeugen, die das berichten.

Mutko: Wir sind nicht dafür zuständig, welches Personal die Subbauunternehmer einsetzen. Aber ich kann Ihnen sagen, dass wir mit Nordkorea ein Regierungsabkommen haben, das die Möglichkeit vorsieht, nordkoreanische Arbeitskräfte einzusetzen und die Arbeitsverhältnisse regelt. Die Arbeitsbedingungen sind bei uns strikt geregelt, vielleicht sogar strenger als in vielen anderen Ländern.

SPIEGEL ONLINE: Russland macht immer wieder Schlagzeilen mit Dopingfällen. Wieso sollten wir glauben, dass der russische Fußball sauber ist?

Mutko: Dieses Problem ist nun wirklich aus der Luft gegriffen. Ich kann nicht verstehen, warum Sie den russischen Sport so schlechtmachen wollen. Immer wieder wird versucht, Russland anzuschwärzen.

SPIEGEL ONLINE: Es gibt Gründe, zum Beispiel das systematische Doping in der russischen Leichtathletik.

Mutko: Fußball ist ein Teamspiel, nur durch Doping ist kein Spiel zu gewinnen. Die Wada organisiert die Dopingkontrollen der Spieler, außerdem sind die Fifa und Uefa dafür zuständig. Die müssen Sie fragen. Unser System hatte einen Fehler, wir haben darauf reagiert, die russische Anti-Doping-Agentur Rusada nach den Vorgaben der Wada und des IOC umgebaut. Wir investieren Milliarden in die Entwicklung des Sports, wir brauchen keine Scheinsiege mithilfe von Doping, schon gar nicht im Fußball.

Eishockey-Fan Wladimir Putin
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Eishockey-Fan Wladimir Putin

SPIEGEL ONLINE: Im europäischen Vereinsfußball fristet Russland bisher ein Schattendasein - anders als im Eishockey, wo Russland mit der KHL eine globale Konkurrenz zur nordamerikanischen NHL aufgebaut hat. Welche Rolle spielt Fußball für die russische Gesellschaft?

Mutko: Das kann man doch gar nicht miteinander vergleichen. Fußball wird in 209 Ländern auf allen Kontinenten gespielt, Eishockey nur auf zwei Kontinenten. Natürlich ist Eishockey eine Nationalsportart bei uns, sie ist wichtig für das ganze Land, auch unser Präsident spielt Hockey. Im Fußball steckt ein sehr großes Potenzial, wir müssen es nutzen. Ja, wir sind bei der EM 2016 in Frankreich schon im Viertelfinale ausgeschieden. Aber was unsere Vereine betrifft, liegen wir nun auf Platz sieben in Europa. Und in der übernächsten Saison werden drei russische Vereine in der Champions League spielen. Durchschnittlich 13.000 Zuschauer kommen pro Spiel in die Stadien, auch die TV-Einschaltquoten sind beim Fußball höher als beim Eishockey.

SPIEGEL ONLINE: Welche Chancen hat Russland beim Confederations Cup? Schafft die Mannschaft es ins Finale?

Mutko: Schwierig zu sagen. Wir haben viele neue Spieler, nur vier Spieler aus dem letzten Team sind noch dabei. Vielleicht haben wir mit der Erneuerung zu spät angefangen. Der Confed Cup ist enorm wichtig für unsere Mannschaft, damit sich die jungen Spieler bei einem richtigen Turnier ausprobieren können.

SPIEGEL ONLINE: Und vom Fußball abgesehen, wie wichtig ist der Confed Cup für Russland?

Mutko: Wir haben noch nie ein Turnier auf diesem Niveau veranstaltet. Das ist unsere Generalprobe.

SPIEGEL ONLINE: Was ist das Ziel der WM, ist sie vor allem da, die Regionen zu entwickeln?

Mutko: Natürlich geht es darum, das Land voranzubringen, es geht ja um elf Städte bei dieser WM. Wir investieren über 50 Milliarden Dollar in die Infrastruktur: in moderne Flughäfen, U-Bahn-Stationen, Eisenbahnverbindungen, Krankenhäuser, Ambulanzwagen, IT und in die Sicherheit. Dazu kommen zwölf Stadien und 100 Trainingsplätze. Wir wollen mehr Jugendliche für den Fußball interessieren, und wir wollen Russland der Welt präsentieren. Diejenigen, die nach Russland kommen, werden nicht nur Moskau und Sankt Petersburg sehen, sondern auch Städte im Süden an der Schwarzmeerküste und an der Wolga. Immer mehr Touristen kommen in unser Land, um Russland kennenzulernen.

SPIEGEL ONLINE: Meistens sind es heute Asiaten.

Mutko: Wieso denn? Nein, auch Westeuropäer und Deutsche.

SPIEGEL ONLINE: Nach den Sanktionen wegen des Ukrainekriegs sind es aber weniger geworden.

Mutko: Viel weniger würde ich nicht sagen. Das hat auch wenn mehr mit der globalen Lage zu tun. Auch weniger Russen fahren ins Ausland, wegen der Sicherheitslage. Aber über Politik möchte ich hier nicht sprechen. Der Confed Cup und die WM werden einwandfrei organisiert sein, Russland wird seine Gastfreundschaft unter Beweis stellen. Es gibt die visafreie Einreise für alle, die sich eine Fan-ID besorgt haben. Wir bieten den Fans kostenlose Züge zwischen den Spielstädten an. Es gibt Fan-Zonen.

Das ehemalige Fifa-Council-Mitglied Witali Mutko
DPA

Das ehemalige Fifa-Council-Mitglied Witali Mutko

SPIEGEL ONLINE: Sie sind unlängst aus dem mächtigen Fifa-Council, sozusagen dem politischen Fußball-Olymp, verbannt worden. Schmerzt Sie das so kurz vor der WM?

Mutko: Nein, gar nicht, ich war doch neun Jahre dabei.

SPIEGEL ONLINE: Wirklich? Offiziell hieß es, dass Sie nicht mehr kandidieren können, weil "politische Einflussnahme" auf die Fifa verhindert werden müsse. Sie sind Vizepremier Russlands.

Mutko: Nach der Reform der Fifa gibt es nun ein Compliance-Komitee, das der Meinung ist, dass die Fifa politisch neutral sein sollte. Mein Kollege Reinhard Grindel, Chef des Deutschen Fußball-Bunds, hat sein Bundestagsmandat niedergelegt, um wiedergewählt zu werden. Ich habe mich dafür entschieden, Vizepremier zu bleiben.

SPIEGEL ONLINE: Ihr politisches Amt ist Ihnen also wichtiger?

Mutko: Ich bin für den Erfolg der Fußball-WM in Russland zuständig, trage seit 2010 dafür die Verantwortung. Wie könnte ich ein Jahr vorher alles hinschmeißen? Ich bin sicher, dass wieder ein Vertreter Russlands im Fifa-Council vertreten sein wird.

SPIEGEL ONLINE: Wer wird das sein?

Mutko: Wir haben Kandidaten, die die Kriterien erfüllen.

SPIEGEL ONLINE: Wer ist das?

Mutko: (lacht. Pause) Nach der Wahl werden Sie ihm gratulieren können.

Mitarbeit: Wladimir Schirokow



insgesamt 68 Beiträge
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Seite 1
Thomas McKean 15.06.2017
1. Abenteuerurlaub
Ich sehe das Problem nicht. Russlands Tourismusverband soll sich einfach als Abenteuerland verkaufen. Wo kann man sich sonst mit korrupten Beamten und versoffenen Hoologans rumschlagen? ..da verstehe ich auch nicht wie man sich in der Ostukraine selber Konkurrenz schafft..
Fackel01 15.06.2017
2. Alles tippi toppi
Alles 1a, super bestens, es herrschen ja paradiesische Zustände und die Sonne scheint aus Putin aus dem .... Und wer Kritik übt hat eine politische Agenda um Russland in die Pfanne zu hauen. Message Ende. Sonst noch Fragen? Nein? Danke!
my-space 15.06.2017
3. Die Tränen kommen
aber nicht weil Russland "dauernd schlecht gemacht" wird. Sondern z.B. wegen Ausbeutung der Sklaven eines korrupten Systems (Nordkorea) durch ein anderes korruptes System (Russland). In Russland mag ja nicht alles schlecht sein. So wie im faulen Apfel. In dem ist ja angeblich auch der Wurm - gesund.
rabkauhala 15.06.2017
4. Herr Mutko,
der Tausendsassa, der sich auch so vorbildlich für die Dopingfreiheit in der russischen Leichtathletik eingesetzt hat. Bewundernswert, ja einzigartig diese Karriere - wie ist das möglich?
abc-xyz 15.06.2017
5. Und täglich lügt das russische Murmeltier
Man muss sich nur anschauen, was die russischen Schlägertrupps in Frankreich gemacht haben um zu sehen, wie dreist Mutko lügt. Die ganze WM sollte umgehend in ein anderes Land verlegt werden oder gleich abgesagt werden. Es muss sowieso geklärt werden, wie es zu dieser Vergabe kam und wie viel genau aus Russland (und Qatar) an Schmiergelder geflossen sind. Vom Staatsdoping Russlands, der bei Sotchi massivst zugeschlagen hat, mal ganz abgesehen.
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