Brasiliens Auftakt im Confed Cup Jubel für den Zauberer, Pfiffe für die Zauderer

Ein Traumtor, einige Übersteiger - und alle Kritik ist vergessen. Brasilien feiert Superstar Neymar und demonstriert nach dem Auftaktsieg beim Confed Cup gegen Japan Selbstbewusstsein. Pfiffe gab es auch: für zaghafte Querpässe und Fifa-Präsident Joseph Blatter.

Getty Images

Aus Brasília berichtet


172 Sekunden benötigte Brasiliens Superstar Neymar, um die Kritiker verstummen zu lassen. Als der Ball nach seinem Volleyschuss im Tor landete und Neymar zu tanzen anfing, waren all die harschen Worte über die Leistungen des Superstars im Trikot der Seleção plötzlich ganz weit weg.

Auch nach weiteren 87 Minuten, in denen Brasilien sich souverän, aber spielerisch nicht herausragend präsentierte, und an deren Ende ein 3:0-Sieg des Gastgebers gegen Japan stand, gab es nur einen Protagonisten.

"Ich bin sehr glücklich über all das, was hier heute passiert ist", sagte Neymar nach dem Schlusspfiff. "Wir haben stets gesagt, dass unser Team immer weiter wächst und dass wir im richtigen Moment da sein werden."

Zuletzt viel Kritik an Neymar

In den vergangenen Wochen und Monaten sah sich der 21-Jährige in Brasilien viel Kritik ausgesetzt. Seine starken Leistungen für seinen Club Santos könne er in der Seleção nicht abrufen. Im Dienst der Nationalmannschaft fehle ihm der Mut, der Spielwitz. Zudem hatte er in den vergangenen zehn Länderspielen nicht getroffen.

Doch das Publikum hatte Neymar im Eröffnungsspiel des Confed Cups in Brasília von Beginn an auf seiner Seite: Wann immer der 21-Jährige am Ball war, zu einer Körpertäuschung oder einem Übersteiger ansetzte, ging ein Raunen durch das Stadion, gefolgt von Szenenapplaus und Sprechchören. Das war der Neymar, den die Brasilianer lieben, endlich auch im Einsatz für die Nationalmannschaft.

Beim Abschlusstraining am Freitag zeigte sich der Star, auf dem gerade im Hinblick auf die WM 2014 im eigenen Land die Hoffnungen des ganzen Landes ruhen, angespannt und gereizt. Einige Stadion-Bauarbeiter waren bei dem Training, das offiziell unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfand, auf der Tribüne und kommentierten hämisch und lautstark Neymars Aktionen. Dieser ließ sich auf ein Wortgefecht ein und bepöbelte seine Kritiker.

Scolari will Kontrolle, brasilianische Fans fordern Spektakel

Es zeigte sich deutlich: Ganz Brasilien war vor dem Start des Confed Cups nervös - auch das Herz der Seleção. "Neymar ist derselbe wie immer. Er macht den Unterschied und er wird ihn immer machen", sagte Trainer Luiz Felipe Scolari nach der Partie. In den vergangenen Tagen hatte der Coach den Superstar immer wieder in Schutz genommen.

Doch nicht nur Neymar, sondern auch Bayern-Spieler Luiz Gustavo, der im Gegensatz zu seinem Bayern-Kollegen Dante 90 Minuten spielen durfte, verdiente sich ein Extralob von Scolari. "Ich habe immer an einen Stammplatz geglaubt. Für mein Land zu spielen, ist das größte für mich", sagte Gustavo.

Wirklich gefeiert wurde auf dem Rasen aber nur Neymar, der in der 74. Minute unter stehendem Applaus leicht angeschlagen ausgewechselt wurde. Der zukünftige Spieler des FC Barcelona war zuvor der einzige Akteur gewesen, der waghalsige Dribblings zeigte und Übersteiger in sein Spiel einstreute - Dinge, die die Herzen der brasilianischen Fans höher schlagen lassen.

Da unterscheiden sich die Anhänger von ihrem Nationalcoach: Scolari will den Paradigmenwechsel, versucht den Fokus der Seleção von der überragenden technischen Virtuosität einzelner auf disziplinierten, athletischen und kompakten Verschiebefußball umzulegen.

"Brasilien ist voller Unterschiede"

Dass es Unterschiede in der Erwartung der Fans und des Trainers gibt, zeigte sich auch am Samstag: Der extrovertierte Superstar Neymar wurde für seine Kabinettstückchen bejubelt, doch wenn die brasilianischen Abwehrspieler den Ball zu lange horizontal in der eigenen Hälfte umherschoben, kamen von den Rängen auch Pfiffe für die aus Fansicht zaudernde Spielweise.

Das größte Pfeifkonzert gab es jedoch schon vor dem Spiel, als Joseph Blatter und Brasiliens Präsidentin Dilma Rousseff das Turnier eröffneten. Kritik an der brasilianischen Regierung und an der Ausrichtung der Großveranstaltungen wird den gesamten Confed Cup begleiten. Etwa 1.000 Demonstranten, die gegen die Millioneninvestitionen protestierten, stießen vor dem Spiel mit der Polizei zusammen. Diese setzte Pfefferspray und Gummigeschosse ein und nahm 29 Demonstranten fest.

"Ich kann die Leute verstehen", sagte Dante, der zuvor 90 Minuten auf der Bank gesessen hatte, nach dem Schlusspfiff. "Brasilien ist ein großes Land, voller Unterschiede. Nun schaut die ganze Welt auf uns. Das ist eine gute Chance für die Menschen zu zeigen, was sie denken."

Insbesondere das Stadion der Hauptstadt Brasília spaltet die Gemüter. Brasiliens Sportminister Aldo Rebelo hatte es vor einigen Wochen als "das Kolloseum dieses neuen Roms" bezeichnet. Wenn das der Fall ist, dann heißt der Kaiser Neymar.

Brasilien - Japan 3:0 (1:0)
1:0 Neymar (3.)
2:0 Paulinho (48.)
3:0 Jo (90.+3)
Brasilien: Julio Cesar - Dani Alves, David Luiz, Thiago Silva, Marcelo - Paulinho, Luiz Gustavo - Hulk (ab 75. Hernanes), Oscar, Neymar (ab 74. Lucas) - Fred (ab 81. Jo)
Japan: Kawashima - Uchida, Yoshida, Konno, Nagatomo - Hasebe, Endo (ab 78. Hosogai) - Kiyotake (ab 51. Maeda), Honda (ab 89. Inui), Kagawa - Okazaki
Schiedsrichter: Proenca (Portugal)
Zuschauer: 67.423
Gelbe Karten: - Hasebe

insgesamt 12 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Stelzi 16.06.2013
1. Jo
Weltmeister werden andere. Da lege ich mich jetzt schon fest. Es sei denn, es findet sich noch ein Trainer der die Seleção nicht bloss nach seinen Vorstellungen spielen lässt, sondern nach ihren Fähigkeiten.
hfftl 16.06.2013
2. .
Zitat von StelziWeltmeister werden andere. Da lege ich mich jetzt schon fest. Es sei denn, es findet sich noch ein Trainer der die Seleção nicht bloss nach seinen Vorstellungen spielen lässt, sondern nach ihren Fähigkeiten.
"Nach ihren Fähigkeiten" ist ja schön und gut - aber nicht, wenn man dabei zum dritten Mal in Folge im Viertelfinale scheitert. Weltmeister wird nicht eine Ansammlung von Schönspielern, sondern eine gut funktionierende Mannschaft. Scolari hat noch ein Jahr Zeit, eine solche Mannschaft aufzubauen und zu formen, und ich denke, er wird diese Zeit nutzen.
klabter15 16.06.2013
3.
Ich kann mir auch nicht vorstellen, dass diese brasilianische Mannschaft irgendjemand groß Angst machen kann. Der 21. Platz in Fifa-Rangliste geht vollkommen in Ordnung
cafe_kehse 16.06.2013
4. Wenn man ehrlich ist...
....müsste Brasilien alle vier Jahre Weltmeister werden. Brasilien hat nun mal die besten Fußballspieler. Wenn dieses Team scheitert, dann nur an sich selbst. Schuld ist auch und vor allem, diese Turnierform, in der der Weltmeister ausgespielt wird. Das Turnier wird durch die immer größere Fülle an teilnehmenden Mannschaften zeitlich immer länger, nun schon über vier Wochen. Und das ist nicht jedermanns Sache, sich vier Wochen in einem fremden Land in irgendwelche Trainingslager aufzuhalten. Ein Ausscheiden kann auch eine Erlösung sein, wenn die Chemie im Team nicht stimmt. Das scheint mir z. B. der Grund gewesen zu sein, warum Brasilien 2010, 2006 oder 1998 nicht Weltmeister wurde. Alle Einzelspieler waren in der Selecao besser als alle anderen Mannschaften. Weltmeister oder Finalist kann auch ein biederes Team ohne guten Einzelspieler werden, das durch Disziplin diese vier Wochen aushält. Ich denke da vor allem an die deutschen Rumpelfußballer 2006 und 2010. Die FIFA sollte sich mal Gedanken machen, das Turnier zu straffen, z. B. zeitliche Begrenzung auf drei Wochen und Teilnahme von max. 16 Mannschaften. Allerdings Brasilien immer Weltmeister dürfte aber auch langweilig sein.
hfftl 16.06.2013
5. .
Zitat von cafe_kehse....müsste Brasilien alle vier Jahre Weltmeister werden. Brasilien hat nun mal die besten Fußballspieler. Wenn dieses Team scheitert, dann nur an sich selbst. Schuld ist auch und vor allem, diese Turnierform, in der der Weltmeister ausgespielt wird. Das Turnier wird durch die immer größere Fülle an teilnehmenden Mannschaften zeitlich immer länger, nun schon über vier Wochen. Und das ist nicht jedermanns Sache, sich vier Wochen in einem fremden Land in irgendwelche Trainingslager aufzuhalten. Ein Ausscheiden kann auch eine Erlösung sein, wenn die Chemie im Team nicht stimmt. Das scheint mir z. B. der Grund gewesen zu sein, warum Brasilien 2010, 2006 oder 1998 nicht Weltmeister wurde. Alle Einzelspieler waren in der Selecao besser als alle anderen Mannschaften. Weltmeister oder Finalist kann auch ein biederes Team ohne guten Einzelspieler werden, das durch Disziplin diese vier Wochen aushält. Ich denke da vor allem an die deutschen Rumpelfußballer 2006 und 2010. Die FIFA sollte sich mal Gedanken machen, das Turnier zu straffen, z. B. zeitliche Begrenzung auf drei Wochen und Teilnahme von max. 16 Mannschaften. Allerdings Brasilien immer Weltmeister dürfte aber auch langweilig sein.
Ja, der unansehliche deutsche Rumpelfußball 2010 gegen England und Argentinien war schon erschreckend! Und die Reduzierung auf 16 ist eine Super-Idee - dass darauf noch niemand gekommen ist! Inzwischen nehmen zwar über 200 Länder am Wettbewerb teil, aber dann spielt man die WM-Quali eben ein Jahr länger, was soll's. Auch wenn sich dann in Europa WM-Quali und EM-Quali zeitlich überschneiden, egal! Die Fußballer haben ja sonst nichts zu tun!
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.