Gegenbild zum Confed Cup Russischer Fußball. In echt

Die Stadien beim Confed Cup sind halbleer. Tickets sind teuer, und die Menschen haben andere Sorgen. Sergey Novikov fotografiert Amateurfußball in Russland - seine Bilder sind wunderschön, lustig und traurig zugleich.

Sergey Novikov/ Project Grassroots

Ein Interview von


Seit acht Jahren reist der Moskauer Fotograf Sergey Novikov durch das Land und porträtiert Amateurmannschaften, zwischen Murmansk im äußersten Nordwesten und Nachodka am Japanischen Meer. Warum bleiben bei den Spielen des Confed-Cups so viele Plätze in den Stadien leer? Die Fußballbegeisterung sei groß im Land, sagt Novikov - doch die finanzielle Lage erlaube den wenigsten Fans den Kauf der teuren Tickets.

Die Aufnahmen seines Projekts "Grassroots Russia" veröffentlicht Novikov auf seiner Internetseite.

SPIEGEL ONLINE: Herr Novikov, warum bleiben beim Confed Cup in den Stadien so viele Plätze leer?

Novikov: Die Leute interessieren sich schon für Fußball, und die Mannschaften spielen bislang gut. Der Ticketverkauf lief aber über die Uefa, und die Karten sind teuer. Wer es sich leisten kann, versucht zu einem Spiel der russischen Mannschaft zu kommen. Gegen Portugal waren alle Karten vergriffen.

SPIEGEL ONLINE: In der Olympiastadt Sotschi blieb bei der Eröffnungsfeier die halbe Tribüne leer.

Novikov: Moskau und Sankt Petersburg, das sind große Fußballstädte. In Sotschi ist das anders, das ist ein Bade- und Skiort. Der örtliche Klub wird aus der dritten Liga absteigen, wegen Finanzproblemen.

SPIEGEL ONLINE: Sie fotografieren seit Jahren Amateurfußballer in Russlands Provinz. Wie blicken die auf das Turnier - und auf die kommende Weltmeisterschaft 2018?

Novikov: Sie sind natürlich stolz, dass die WM in Russland stattfindet. Zugleich schauen sie auf das Turnier als etwas, das weit weg ist: Die Probleme des Amateurfußballs sind völlig andere, sie haben nichts mit den Turnieren zu tun. Sie sind mit der WM-Vergabe an Russland nicht kleiner geworden. Aber klar, die meisten Amateurspieler schauen die Spiele. Die Mannschaft des Klubs Legion aus Pskow war etwa empört, dass ihr Spiel zeitgleich mit dem von Russland gegen Neuseeland angesetzt war.

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SPIEGEL ONLINE: Planen Ihre Gesprächspartner, sich die WM anzusehen?

Novikov: Ich habe unter den Amateurspielern, die ich kennen gelernt habe, eine kleine Umfrage gestartet. Die Meinung ist einhellig: Theoretisch würden sie das gerne machen. Aber die meisten Spieler arbeiten, viele im Schichtdienst. Sie müssten Urlaub nehmen. Und für viele ist unklar, wie man an Tickets kommt. Dafür braucht man zunächst einen "Fan Pass", also eine Art Akkreditierung. Aber das Entscheidende ist im Moment - gerade in der Provinz - das Geld. Die Tickets und die Anreise sind zu teuer.

SPIEGEL ONLINE: Geben WM und Confed Cup dem Fußball in Russland einen Schub?

Novikov: Die Qualität des Fußballs steigt nicht, weder auf Klubebene noch bei den Nationalteams. Manche machen dafür unser Legionärs-Limit verantwortlich: Es gebe zu wenige ausländische Profis, die unsere Ligen auf ein anderes Niveau heben könnten. Viele junge russische Spieler würden stattdessen früh extrem gut dotierte Verträge unterschreiben - und danach in ihrer Entwicklung stagnieren.

SPIEGEL ONLINE: Macht sich die schlechte wirtschaftliche Lage bemerkbar?

Novikov: Die Zahl der Klubs, die am offiziellen Ligabetrieb teilnehmen, sinkt, und zwar aus finanziellen Gründen. Traditionsteams nehmen Namen von Sponsoren an, um zu überleben. Es gibt zwar ein staatliches Programm zum Bau von Kunstrasenplätzen, die werden wirklich hier und dort gebaut. Auf der anderen Seite werden im Gebiet Murmansk keine Teams mehr zugelassen, die nicht über ein Kunstrasenfeld verfügen. Die Zahl der Teams hat sich dort halbiert.

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SPIEGEL ONLINE: Profitiert denn die Premier Liga vom Fußballboom?

Novikov: Sie ist langweiliger geworden. Viele Klubbesitzer haben finanzielle Probleme, manche haben mit Sanktionen zu kämpfen, vom Staat gibt es keine Hilfe. Dynamo Moskau (der Ex-Klub von Kevin Kuranyi, Anm. d. Red.) musste eine Saison in der zweiten Liga spielen, Tom Tomsk hat die ganze Rückrunde in der ersten Liga mit der Reservemannschaft gespielt. Im Schnitt kommen etwa 11.000 Zuschauer zu Erstligapartien. Daran hat sich seit Jahren wenig verändert.

SPIEGEL ONLINE: Wohin ging Ihre letzte Reise?

Novikov: Ich bin nach Wolgograd gefahren. Die Stadt bereitet sich vor auf die Weltmeisterschaft und baut ein neues Stadion. Der örtliche Klub Rotor - 1995 hat er mal Manchester United im Uefa-Cup geschlagen - hat gerade den Aufstieg in die zweite Liga geschafft. Aber selbst die Fans wissen, dass das Stadion niemals voll sein wird. Es wird dennoch viel Infrastruktur gebaut, ein neuer Flughafen, Straßen, das wird der Stadt nutzen.

SPIEGEL ONLINE: Wen haben Sie fotografiert?

Novikov: Ich habe im Städtchen Kamyschin ein Team porträtiert, das ebenfalls eine reiche Geschichte hat. Der FC Textilschik hat 1994 mal ein Freundschaftsspiel mit Palmeiras aus Brasilien ausgetragen und trat im Uefa-Cup an. Inzwischen spielen hier nur noch Amateure um die Kreismeisterschaft.

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insgesamt 3 Beiträge
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M. Vikings 24.06.2017
1. Kein Wunder wenn es um die goldene Ananas geht.
Dann sind die Stadien auch halbleer. Schöne Bilder. Ich ziehe mal das positive aus den einfachen Verhälnissen, die die Bilder erkennen lassen. Sport und Spaß kann man immer und überall haben, und der Profisport ist zweitrangig.
darthkai 24.06.2017
2. Volle Stadien
beim Confed Cup waren bislang eine brasilianische Ausnahmeerscheinung. Weder in Südafrika, Frankreich oder Deutschland waren die Stadien voll. Dabei war das Turnier 2005 mit Argentinien und Brasilien attraktiver besetzt, Deutschland für die Masse der europäischen Fans in 2h erreichbar (und auch für die lateinamerikanischen näher), und in den größten Arenen wurde erst gar nicht gespielt. Die billigsten Tickets damals kosteten übrigens 18€, auch kein sooo großer Unterschied zu den 15€ für die sie die vermeindlich verzweifelten Russen "verramschen" ;)
hackmackenreuther 24.06.2017
3. Was soll das?
Welche der Photos sind denn lustig oder traurig? Ich hab nur Bilder gesehen, die völlig normal wirken. Amateurfussball unter schwierigen äusseren und finanziellen Bedingungen halt. Zunehmend irreführende oder krawallige Überschriften auf dieser Seite. Das nervt!
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