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20. Juni 2017, 05:18 Uhr

DFB-Sieg über Australien

Leon, der Profi

Aus Sotschi berichten und

Beim Confed-Cup-Auftakt der deutschen B-Elf lief noch längst nicht alles rund. Aber einer der vielen Neuen im Löw-Kader hat sich bereits in den Vordergrund gespielt: Leon Goretzka machte beste Eigenwerbung.

Es kann gut sein, dass später alle einmal schreiben werden: In Sotschi fing es an. Es fing an, dass Leon Goretzka im DFB-Dress auf sich aufmerksam machte. Eine große Laufbahn des damals 22-Jährigen in der Nationalmannschaft begann. Und es war die Partie im Confed Cup 2017 gegen Australien.

Man sollte vorsichtig sein, dieses Turnier mit irgendetwas zu überfrachten. Auch mit zu positiven Karriereprognosen. Aber was der junge Schalker beim 3:2-Erfolg gegen die allerdings schwachen Australier auf den Platz brachte, war beeindruckend.

"Er ist heute irrsinnige Wege von hinten nach vorne gelaufen, er hat einen Elfmeter herausgeholt und selbst getroffen", zählte Mitspieler Joshua Kimmich nach der Partie auf - mit dem eindeutigen Resümee: "Für mich war er der beste Spieler auf dem Platz, einfach klasse."

Ein Fazit, dem sich auch der Bundestrainer in seiner Analyse des Spiels deutlich annäherte. Goretzka sei "sehr präsent" gewesen, sagte Joachim Löw, "und wie er in die Räume in die Tiefe geht, das macht er überragend." Wie beim 3:1, als er von Kimmich feinsinnig freigespielt, den Ball versenkte.

Lob machte dem Spieler selbst ein mulmiges Gefühl

So viel Lob kam dem Spieler selbst dann schon übertrieben vor. "Ich bin gerade erst dabei, mir meine Rolle in der Nationalmannschaft aufzubauen", sagte er. Es sei aus seiner Sicht "vermessen, schon eine Führungsrolle einzufordern". Das gilt tatsächlich, wenn Toni Kroos, Sami Khedira, Mesut Özil und die anderen Mittelfeld-Haudegen nach der Sommerpause zum DFB zurückkehren. Im Kreise des Confed-Cup-Kaders hat sich Goretzka sein Standing bereits erarbeitet.

Auch wer ihn nicht Woche für Woche bei Schalke gesehen hat, bekam eine Ahnung, warum der Mittelfeldspieler so hartnäckig mit dem FC Bayern in Verbindung gebracht wird. Noch allerdings ist Goretzka ein Königsblauer.

Beim WM-Vorlauf geht es für Spieler wie ihn vor allem darum, Punkte zu sammeln für die wenigen noch freien Plätze, die der WM-Kader 2018 noch bereithält. Dafür hat Goretzka am Montagabend in der mäßig gefüllten Fisht-Arena in Sotschi zumindest einiges getan. 28.605 Zuschauer wollten die Partie sehen, überall im Stadion taten sich Lücken auf. Aber wer kann es dem russischen Publikum auch verdenken, dass sie nicht in Strömen zu einem DFB-Spiel kommen, in dem nur zwei Weltmeister mitspielen? Wer kennt in Sotschi schon Lars Stindl und Sandro Wagner?

"Die Zuschauer haben doch gute Stimmung gemacht", wollte sich Wagner den Abend aber nicht durch eine Debatte um halbleere Stadien vermiesen lassen. Und auch Stindl befand die Stimmung im Stadion als "absolut okay". Wobei es gerade am Anfang der Partie manchmal so leise war wie bei einem Geisterspiel nach einem DFB-Urteil. Bis auf die Tribüne konnte man einzelne Kommandos hören, es hatte zeitweise die Atmosphäre eines für Zuschauer öffentlichen Abschlusstrainings.

Torwart Bernd Leno war es dabei wahrscheinlich ganz recht, dass nicht so viele Leute zuschauten, als er bei beiden Gegentreffern unglücklich agierte. "Beim zweiten Tor hätte er den Ball schon festhalten können", musste auch Löw zugeben, der ansonsten alles tat, seine Nummer eins in Schutz zu nehmen. Für ihn sei das überhaupt kein Problem, er wisse, was der Torwart könne.

Ohnehin war Zufriedenheit angesagt. "Was diese Mannschaft nach nur zehn Tagen, an denen sie jetzt zusammen ist, schon umsetzt, das war im Vorfeld nicht zu erwarten", sagte der Bundestrainer. Keiner könne erwarten, dass "nach zehn Tagen schon alles funktioniert", und dabei mochte ihm niemand widersprechen.

Die Mängel in der Chancenverwertung, die Defizite in der Abwehr nach dem Halbzeitwechsel, der Umstand, dass "wir die beiden Tore leichtfertig hergeschenkt haben", wie Wagner es nannte - all dies wollte Löw nicht zu hoch hängen. Und angesichts dessen, dass diese Mannschaft nur ein Turnier lang tanzen wird, ist eine solche Haltung ja auch angemessen.

Gegen den kommenden Gegner kann sich das allerdings rächen. "Chile ist für mich eines der weltbesten Teams derzeit", machte Löw mit Blick auf die nächste Partie am Donnerstag in Kasan deutlich (20 Uhr, High-Liveticker SPIEGEL ONLINE). Gegen Arturo Vidal und Stürmer Alexis Sánchez müssen einige zulegen, das trifft vor allem auf die Arrivierten zu, auf Julian Draxler, Jonas Hector und Shkodran Mustafi, die es alle drei noch erheblich besser können als gegen die Australier.

Gegen Chile braucht es jedenfalls mehr als einen starken Leon Goretzka. Aber vielleicht schreiben irgendwann ja alle, wenn sie auf die Karriere des Schalkers zurückblicken: Und nach Sotschi kam dann die Partie in Kasan.

Australien - Deutschland 2:3 (1:2)
Tore:
0:1 Stindl (5.), 1:1 Rogic (41.), 1:2 Draxler (44., Foulelfmeter), 1:3 Goretzka (48.), 2:3 Juric (56.)
Australien: Ryan - Degenek, Sainsbury, Wright - Luongo (46. R. Kruse), Milligan- Mooy, Rogic (71. Troisi) - Leckie, Behich - Juric (87. T. Cahill)
Deutschland: Leno - Kimmich, Mustafi, Rüdiger - Brandt (63. Süle), Rudy, Hector - Goretzka, Draxler - Stindl (78. Can), Wagner (58. Werner)
Schiedsrichter: Mark Geiger (USA)
Gelbe Karten: Sainsbury - Goretzka
Zuschauer: 28.000

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