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28. Juni 2017, 18:08 Uhr

DFB-Verteidiger Hector

Der, der immer spielt

Aus Sotschi berichtet

Jonas Hector ist der "Mister Zuverlässig" in der Nationalmannschaft. Der Kölner ist kein filigraner Fußballer, aber mit seiner soliden Art hat er sich einen Stammplatz in der DFB-Elf gesichert.

Am vergangenen Sonntag ist Jonas Hector etwas Ungewöhnliches passiert: Er war nicht von Anfang an dabei, als es gegen Kamerun um den Gruppensieg beim Confed Cup ging.

Der ewige Jonas Hector bekam vom Bundestrainer eine Pause vergönnt. Seit 2015 war er fast immer mit von der Partie, fast immer in der Startformation, nur beim Testspiel in Italien im vergangenen November hatte er einmal ausgesetzt. Wenn es am Donnerstag im Halbfinale gegen Mexiko (20 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) ans Eingemachte geht, dann gehört Hector, das ist so gut wie sicher, wieder zur ersten Elf.

Der 27-Jährige hat die Baustelle auf der linken Abwehrseite in der Nationalmannschaft geschlossen. Seit er spielt, hat Joachim Löw das ebenso langwierige wie erfolglose Experimentieren auf dieser Position aufgeben dürfen. Allein das ist schon Kompliment genug.

Hector-Fußball hat keinen Bling-Bling-Faktor

Hector spielt, wie er ist. Zuverlässig, ohne Schnörkel, bodenständiger Sport. Er ist kein fußballerischer Überflieger, was man vor allem daran erkennt, wie viele Flanken ihm nach einem Vorstoß auf seinem Flügel noch misslingen. Aber er ist einer, der seinen Job so macht, dass er am Ende des Spiels eigentlich immer im Zeugnis stehen hat: Kaum Fehler, und zwei, drei sehr gute Offensivaktionen waren auch dabei.

Auf diese Weise hat es der Saarländer inzwischen auf 31 Länderspiele gebracht, er hat die meisten Einsatzminuten in der Nationalmannschaft seit der Weltmeisterschaft 2014. Mehr als Toni Kroos, mehr als Manuel Neuer und Jérome Boateng. Immer brav und solide die Linie rauf und runter, und wenn es gut läuft, dann gelingt ihm auch so eine saubere Vorlage wie im zweiten Gruppenspiel gegen die Chilenen, als er Lars Stindl das Tor zum 1:1-Ausgleich auflegte.

Hector ist der DFB-Stammspieler mit dem wenigsten Bling-Bling-Faktor, wie passend, dass er beim 1. FC Köln seine Arbeit verrichtet. Der Verein, der unter Peter Stöger und Jörg Schmadtke die wohl unglamouröseste Zeit seiner Bundesliga-Geschichte verlebt. Und das ist als Kompliment gemeint.

Barcelona? Chelsea? PSG? Köln!

So einer wie Hector, der in jedes Mannschaftsgefüge passt, der keinen Radau macht, aber trotzdem klug ist, so einer taugt zum Trainer-Liebling. So ist es ist auch kein Zufall, dass schon diverse Vereine angeklopft haben sollen, die mit Verlaub noch etwas größer sind als der 1. FC Köln. Der FC Barcelona, der FC Chelsea, zuletzt Paris Saint-Germain, so hieß es. Hector hat alle diese Angebote bislang abmoderiert, geräuschlos natürlich. Er spielt in der kommenden Saison lieber Europa League mit dem FC als Champions League mit Barça oder PSG. Kein Marketingberater könnte das besser verkaufen.

"Mexiko, das wird harte Arbeit", "es ist gut, dass wir in Sotschi einen zusätzlichen Tag zum Regenerieren hatten", "wir haben uns alle gestern sehr über die U21 gefreut, aber so ein Elfmeterschießen würden wir uns gerne ersparen" - Pressekonferenzen mit Jonas Hector sind jetzt auch kein Spektakel, aber der Nationalspieler erledigt solche Pflichten mittlerweile mit derselben Ruhe und Ernsthaftigkeit, mit der er auch auf dem Platz seine Leistungen abliefert.

Er selbst hat nie in der U21 gespielt, deren Halbfinalsieg gegen die Engländer er vor dem Fernseher verfolgt hatte. Er hat ohnehin keine einzige der Nachwuchsteams des DFB durchlaufen und sich seine Sporen stattdessen beim Viertligisten SV Auersmacher verdient, bevor die Kölner Scouts ihn entdeckten und er sich über die zweite Mannschaft nach oben arbeitete.

Eigentlich ist so etwas gar nicht mehr möglich angesichts der Dichte, mit der der DFB mittlerweile seinen Nachwuchs sichtet, bei all den Jugendzentren und Talentspähern, die kreuz und quer durch die Republik unterwegs sind. Niemand von solcher Güte entgeht dem Spinnennetz der Jugendarbeit im deutschen Fußball. Normalerweise. Hector ist der lebende Gegenbeweis, der zeigt, dass das eben doch noch geht.

Am Sonntag in Sankt Petersburg würde Hector gerne in seinem dann wohl 33. Länderspiel die Trophäe des Confed Cup in die Höhe halten. In der Bilanz der Erfolge seiner Fußballkarriere steht bisher: Zweitliga-Meister und Aufstieg in die 1. Bundesliga 2014. Jonas Hector hat noch viel zu gewinnen.

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