Brasilien bei Copa América Die Seleção hat die Herzen verloren

Die Südamerikameisterschaft findet in Brasilien statt, das eigene Team steht im Halbfinale. Aber die Brasilianer interessiert das kaum. Die Stadien sind nicht voll. Die Frauen haben den Männern den Rang abgelaufen.

Gabriel Jesus (oben) und Torwart Alisson Becker bejubeln den Einzug ins Halbfinale nach dem Elfmeterschießen gegen Paraguay
JUAN IGNACIO RONCORONI/EPA-EFE/REX

Gabriel Jesus (oben) und Torwart Alisson Becker bejubeln den Einzug ins Halbfinale nach dem Elfmeterschießen gegen Paraguay

Von , Rio de Janeiro


Oben auf der Tribüne riss der verletzte Neymar beide Arme hoch, als Torwart Alisson Becker den ersten Elfmeter parierte. Die brasilianische Nationalmannschaft hatte es zuvor nicht geschafft, Paraguays Abwehr zu überwinden, und das obwohl der Gegner nach einem Platzverweis (59.) in Unterzahl spielte. Eine Verlängerung ist im Viertelfinale der Südamerikameisterschaft nicht vorgesehen, also musste es im Elfmeterschießen gelingen.

Gabriel Jesus verwandelte schließlich den entscheidenden Strafstoß zum 4:3 (0:0/0:0)-Sieg. Brasilien steht damit im Halbfinale (Mittwoch) bei diesem ersten Turnier im eigenen Land seit der WM 2014. Der Gegner der Brasilianer wird am Abend zwischen Argentinien und Venezuela ermittelt (21 Uhr/Stream: Dazn).

Den Frauen schauen mehr Menschen zu als den Männern

2014 verlor die Seleção im WM-Halbfinale 1:7 gegen Deutschland. Viele Brasilianer stehen ihrer Elf seither skeptisch gegenüber. Der Zittersieg gegen Paraguay wird nicht dazu dienen, die Herzen zurück zu gewinnen.

Brasilien gefiel bei der Copa América bisher nur beim 5:0 gegen Peru in São Paulo. Den 3:0-Auftakterfolg gegen das wehrlose Bolivien verbuchten die Landsleute als Dienst nach Vorschrift, nach dem 0:0 gegen Venezuela im zweiten Gruppenspiel gab es gar Pfiffe in der Arena Fonte Nova von Salvador.

Zuletzt haben die Fußballerinnen den männlichen Kollegen die Schau gestohlen, die WM der Frauen in Frankreich erregte mehr Interesse als die Copa América vor der Haustür. Der Mediengigant "Globo" zeigte die WM-Spiele von Marta und Co. erstmals im Free-TV, und am Wochenende sahen tatsächlich mehr Menschen bei den Frauen zu als bei den Männern.

Nach der knappen Niederlage gegen WM-Gastgeber Frankreich wurde die Seleção Feminina am Dienstag am Flughafen Guarulhos von São Paulo mit großem Brimborium empfangen. "So war es nicht mal, als wir mit einer olympischen Medaille heimkamen", wunderte sich Angreiferin Cristiane.

Ein Handicap der Männer ist, dass Kontinental-Meisterschaften in Brasilien ohnehin weit weniger Begeisterung auslösen als Weltmeisterschaften, anders als in Europa, wo die EM der WM wenig nachsteht. Weil die Eintrittskarten auch noch teuer sind, blieben die Stadien bei vielen Spielen bisher halbleer. In der Arena do Grêmio gegen Paraguay gab es ebenfalls freie Plätze.

In den Städten fehlt Werbung für das Turnier, in Rio merkt man außerhalb des Stadions Maracanã wenig. Am Strand der Copacabana hat Südamerikas Fußballverband ein Gelände für Besucher abgesteckt, viele Anhänger von Titelverteidiger Chile sind dort unterwegs, allerdings nur wenige Brasilianer.

Neulich bei einer Demonstration für den Präsidenten Jair Bolsonaro waren mehr Leute im kanariengelben Nationaldress zu sehen als jetzt bei der Copa América. Die Rechtsextremen haben sich das gelbe Hemd angeeignet, ein weiteres Problem der Nationalelf.

Neymar bestimmt weiter die Schlagzeilen

Die Auftritte im vergangenen Jahr bei der WM in Russland, wo das Team im Viertelfinale an Belgien scheiterte, haben auch nicht geholfen. "Die letzte WM war auch eine Blamage", meint zum Beispiel die Anhängerin Lenira (30) in einer Bar im Stadtteil Leblon von Rio, "Neymar fiel die ganze Zeit nur hin."

Diesmal ist er gar nicht aktiv dabei, er verletzte sich vor dem Start am Knöchel. Weil sich der 27-Jährige zudem dem Vorwurf der Vergewaltigung ausgesetzt sieht, meinen einige, dass die Blessur aufgebauscht wurde, um den Star aus der Schusslinie der Medien zu nehmen. Zur Aussage vor Gericht humpelte der Angreifer von Paris Saint Germain noch medienwirksam auf Stelzen und mit ernster Miene. Am Sonntag in der Arena Corinthians und nun in Porto Alegre erklomm er seinen Tribünenplatz schwungvoll und gut gelaunt.

Für die Fans war der Ausfall Neymars zunächst ein Schock, aber Umfragen zufolge finden die meisten mittlerweile, dass er nicht so sehr fehlt. Trotzdem nimmt sein möglicher Wechsel aus Paris zurück nach Barcelona viel Raum in den Medien ein, der beste Fußballer des Landes bleibt Neymar trotz aller Eskapaden.

Everton wird zum Lichtblick

In seiner Abwesenheit ist Everton Sousa Soares, kurz Everton, zum Liebling aufgestiegen, gegen Paraguay stürmte er im Stadion seines Klubs Grêmio an der Seite von Jesus ( Manchester City) und Roberto Firmino (FC Liverpool). Der filigrane 23-Jährige überzeugt mit schnellen Dribblings und scharfen Schüssen, er traf gegen Bolivien und Peru, blieb diesmal aber wirkungslos.

Everton
Edison Vara / AP

Everton

Sein Spitzname ist "Cebolinha" (Zwiebelchen), weil er der gleichnamigen Comicfigur aus der populären Serie "Turma da Monica" (Monica und ihre Freunde) ähnlich sieht.

Ein baldiger Wechsel nach Europa ist wahrscheinlich, Grêmio will sich mit der Hälfte der festgeschriebene Ablöse von 80 Millionen Euro zufrieden geben. Laut dem Internetportal globo.com haben mehrere europäische Topklubs Interesse, darunter Borussia Dortmund und Bayern München. Grêmio transferierte schon den 22 Jahre alten Arthur für 30 Millionen Euro zum FC Barcelona. Der talentierte Regisseur ist Brasiliens Hoffnung für die Zukunft.

Die Stärke der brasilianischen Mannschaft liegt diesmal aber in der Abwehr. Die Innenverteidiger Thiago Silva und Marquinhos bilden mit Liverpools Torwart Allison ein Dreieck, das seinesgleichen sucht in Südamerika. Brasilien ist auch nach dem vierten Spiel noch ohne Gegentor.

Das ist ganz nach dem Geschmack des konservativ denkenden Nationaltrainers Tite. Es lässt die meisten Landsleute aber kalt.

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golfstrom1 28.06.2019
1. Copa America
Das Turnier hatte schon tolle Emotionen in der Vergangenheit zu bieten. Ich denke die Brasilianer sind derzeit als Ausrichter großer Veranstaltungen nach der WM2014 und Olympia 2016 erstmal satt und ermüdet. Dazu kommt, dass die derzeitige brasilianische Nationalmannschaft nicht die Emotionen auslöst wie Teams vergangener Tage. Was möglich ist, hat man am olympischen Fußballlturnier gesehen, indem die Brasilianer eine tolle Euphorie auslösten. Und auch die WM2014 hatte tolle Emotionen zu bieten, welche sich allerdings eher negativ auf die brasilianische Mannschaft ausgewirkt haben und in dem traumatisierenden Halbfinalspiel gegen Deutschland gipfelte. Grundsätzlich sollte man meiner Meinung nach den Goldcup und die Copa America zusammenlegen und ein großes Turnier, identisch einer EM, aller amerikanischen Mannschaften ausrichten. Hier kämen mit Kanada, Mexiko, den USA und auch Ländern wie Jamaika, Trinidad oder Costa Rica noch interessante Nationen hinzu.
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