Peru im Finale der Copa América Nach 44 Jahren zurück an der Spitze

Während einer Militärdiktatur "rettete" Perus goldene Generation den Fußball. Es folgten Jahrzehnte in der Bedeutungslosigkeit - bis Ricardo Gareca den Trainerposten übernahm.

Ricardo Gareca führte Peru ins Finale der Copa
Henry Romero / REUTERS

Ricardo Gareca führte Peru ins Finale der Copa

Aus Rio de Janeiro berichtet


Am 4. Oktober 1975 lag das fußballerische Glück einer ganzen Nation plötzlich in der Hand eines 14-jährigen Mädchens. Verónica Salinas griff in eine improvisierte Lostrommel, holte ein gefaltetes Blatt heraus und sorgte so dafür, dass Perus Nationalmannschaft ins Finale der Copa América einzog. Wenig später gewann das Team das Endspiel gegen Kolumbien. Dieser Sieg bei der Südamerika-Meisterschaft damals ist bis heute der größte Erfolg des peruanischen Fußballs. Es war der zweite Copa-Triumph nach dem Gewinn 1939.

Verónica Salinas (r.) bescherte Peru 1975 den Finaleinzug
El Comercio/ ZUMA Press/ imago images

Verónica Salinas (r.) bescherte Peru 1975 den Finaleinzug

Möglich machte ihn eine goldene Generation von Spielern mit Namen, die auch in Deutschland noch klingen: Teófilo Cubillas, Hugo Sotil und Héctor Chumpitaz. Nun aber sollen Ex-HSV-Profi Paolo Guerrero und seine Mitspieler diesen Erfolg möglichst am Sonntag im Finale (22 Uhr, Stream: Dazn) der aktuellen Copa América wiederholen.

Das Spiel findet im Maracanã-Stadion von Rio de Janeiro statt, Gegner ist Gastgeber Brasilien. Der nimmt die Paarung nur bedingt Ernst. Nachdem Perus Finaleinzug feststand, twitterte Seleçao-Kapitän Dani Alves nur zwei Worte: "Das war's" und hing einen nachdenklichen Smiley an. Schließlich hatten die Brasilianer die Peruaner im Gruppenspiel 5:0 vermöbelt.

In Peru kam diese Überheblichkeit gar nicht gut an. Man erinnerte daran, dass die Peruaner im Copa-Halbfinale vor mehr als vier Jahrzehnten schließlich gegen Brasilien gesiegt hätten, auch wenn es umstritten und an einer Art "grünem Tisch" war. Dass damals überhaupt das Los über den Einzug ins Finale der Copa entscheiden musste, lag an einer Lücke im Reglement.

Peruanerin als Losfee

Die Copa dauerte seinerzeit noch mehrere Wochen und wurde in Hin- und Rückspielen ausgetragen. Peru hatte das Halbfinal-Hinspiel in Brasilien 3:1 im Minerão-Stadion von Belo Horizonte gewonnen, aber das Rückspiel dann mit 0:2 in Lima verloren. Da die Auswärtstorregel nicht bekannt war und auch sonst nicht geregelt war, was man bei ausgeglichenem Torverhältnis machen sollte, beschlossen die Funktionäre noch am selben Abend, man möge doch das Los entscheiden lassen. Die Wahl der Losfee fiel zwei Stunden später auf Verónica Salinas, Tochter von Teófilo Salinas, der nicht nur Präsident des südamerikanischen Fußball-Verbands war, sondern auch Peruaner. Brasiliens leise Proteste an diesem Losentscheid blieben unerhört.

Wenn Perus Helden von damals heutzutage auf diese Epoche der Siebzigerjahre zurückblicken, dann kommt Wehmut auf. "Diese Generation hat noch wichtigeres geschafft als zu gewinnen", sagte Juan Carlos Oblitas der spanischen Zeitung "El País". "Sie hat den Fußball gerettet". Oblitas, heute Direktor der Nationalmannschaften im peruanischen Verband (FPF), war der Linksaußen dieser goldenen Generation. Sein Spitzname "war El Ciego", der Blinde. Oblitas trug Kontaktlinsen.

Carlos Oblitas: "Diese Generation hat noch wichtigeres geschafft als zu gewinnen."
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Carlos Oblitas: "Diese Generation hat noch wichtigeres geschafft als zu gewinnen."

So erinnert sich "El Ciego" noch heute, dass die linke Militärregierung unter General Juan Velasco damals den Profifußball "reamateurisieren" wollte. Das Ansinnen war nach dem Copa-Gewinn Geschichte, was nicht nur an dem Sieg der Peruaner lag, sondern auch daran, dass General Velasco noch während des Turniers gestürzt wurde.

Jahrzehntelang in der Versenkung

Noch einmal machte diese erfolgreiche Generation von sich reden, drei Jahre später bei der WM 1978. Gegen Gastgeber Argentinien, damals unter einer Militärdiktatur, verlor das bereits ausgeschiedene Peru 0:6 - inzwischen ist bekannt, dass Argentinien den Sieg vermutlich mit Bestechung und politischem Druck erkaufte. Der Sieg war jedenfalls gerade hoch genug für Argentiniens Einzug ins Endspiel.

1982 qualifizierte sich Peru noch für das Weltturnier in Spanien, schied aber ohne Sieg aus, und anschließend versank der peruanische Fußball in der Bedeutungslosigkeit.

Erst Ricardo Gareca hat ihn da wieder rausgeholt. Der stoische Argentinier mit der knarzigen Stimme ist seit 2015 Nationaltrainer, und er hat die starke Generation um die ehemaligen Bundesliga-Profis Guerrero und Jefferson Farfán (früher Schalke 04) zum Erfolg geführt. Peru wurde bei der Copa América 2015 Dritter und fuhr 2018 nach 36 Jahren erstmals wieder zu einer WM.

Die Ästhetik für den Erfolg geopfert

Mit Gareca habe Peru die "Verlierermentalität" hinter sich gelassen, findet Nationalmannschaftsdirektor Oblitas. Früher habe es immer geheißen, Peru spiele zwar schön, gewinne aber nicht. Das ist nun anders. Bei dieser Copa América ist es eher umgekehrt. Die Rotweißen spielen meist unansehnlich, aber siegreich. Einzig gegen Chile konnte Peru ästhetisch überzeugen und zog verdient ins Finale ein.

Davon war anscheinend Gareca selbst überrascht. Nach dem Halbfinale wirkte er fast so, als empfinde er das Endspiel als eine Belastung. "Na ja", sagte Gareca, "wenn man dann schon mal in einem Finale steht, dann gibt es ja keine andere Möglichkeit als es auch gewinnen zu wollen". Am Tag vor dem Spiel klang er schon optimistischer: "Wir sind heute in der Lage, um Titel zu kämpfen und sind darauf vorbereitet, dieses Finale zu gewinnen". Mit den Siegen gegen Uruguay und Chile in den Viertel- und Halbfinals habe sich seine Mannschaft das nötige Selbstbewusstsein geholt, um einen "so großen Gegner wie Brasilien zu begegnen", sagte der 61-Jährige.

Von 1996 bis 2014 trainierte Gareca Klubmannschaften in Argentinien, Kolumbien, Peru und Brasilien
Juan Mabromata / AFP

Von 1996 bis 2014 trainierte Gareca Klubmannschaften in Argentinien, Kolumbien, Peru und Brasilien

Vielleicht hängt diese Gelassenheit auch damit zusammen, dass Gareca jüngst lesen konnte, an welch seidenem Faden sein Leben einst während seiner aktiven Karriere hing. "El Tigre", der Tiger, wie Gareca zu seiner aktiven Zeit hieß, war ein gefragter Stürmer in den Achtzigerjahren. Er spielte für die beide großen Klubs in Buenos Aires, Boca Juniors und River Plate, und 1985 zog es ihn für vier Jahre nach Kolumbien, wo er bei América de Cali dank 57 Toren in 116 Spielen zur Legende wurde.

Aber América war damals der Club des Cali-Kartells, das sich in einem Krieg mit dem Medellín-Kartell von Pablo Escobar befand. Escobar habe Gareca eine ganze Zeit töten wollen, sagte jüngst Jhon Jairo Velázquez, alias "Popeye", der peruanischen Zeitung "El Popular". Der Stürmer sollte mit einer "Carro Bomba", einer Autobombe ermordet werden, erzählte der ehemalige Chefkiller und Leibwächter von Escobar. Nur die Liebe seines Chefs zum Fußball habe ihn dann doch umdenken lassen.

Gareca sagte, er habe davon nicht das Geringste geahnt: "Ich habe sensationelle Jahre in Kolumbien gehabt."



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