Peter Ahrens

Corona-Infektionen in der Bundesliga Völlig verantwortungslos

Peter Ahrens
Ein Kommentar von Peter Ahrens
Ein Kommentar von Peter Ahrens
Der Fall von positiv getesteten Personen beim 1. FC Köln lässt die Bundesliga in einem kläglichen Licht erscheinen. Die Vereine wollen unbedingt wieder spielen, um die Risiken sollen sich andere kümmern.
Der Geißbock ist immerhin schon einmal weggesperrt

Der Geißbock ist immerhin schon einmal weggesperrt

Foto:

Federico Gambarini/ dpa

Die Corona-Infektionen beim 1. FC Köln kommen aus Sicht der Bundesliga zu einem denkbar ungünstigen Zeitpunkt. Am Mittwoch will die Politik bestimmen, ob die Liga fortgesetzt werden kann oder nicht - und da sind Infizierte bei einem Erstligisten die schlechteste Nachricht, die man im Vorfeld einer solchen Entscheidung aussenden kann.

Schließlich ist das Szenario von Corona-positiven Profis immer noch der schwächste Punkt des detaillierten Hygienekonzepts der DFL - an der Frage, ob dann nur die betroffenen Spieler oder die gesamte Mannschaft, plus die des gegnerischen Teams in Quarantäne muss, hängt das Wohl der gesamten Spielplanung. Wenn aus der Politik Bedenken zu hören sind, dann dreht es sich fast immer um genau diesen Punkt.

Ein FC-Spieler, der Belgier Birger Verstraete, übte zunächst in einem Interview in der Heimat  Kritik an dem gesamten Prozedere von Liga und Verein, ruderte dann aber in der offiziellen Stellungnahme des Vereins zurück beziehungsweise wurde zurückgepfiffen. Anscheinend werden hier nicht Mundschutze, sondern Maulkörbe verteilt. Der "Kicker" berichtet zudem, dass die DFL die Vereine in einer Mail zur öffentlichen Zurückhaltung ermahnt , was die Bekanntgabe von Testergebnissen bei den Spielern angeht.

Die DFL will die Kontrolle auf diesem sensiblen Themenfeld behalten, von daher nahm sie am Montagnachmittag selbst die Meldung vor, dass insgesamt zehn positive Fälle nach der sogenannten ersten Testwelle in der 1. und 2. Bundesliga aufgefallen seien.

Als Beleg für das Funktionieren umgedeutet

Der Chef der für das Hygienekonzept verantwortlichen Task Force, der DFB-Arzt Tim Meyer, deutete die positive Testung sogar als Beleg dafür um, dass das System der DFL funktioniere. Damit wurde der Interpretationsspielraum einer solchen Meldung bereits auf seine denkbare Maximalgröße ausgedehnt.

Vor allem aber macht das Beispiel Köln deutlich, wie schwierig die Verantwortungskette in einem solchen Fall ist. Wer ist wirklich zuständig, wer ist derjenige, der am Ende die Entscheidung darüber trifft, wer auf den Platz darf und wer in häusliche Quarantäne muss? Dies alles läuft letztlich auf die eine Frage zu: Wer übernimmt die Verantwortung?

Die Verantwortung dafür, was getan wird, wenn sich Spieler infizieren. Die Verantwortung dafür, wenn dieses Feldexperiment unter freiem Himmel schiefgeht, wenn sich das gesundheitliche Risiko als zu hoch erweist. Wer steht gerade?

Wasch mir den Pelz, aber mach mich nicht nass

Dass Vereine versuchen, die Entscheidungsgewalt auf die Gesundheitsämter zu verlagern, man könnte auch sagen, abzuschieben, dass aufs Robert Koch-Institut und dessen Richtlinien verwiesen wird, ist aus ihrer Sicht nachvollziehbar. Aber es bleibt der Eindruck hängen: Wenn es gut geht, dann hat die Liga alles richtig gemacht. Wenn es schlecht läuft, dann haben die Gesundheitsexperten eben so entschieden - im Zweifelsfall falsch. Ein klassischer Fall von: Wasch mir den Pelz, aber mache mich nicht nass.

Das Beispiel Köln erinnert an Verantwortungsgeschacher, gar kein schöner Anblick, vielmehr eine klägliche Demonstration. Der Verein gab die Entscheidungsgewalt an Sachbearbeiter des Gesundheitsamtes weiter - wobei je nach Wohnsitz der Infizierten auch noch unterschiedliche Gesundheitsämter zuständig waren. Die Ämter wiederum beziehen sich auf die Vorgaben des RKI - am Ende steht der Verein als die Unschuld vom Lande da.

Den Vereinen wird es auf diesem Wege leicht gemacht, die Verantwortung an ihre Spieler selbst weiterzugeben. Und das mit öffentlichem Rückhalt. Die "Bild"-Zeitung hatte vor zwei Wochen diese Richtung mit einem Kommentar vorgegeben , in dem es hieß, es komme jetzt auf die Spieler an, auf ihren Lebenswandel, darauf, alle Vorschriften des Gesundheitskonzepts minutiös einzuhalten. Wenn dann doch ein positiver Fall auftritt, dann hat der Spieler sich eben nicht vorbildlich verhalten. Das im Internet kursierende Facebook-Video von Hertha-Profi Salomon Kalou  ist das passende Anschauungsmaterial dazu.

Entweder der Spieler ist schuld oder das Gesundheitsamt - besser kann es für einen Verein vermutlich nicht laufen.