Fußball-Bundesliga Gewerkschaft der Polizei lehnt Geisterspiele ab

Sollen die Bundesliga-Klubs vor leeren Rängen spielen? Fans sind gespalten. Niedersachsens Innenminister betont die Sonderrolle des Fußballs. Die Polizei-Gewerkschaft befürchtet erhöhte Ansteckungsgefahr. Der Überblick.
Foto: Tom Weller/ DPA

Die Debatte über mögliche Bundesligaspiele ohne Publikum hat sich intensiviert. Die Ministerpräsidenten Markus Söder (CSU) und Armin Laschet (CDU) hatten am Montag den 9. Mai als möglichen Termin in Aussicht gestellt. Das Bundesinnenministerium ist allerdings gegen die vorzeitige Festlegung eines Termins und die Sportministerkonferenz sprach von Mitte/Ende Mai als möglicher Zeitspanne.

Zwar sind auch Politiker gegen die Wiederaufnahme des Spielbetriebs, so wie der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach , doch diese Stimmen wirken mittlerweile marginalisiert. Am Dienstag veröffentlichte der SPIEGEL das Konzept für Fußballspiele ohne Publikum , erarbeitet von einer DFL-Taskforce aus Medizinern.

Die Deutsche Fußball Liga (DFL) will das weitere Vorgehen am Donnerstag in einer virtuellen Mitgliederversammlung beraten, die anstehende Entscheidung wird von zahlreichen Akteuren kontrovers diskutiert: Es geht um das gesellschaftliche Signal, ökonomische Fragen, die Sonderrolle des Fußballs, die Frage nach dem Sinn von Fußballspielen ohne Zuschauer und um die Gesundheitsgefährdung für die Beteiligten.

Lesen Sie hier die Diskussionsbeiträge im Überblick:

Pistorius: Der Profifußball hat eine Sonderrolle

Der niedersächsische Innenminister Boris Pistorius (SPD) sieht in möglichen Geisterspielen eine Signalwirkung. Laut Pistorius bestehe durchaus das Risiko eines falschen Signals an die Bevölkerung, aber "etwas Eindrucksvolleres, als ein Fußballspiel ohne 70.000 Zuschauer im Stadion zu sehen, um zu dokumentieren, dass wir in einer Ausnahmesituation sind, kann es gar nicht geben", sagte der 60-Jährige im Interview der "Neuen Osnabrücker Zeitung" .

Dabei könne jeder "spüren, dass das alles andere ist als eine Rückkehr zur Normalität", sagte Pistorius. "Und, seien wir ehrlich, für viele Millionen Fußballfans in Deutschland würde es den Samstagnachmittag in solchen Zeiten erträglicher machen." Die Frage, ob der Profifußball eine Sonderrolle innehabe, bejaht Pistorius: "Es gibt hierzulande keine Profi-Sportart, die eine solche wirtschaftliche Bedeutung hat wie der Fußball. Deshalb kann man die Situation auch nicht mit der des Basketballs oder Handballs vergleichen."

An einen Neustart schon am 9. Mai glaubt der SPD-Politiker, der sich mit seinen Amtskollegen in der Sportministerkonferenz am Montag beraten hatte, nicht. "Ich bin skeptisch, dass Mannschaften, die erst seit knapp zwei Wochen wieder im eingeschränkten Trainingsbetrieb sind, am 9. Mai schon wieder im Wettkampfmodus sein sollen." Davon abgesehen brauche die Installation des notwendigen Hygienekonzepts einen Vorlauf. Ein Starttermin werde Pistorius zufolge nicht vor dem 30. April festgelegt werden können, wenn die Ministerpräsidenten mit Bundeskanzlerin Angela Merkel konferieren.

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Umfrage: Fans befürworten Geisterspiele

Dass ein Großteil der Bundesligafans Geisterspiele befürwortet, legt eine Umfrage nah. Einer Erhebung der Voting-App FanQ in Zusammenarbeit mit Intelligent Research in Sponsoring (IRIS) zufolge glauben 74 Prozent der 1350 befragten Fußballfans daran, dass die Spielzeit trotz der Pandemie beendet werden kann. Um dies zu verwirklichen, befürworten 79 Prozent die Austragung der Partien unter Ausschluss der Öffentlichkeit.

In Zeiten von Covid-19 bezeichnen demnach 73 Prozent der Fans Geisterspiele zur Ablenkung vom Alltag als "sehr wichtig" oder "wichtig". Gleichzeitig stimmen 63 Prozent der Aussage zu, dass bei Geisterspielen die Gefahr bestünde, dass sich Fans vor dem Stadion versammelten. Als Motiv für die möglichst baldige Wiederaufnahme der Bundesliga-Saison sehen die meisten vor allem finanzielle Gründe: 89,9 Prozent denken, es ginge dabei primär um die Sicherstellung von TV- und Sponsoringeinnahmen. Der sportliche Wettbewerb (40 Prozent) oder die Unterhaltung der Fans (20,1 Prozent) seien dabei weniger wichtig.

Gespalten sind die Fans bei der Frage der gesellschaftlichen Akzeptanz der Austragung der Spiele trotz der Pandemie. 47 Prozent glauben, dass die Fans bei einer Fortsetzung der Saison Covid-19 nicht mehr so ernst nehmen würden. 47,6 Prozent denken hingegen, dass dies nicht der Fall sein werde. Ausnahmeregelungen für den Profifußball fänden 44,2 Prozent "irritierend".

Fanszene fordert Wertewandel

Für die Fanszene geht es bei der Diskussion nicht nur um leere Stadionränge, sondern um einen Wertewandel. "Wir möchten nicht mehr über Symptome diskutieren, sondern endlich über die Krankheit und die Wege zur Gesundung des Fußballs sprechen", fordert die Organisation "Unsere Kurve". Der neue Fußball brauche Visionäre, um eine Balance zwischen wirtschaftlichen Interessen und gesellschaftlicher Verantwortung herzustellen.

Über 70 Ultra-Gruppen haben sich in vergangene Woche in einem Aufruf gegen Spiele ohne Zuschauer ausgesprochen und ebenfalls einen Kulturwandel gefordert. "Der Profifußball ist längst krank genug und gehört weiterhin in Quarantäne", heißt es in einer Erklärung.

Gewerkschaft der Polizei: Erhöhte Ansteckungsgefahr trotz Geisterspielen

Die Gewerkschaft der Polizei (GDP) zweifelt am Sinn einer Bundesliga-Fortsetzung während der Coronakrise. "Auch ohne Seuche ist Fußball sehr personalintensiv für die Polizei", sagte der stellvertretende Bundesvorsitzende Jörg Radek der Deutschen Presse-Agentur. Würde die Saison jetzt mit Geisterspielen fortgesetzt, bestehe die Gefahr, dass Fans sich trotz Kontaktverbot vor den Stadien versammeln, um ihre Mannschaften zu unterstützen. "Fußballspiele würden dann für die Polizei einen noch höheren Personalaufwand bedeuten", sagte Radek. Es bestünde eine erhöhte Ansteckungsgefahr.

Fußballlehrer: "Nur eine Notlösung"

Für den Bund Deutscher Fußball-Lehrer (BDFL) sind Geisterspiele nur eine Notlösung. "Zu einem Bundesligaspiel, wie wir es uns vorstellen, gehören Fans. Ohne diesen äußeren Rahmen gehen alle damit verbundenen Emotionen verloren", sagt BDFL-Präsident Lutz Hangartner. Eine Fortsetzung der Bundesliga kommt für ihn nur infrage, wenn gesundheitliche Risiken ausgeschlossen werden können.

Spielervertreter: Gesundheit im Vordergrund

Für die Spielergewerkschaft VDV steht die Gesundheit der Profis im Vordergrund. "Die Spieler möchten natürlich auch, dass der Ball möglichst bald wieder rollen kann", sagt VDV-Geschäftsführer Ulf Baranowsky, allerdings nur unter der Voraussetzung, dass dies aus medizinischer Sicht verantwortbar sei.

Die Idee, die Spieler im Falle einer Saisonfortsetzung zu isolieren, lehnt Baranowsky ab. Die Sportler stünden einer solchen Maßnahme skeptisch gegenüber, und auch die Arbeitsverträge würden derartige Quarantäne-Lager nicht vorsehen. "Die Spieler bezweifeln zudem, dass sich dadurch das Infektionsrisiko ganz erheblich reduzieren ließe", betont er.

Anmerkung der Redaktion: In einer ersten Textversion hieß es, 74 Prozent der befragten Fans würden die Austragung von Geisterspielen befürworten. Tatsächlich sind es 79 Prozent. Statt 72 Prozent halten 73 Prozent der Fans Geisterspiele zur Ablenkung vom Alltag für "sehr wichtig" oder "wichtig".

ala/ngo/dpa/sid