Saison 1972/1973 Als die Maul- und Klauenseuche Österreichs Fußball durcheinanderbrachte

Verlegte Spiele, ein verzerrter Abstiegskampf, eine historische Entscheidung: Die Maul- und Klauenseuche sorgte Anfang der Siebzigerjahre für Verwerfungen im österreichischen Fußball, die die Liga nachhaltig veränderten.
Foto: Horst Rudel/ imago images

Im Januar 1973 brach in Österreich die Maul- und Klauenseuche (MKS) - eine extrem ansteckende Viruserkrankung, die vor allem Rinder und Schweine befällt - aus, die das Land über ein halbes Jahr im Griff haben sollte. Mehr als 80.000 Tiere mussten getötet werden, auch die Endphase der österreichischen Fußballmeisterschaft war betroffen - mit dramatischen Folgen.

Nachdem sich die Seuche vor allem in Niederösterreich und im Nordburgenland rasant ausgebreitet hatte, zogen die Behörden am 13. Mai 1973 die Notbremse. Auch wenn sich Menschen in der Regel nicht anstecken können, wird bei der MKS das öffentliche Leben zum Schutz der Landwirtschaft sehr eingegrenzt. In Österreich führte das für einen Monat zu einer Absage sämtlicher Spiele von Admira-Wacker und dem SC Eisenstadt, die aus 16 Teams bestehende Nationalliga stand nach 24 von 30 Spieltagen vor einem Dilemma: Wie sollte die Saison fair beendet werden, wenn beide Teams erst wieder ab dem 12. Juni ins Spielgeschehen eingreifen durften? Die Lösung: Zwei Partien des SC Eisenstadt wurden hinter das eigentliche Saisonende am 30. Juni terminiert.

Liga-Chef Tschank in heikler Doppelrolle

Diese Entscheidung von Liga-Chef Johann Tschank sorgte für Unmut bei den in den Abstiegskampf verwickelten Klubs. Pikant: Tschank war gleichzeitig Chef des SC Eisenstadt.

Und es kam, wie es kommen musste: Die letzten Spieltage gerieten zur Farce. Leidtragender war Sturm Graz, das zum Zeitpunkt des ursprünglichen Saisonfinals um 18 Uhr auf dem rettenden elften Tabellenplatz stand, wurde nach und nach von den hinter ihm liegenden Teams überholt. Klagenfurt, das überraschend später am Abend antreten durfte, holte wenige Stunden später den rettenden Punkt gegen das seit dem Nachmittag als Meister feststehende Wacker Innsbruck.

Die Vienna sicherte sich gegen Admira-Wacker, für das es um nichts mehr ging und das das Training bereits eingestellt hatte, wenige Tage später die nötigen Zähler. Und der SC Eisenstadt punktete gegen Austria und Rapid Wien - für beide ging es in diesen Partien um nichts mehr. Die Konkurrenz war gerettet, Sturm Graz stand plötzlich auf einem Abstiegsplatz.

Knappe Entscheidung pro Aufstockung

Das wollten sich die Grazer nicht gefallen lassen. Bereits direkt nach der Neuansetzung der Partien hatten sie bei der Nationalliga-Kommission protestiert. Ihre Beschwerden waren allerdings von Tschank abgewiesen worden. Nun suchte Sturm-Präsident Hans Gert Verbündete und fand sie im steirischen Ligachef Franz Lösch und dem Wiener Verbandspräsidenten Franz Horr. Am 13. Juli, sechs Tage nach dem verspäteten Saisonende, trafen sich die Mitglieder des ÖFB-Bundesvorstandes in Wien, um über den Protest der Grazer zu entscheiden.

Diese hatten gleich ein halbes Dutzend Punkte zusammengetragen, warum Sturm doch noch in der Liga bleiben solle: die für Eisenstadt günstigen Verlegungen, eine geringere Pause für Admira-Wacker, der spätere Anstoßtermin der Begegnung zwischen Klagenfurt und Innsbruck und die abgewiesenen Proteste durch den befangenen Tschank.

Nach hitziger Diskussion entschied eine Stimme zugunsten der Grazer. Einer derjenigen, die für eine Aufstockung der Liga auf 17 Teams stimmten: Johann Tschank.

Neue Liga als Resultat

Die Wirren jener Wochen sollten jedoch nachhallen: Der Ruf nach Professionalisierung sollte spätestens nach den krachenden Niederlagen der Nationalmannschaft Ende September und Anfang Oktober gegen England (0:7) und Deutschland (0:4) nicht mehr verklingen. Im April 1974 entschied der ÖFB, bereits zur folgenden Saison eine aus nur noch zehn Teams bestehende Bundesliga einzuführen und gleich sechs Teams absteigen zu lassen.

Für die Teilnahme wurde eine Fünf-Jahres-Wertung zugrunde gelegt. Zu den zehn Klubs, die sich qualifizieren konnten, gehörte auch Sturm Graz. Die Spielzeit 1974/1975 beendete der Klub auf Rang fünf. Letzter und einziger Absteiger war: der SC Eisenstadt. Graz spielt seit 1993 ununterbrochen in der höchsten Spielklasse und holte seitdem dreimal den Meistertitel. Eisenstadt musste nach schweren finanziellen Turbulenzen 2008 den Spielbetrieb einstellen, 2018 stieg er wieder in den Spielbetrieb ein. Man startete in der untersten burgenländischen Spielklasse, der 2. Klasse Nord. 

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