Jan Göbel

Re-Start Die Bundesliga wird zum Versuchslabor

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Ein Kommentar von Jan Göbel
Der Fall von Dynamo Dresden erinnert noch mal: Profifußball bleibt auch mit einem Hygienekonzept ein Gesundheitsrisiko für Fußballer. Wer jetzt nicht spielen will, ist kein Spielverderber.
Das erste Spiel ohne Zuschauer in der Bundesliga: Gladbach gegen Köln Mitte März

Das erste Spiel ohne Zuschauer in der Bundesliga: Gladbach gegen Köln Mitte März

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Roland Weihrauch/ picture alliance/dpa

Was muss noch passieren, damit die Deutsche Fußball Liga die Saisonfortsetzung in der Ersten und Zweiten Bundesliga infrage stellt?

Ein Fall wie bei Dynamo Dresden hat zumindest schon mal nicht ausgereicht, damit DFL-Geschäftsführer Christian Seifert von den Re-Start-Plänen ab dem 16. Mai abrückt. Für zwei Wochen muss der Zweitligist in Quarantäne, so lautet die Entscheidung des örtlichen Gesundheitsamts nach neuen Covid-19-Fällen im Dresdner Klub. Das Team darf für 14 Tage kein Mannschaftstraining abhalten, keine Pflichtspiele bestreiten. Damit ist der sportliche Gedanke der zweiten Liga obsolet. Wo kein Wettbewerb mehr ist, bräuchte es eigentlich auch keine Saisonfortsetzung.

Seifert bleibt aber dabei: Der Fall Dresden ändere nichts am Ziel, sagte der DFL-Chef im "Aktuellen Sportstudio", bis Ende Juni soll die Profifußballsaison zu Ende gespielt worden sein.

Die Reaktion überrascht nicht. Seit Wochen peitscht die DFL mit ihrem Sicherheitskonzept ihre Planungen voran, sie betrieb Lobbyarbeit. Auch Profis und Partner zogen mit: Nationalspieler Manuel Neuer schrieb einen Gastbeitrag in der "FAZ" , um für den Wiederanpfiff zu werben, der Rechteinhaber Sky schaltete eine ganzseitige Werbefläche in der "Bild"-Zeitung. Die Infektionszahlen gingen zudem zurück. Nach einigen Wochen Anlauf war die Politik bereit, ihr Go zu geben. Das lässt man sich vom Fall in Dresden nicht direkt wieder einkassieren. Dresden ist aktuell Tabellenletzter der zweiten Liga, also derzeit das kleinste Rad im Businessmodell Profifußball.

Und doch ist die Reaktion erstaunlich. Die Entwicklung in Dresden stellt in erster Linie nämlich nicht die Frage, ob die Saison fortgesetzt werden kann. Sondern sie stellt eher die Frage, ob das Hygienekonzept womöglich doch schwächer ist als gedacht. Warum sich das Coronavirus in den Klubs weiter verbreiten kann - trotz einer groß angelegten Offensive mit zwei Testwellen pro Woche.

In Dresden hatte es bereits nach der ersten Testreihe einen positiven Covid-19-Fall im Team gegeben. Der Spieler wurde in Quarantäne geschickt. In einer zweiten Testreihe vier Tage später hatte es dann keinen positiven Test mehr bei Dynamo gegeben. Dresden stieg ins Mannschaftstraining ein. Nach zwei Tagen im Vollkontakt der Spieler wurden jedoch zwei Profis positiv getestet.

Das Problem bei einem Coronatest: Er schlägt in der Regel nicht direkt an, wenn ein Mensch infiziert ist, sondern erst, wenn er auf genügend Viruslast stößt. Durch die zeitlichen Verschiebungen kann es auch in der Bundesliga mit ihren vielen Tests vorkommen, dass ein Spieler an einem Mannschaftstraining teilnimmt - obwohl er längst ein positiver Covid-19-Fall ist. In Dresden könnte genau das passiert sein.

Eigentlich ist die Botschaft dieses Falls eindeutig: Auch das in der Theorie beste Sicherheitskonzept stößt in der Covid-19-Pandemie an seine Grenzen. Es gibt einfach zu viele offene Fragen. Profisport mag in all seinen Ausprägungen zwar kein Gesundheitssport sein, dennoch ist Gesundheit die Voraussetzung, um ihn überhaupt ausführen zu können. Die Gesundheit sollte gerade im Sport an erster Stelle stehen, sie tut es aber nicht, wenn in der aktuellen Phase wirklich gespielt wird. Es geht dann nur um TV-Gelder und Sponsoreneinnahmen.

Was passiert mit der Lunge?

Nicht ganz unerheblich für die Profis: Welche Langzeitschäden kann eine Covid-19-Erkrankung eigentlich mit sich bringen? Noch fehlen repräsentative Daten, aber Forscher warnen inzwischen vor dauerhaften Lungenschäden . Oder was passiert, wenn nun wieder Bundesligaprofis in hohen Tempo in Zweikämpfe gehen, obwohl sie diese nach wochenlanger Kontaktsperre erst seit wenigen Tagen wieder trainieren können? Sportwissenschaftler warnen vor erhöhter Verletzungsgefahr.

Die Spieler können durch das DFL-Konzept nicht vollends geschützt werden. Und niemand weiß, ob Dresden der einzige größere Fall bleiben wird. Auch international wird verfolgt, wie es weitergeht. Die Bundesliga ist praktisch die einzige große Sportliga der Welt, die in der Coronakrise wieder anlaufen darf. Scheitert der Plan, wird das eine abschreckende Wirkung auf die Sportwelt haben.

Dass die Profis trotz aller offenen Fragen nicht laut werden, überrascht nicht. Als der Kölner Birger Verstraete Zweifel an der Fortsetzung in einem Interview mit einem belgischen Fernsehsender äußerte, wurden die Aussagen vom Verein nur einen Tag später direkt wieder einkassiert - Teile des Gesprächs seien falsch übersetzt worden.

Das ist inzwischen sieben Tage her. Vielleicht wird der Fall von Dynamo Dresden nicht zum unmittelbaren Ende der Saison führen. Aber womöglich dient er als abschreckendes Beispiel auf die Spieler. Immerhin, mindestens zehn der 36 Profiklubs hatten es ihren Spielern zuletzt freigestellt, ob sie am Trainings- und Spielbetrieb teilnehmen möchten. Zu diesen Klubs gehört auch Dynamo. Eigentlich ist es bemerkenswert, dass diese Freiheit betont werden muss. Sie sollte derzeit selbstverständlich sein. Wer sich als Profi jetzt gegen den Fußball entscheidet, ist wirklich kein Spielverderber.

Der deutsche Profifußball drängt derzeit wie kaum eine andere Branche auf die Rückkehr zur Normalität. Er ist damit zu einem Symbol einer Entwicklung geworden, vor der vor wenigen Wochen noch gewarnt worden ist. Dass inzwischen wieder Tausende Menschen auf die Straßen gehen, um gegen Corona-Richtlinien zu demonstrieren, ist auch Teil dieser Entwicklung. Der Fußball hatte mit seinem Vorpreschen Erfolg, die Politik hat ihre Erlaubnis gegeben. Nun steht der Fußball auf einer Bühne, auf der er zeigen könnte, ob er wirklich gesellschaftliche Verantwortung übernehmen kann.

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