Peter Ahrens

Fußball in der Corona-Zeit In seiner eigenen Welt

Peter Ahrens
Ein Kommentar von Peter Ahrens
Das Coronavirus hat unser Alltagsleben in kurzer Zeit komplett verändert, der Fußball jedoch versucht immer noch, Normalität vorzugaukeln. Ein unwürdiges Schauspiel.

In diesen Tagen ist wieder häufiger das berühmte Zitat von Bill Shankly, dem legendären Liverpooler Trainer, zu hören gewesen: "Einige Leute halten Fußball für eine Sache von Leben und Tod. Ich versichere Ihnen, dass es viel ernster ist!" Der Satz wird immer gern zitiert, um die Bedeutung des Fußballs zu unterstreichen, so wahr wie im Moment ist er wahrscheinlich nie gewesen.

Es ist eine Ausnahmezeit, in der wir uns befinden. Rund um das Thema Corona geht es um die ganz großen Fragen, um die Frage, wie solidarisch unsere Gesellschaft mit den Alten, mit den Kranken umgeht. Es geht tatsächlich, ohne übertreiben zu müssen, um Leben und Tod. Der Fußball scheint das jedoch noch nicht verstanden zu haben.

Zuletzt wurde in Berlin beim 1. FC Union und bei Eintracht Frankfurt kleinlich darum gefeilscht, ob ihre Spiele vielleicht doch mit Zuschauern stattfinden dürften. RB Leipzig spielte am Dienstag unverdrossen vor Publikum gegen Tottenham Hotspur, nach dem Hinspiel vor Zuschauern in England wolle man die Wettbewerbsgleichheit gewährleistet sehen, so RB-Coach Julian Nagelsmann. Ein Argument, das zeigt, wie sehr der Fußball noch in seiner eigenen Welt weiterlebt, wenn sich um ihn herum schon alles verändert.

Die Krämerseelen im Fußball

Während ringsum Theater, Opernhäuser, Bühnen ihre Tore schließen, schließen müssen, während tagtäglich neue, schärfere Sicherheitsmaßnahmen greifen, während das gesamte Italien mittlerweile abgeriegelt ist, sind die Krämerseelen im deutschen Fußball noch damit beschäftigt, eine Normalität suggerieren zu wollen, die längst nicht mehr da ist. Letztlich lassen sie sich wie im Fall Union und Eintracht von Gesundheits- und Bezirksämtern die Entscheidung abnehmen, doch noch Vernunft walten zu lassen.

Und wenn überall in der Welt schon die Großveranstaltungen gekippt werden - im Fußball wird auf Teufel komm raus weitergespielt, dann halt ohne Publikum. Es sei denn, es ist die 3. Liga, da werden Spieltage dann auch schon mal komplett verschoben. Offenbar ist das Infektionsrisiko in Liga drei größer als in den beiden Topligen, die von der DFL vertreten werden.

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So wird in der Bundesliga tatsächlich derzeit Geisterspiel an Geisterspiel gereiht. Kann man sich ernsthaft vorstellen, dass jetzt neun Wochen lang jeden Samstag und Sonntag diese trostlosen Kicks durchgezogen werden, mit Kreisliga-Atmosphäre, immerhin steril, nur weil die Saison unbedingt zu Ende gespielt werden muss? Am Ende feiert der Meister von Absurdistan auf einem Rathausbalkon, natürlich unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Und von den Machern der EM in der Uefa hört man selbstverständlich, dass es keine konkreten Pläne gebe, das kontinentale Turnier zu verschieben.

Gemütlich in der Wagenburg

Alle werden derzeit aufgefordert, lieber zu Hause zu bleiben und die Außenkontakte zu minimieren, beim Fußball wäre dieser Appell überflüssig: Er ist längst in seiner Wagenburg und hat sich dort gemütlich eingemummelt.

Was wäre wirklich schlimm daran, wenn es 2020 keinen Deutschen Meister gäbe? Was wäre schlimm, wenn es keinen Europameister gäbe, keinen Champions-League-Sieger? Was spräche dagegen, die Auf- und Abstiegsregel unter diesen extrem außergewöhnlichen Umständen auszusetzen und die Bundesliga in der kommenden Spielzeit mit 20 oder 21 Teams antreten zu lassen?

Selbstverständlich ist es ein historischer Schritt, eine Saison abzubrechen - mit allen Konsequenzen. Und es wäre ein Kraftakt, sich danach zusammenzusetzen, darüber zu sprechen, die Folgen zu bewältigen, darüber, diejenigen zu entschädigen, denen durch ausgefallene Spiele Einnahmen entgehen: Und das sind nicht nur die Vereine, das sind auch und vor allem die Bratwurstverkäufer, die Security, die Zulieferer. Auch in dieser Frage geht es um Solidarität.

Aber es wäre der richtige Schritt: Dieses in jeder Hinsicht unwürdige Schauspiel sollte man schleunigst beenden und den Betrieb zumindest erst einmal vollständig ruhen lassen. Eine Absage der EM erscheint dadurch, dass sie sich auf zwölf Länder, darunter übrigens auch Italien, verteilt und kein einzelner Ausrichter die Gesamtverantwortung und die Kosten zu tragen hat, so möglich wie nie. Die Ligen hätten dadurch zudem Zeit gewonnen, sich mögliche Auswege zu überlegen, eventuell sogar später noch die Liga zu Ende zu spielen, falls es die Situation dann zuließe.

Schadensersatz, Haftungsfragen, Entschädigung - alles wichtig. Der große Fußball, der so oft und gern von den Werten spricht, könnte jetzt aber mal beweisen, dass es bei ihm nicht vor allem ums Geld geht. Ob er das hinbekommt?

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