AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 49/2016

Football Leaks Die Dose des Ronaldo

Ihr schwerster Gegner war das Finanzamt: Superstar Cristiano Ronaldo und Trainerlegende José Mourinho haben für ihre Werbemillionen Briefkastenfirmen in der Karibik benutzt. Typisch im Gier-Geschäft Fußball.

Cristiano Ronaldo
AP

Cristiano Ronaldo


Messi. Vergesst Messi. Es gibt Leute, die halten Messi immer noch für den Besten der Welt. Leute, die keine Ahnung haben. Nur weil Messi fünfmal Fußballer des Jahres war, Ronaldo erst dreimal. Nur weil Messi vier Champions-League-Titel geholt hat, Ronaldo drei. Nur weil Messi fantastische 50 Ligatore in einer Saison schoss, Ronaldo bloß phänomenale 48. Stimmt ja alles, aber was zählt das heute schon? Außer auf dem Platz. Aber wer auf dem Platz noch die Wahrheit im Fußball sucht, der hat eben: keine Ahnung.

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Heft 49/2016
Die Geldmeister

Die Wahrheit ist: Lionel Messi hat sich erwischen lassen. In diesem Sommer stand er vor dem Landgericht in Barcelona. Er bekam 21 Monate Haft auf Bewährung, er musste 2 Millionen Euro Strafe zahlen, weil er zusammen mit seinem Vater 4,1 Millionen Euro Steuern hinterzogen hatte. Was für eine Klatsche.

Und Ronaldo? Genauer gesagt, Herr Cristiano Ronaldo dos Santos Aveiro, wie er in seiner spanischen Steuererklärung heißt? Der hat Ende 2014 sehr diskret 63,5 Millionen Euro kassiert, aber offenbar keinen Euro Steuern dafür gezahlt. Und das Beste: Gut möglich, dass er damit sogar durchkommt. Dass so etwas auch noch legal war. 63,5 Millionen brutto wie netto, kein Gerichtsverfahren, keine Haftstrafe, vermutlich nicht mal ein schlechtes Gewissen.

Wer also ist der Beste im Fußball? Ronaldo! Es sei denn, dass nach diesem Artikel doch noch ein spanischer Finanzbeamter auf die Idee kommt, dass so etwas eigentlich nicht mit rechten Dingen zugehen kann: mit zwei Briefkastenfirmen auf den British Virgin Islands. Mit einer weiteren, die jahrelang Ronaldos Millionen bunkerte. Mit einem Konto bei einer Schweizer Privatbank. Mit seiner Steuererklärung, in der die 63,5 Millionen Euro und die ganzen Konten im Ausland mit keiner Zeile auftauchen.

Wie hatte Ronaldo mal gesagt? "Ich bin ein pfiffiges Bürschchen" und: "Es ist egal, ob du gut oder schlecht spielst, das Wichtigste ist, zu gewinnen." Dieser Satz gilt im Fußball auf dem Platz, für Spitzenfußballer gilt er aber auch auf dem Konto: Wer für seine Multimillionen-Einnahmen kein Schlupfloch findet, um die Steuern zu drücken, der gehört in der Branche zu den Verlierern.

Ronaldo ist da mit seinem Steuerspartrieb keine Ausnahme. Doch er ist neben Messi der bekannteste Name, die wertvollste Marke, der größte Star. Er ist die Ikone, die jetzt, in dieser Geschichte um Profis und ihren Profit, für alles steht, was den Glanz und das Elend des modernen Fußballs ausmacht. Den Glanz einer Weltreligion mit 1,6 Milliarden Gläubigen. Fans, die sich verzehren für ihr Team. Verzaubern lassen von ihren Halbgöttern. Von den scheinbar übernatürlichen Tricks eines Ronaldo, die man oft erst in Zeitlupe begreift. Das Elend aber heißt auch Ronaldo: dass nur das Ergebnis zählt, das Ego, der Erfolg. Dass alles irgendwie geht und im Grunde auch völlig egal ist - solange der Fiskus noch gerade so mitspielt oder sich ausspielen lässt. Und solange kein Fan, der die Millionen der Stars finanziert, je etwas davon erfährt.

Nun aber erfährt es die ganze Welt. Die Enthüllungsplattform Football Leaks hat dem SPIEGEL Festplatten mit 1,9 Terabyte Material überlassen, den größten Datenschatz in der Geschichte des Sports. So riesig ist der Aktenberg, so bedeutsam auch für andere Länder, dass der SPIEGEL den Stoff schon vor Monaten mit seinen Partnern von European Investigative Collaborations (EIC) geteilt hat. Seitdem haben 60 Journalisten aus zwölf Medienhäusern in Europa gemeinsam die zumeist vertraulichen Dokumente ausgewertet.

Und die zeigen, wie Ronaldo bis 2014 über eine Briefkastenfirma in der Karibik zig Millionen Euro Werbegelder abkassierte. Steuern zahlte er darauf kaum. Als wenn das nicht schon reichen würde, verkaufte er Ende 2014 seine Werberechte für die Jahre 2015 bis 2020 auf einen Schlag für weitere 75 Millionen Euro. Das Geld dribbelte er noch schnell in das Steuerjahr 2014 hinein. Das war nämlich das letzte Jahr, in dem für ihn ein Ministeuersatz in Spanien galt. Für 63,5 Millionen Euro, die er auf diesem Weg vorab einsackte, zahlte er offenbar gar keine Steuern. Heute sitzen ihm die Steuerprüfer im Nacken.

Die Papiere entlarven einen zweiten Superstar des Fußballs als Versteckspieler: José Mourinho, Meistertrainer mit Porto, Chelsea, Inter Mailand, Real Madrid, laut Eigenlob "The Special One" - und unbestritten der größte Exzentriker auf der Trainerbank. Exzentrisch, nämlich weit weg von seinem Lebensmittelpunkt, war auch das Geld geparkt: Es lag auf Konten in der Schweiz. Die gehörten einer Briefkastenfirma in der Karibik, die wiederum in eine Stiftung vom anderen Ende der Welt verpackt war, in Neuseeland. Mourinho, das dokumentieren die Unterlagen, wurde inzwischen zu einer Millionennachzahlung verdonnert.

Und auch andere Promi-Profis besorgten sich Gelddepots in exotischen Ländern. Pepe und Ricardo Carvalho, zwei portugiesische Europameister dieses Sommers. James Rodríguez, Torschützenkönig der Weltmeisterschaft in Brasilien. Alle drei spielen oder spielten bei Real Madrid, dem reichsten Klub der Welt, wo nicht nur die Gage der Fußballer extrem zu sein scheint, sondern auch der Übermut in Steuerfragen. Zu den Real-Spielern, die schlauer sein wollten, als der spanische Fiskus wohl erlaubt, gehört auch ein deutscher Weltmeister: Mesut Özil, heute beim FC Arsenal in London. Zwar war er mit seinem Geld nicht in ein Steuerparadies geflüchtet. Vor ein paar Monaten bekam er aber aus Spanien einen Steuerbescheid hinterhergeschickt. Özil soll zwei Millionen Euro nachzahlen. Außerdem brummten ihm die Behörden einen Strafzuschlag von knapp 790.000 Euro auf, wie jetzt durch Football Leaks herauskommt.

Und so lässt sich die Reihe fortsetzen.

Der Profifußball ist heute ein Showgeschäft, das größte der Sportwelt. Wer der Größte in dieser Show ist, dafür gibt es eine Maßeinheit: Geld in Euro oder Dollar. Die Transfersummen steigen, die Gehälter, die Werbeerlöse, Ronaldo verdient bei Real 38.181.818 Euro im Jahr. In Worten: achtunddreißigmillioneneinhunderteinundachtzigtausendachthundertachtzehn. Seine Ablöse - das, was ein anderer Klub zahlen müsste, um ihn Real abzukaufen - liegt bei einer Milliarde Euro. Die Zahlen der Profis sind so abgehoben vom Erdboden, von dem die Fans zu ihnen aufschauen, dass der Größenwahn zum ständigen Begleiter wird. Warum die Millionen teilen, warum abgeben?

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Football Leaks zeigt nun das hässliche Gesicht der Erfolgreichen: Sie wollen der Gesellschaft offenbar möglichst wenig zurückzahlen, am besten gar nichts, weil Göttern nun mal von ihren Gläubigen geopfert wird, nicht umgekehrt. Dafür reiten sie mit ihren Helfern auf der Rasierklinge des Steuerrechts herum, und wer nicht mitmacht, weil er sich noch an so etwas wie eine soziale Verantwortung erinnert, gilt vermutlich als zu schwach für den Erfolg.

Es gibt einen bemerkenswerten Satz in diesem Datenberg voller Gier und Größenwahn. Der Norweger Hans Erik Ødegaard hat ihn im Dezember 2015 geschrieben, nachdem Real seinen 16-jährigen Sohn Martin verpflichtet hatte, als größtes Talent Europas. Spanische Anwälte hatten durchgerechnet, wie sich eine steuerschonende Firma für die Werbeeinnahmen auswirken würde. Der alte Ødegaard aber hatte Bedenken, er schrieb: "Er wird sowieso viel Geld verdienen; deshalb ist es auch eine moralische Frage, wie viel Mühe er sich mit dem Versuch geben sollte, ein paar Steuern zu sparen, wenn andere Leute viel mehr damit zu kämpfen haben, ihre Rechnungen zu zahlen." Der Datensatz von Football Leaks enthält mehrere Millionen Dokumente. Man muss lange suchen, um so eines darin zu finden.

Martin Ødegaard findet man übrigens auch nicht mehr so leicht. Er spielt meist in der zweiten Mannschaft von Real. Bei der ersten kam er bisher nur zweimal zum Einsatz, es heißt, er sei nicht glücklich in Madrid.

Sechs Stunden, zwei Millionen

Was das wert ist, ein Tag im Leben von Cristiano Ronaldo? Schwer zu sagen, aber um einen Anhaltspunkt zu geben: 1,9 Millionen Dollar für 6 Stunden und 45 Minuten. Pro Minute 4691 Dollar. So nachzulesen im Vertrag mit Toyota, den Ronaldos Vermarkter im Juni 2013 abschloss. Dafür fliegt Ronaldo zu Werbeaufnahmen, First Class, auf Kosten von Toyota, steht dreieinhalb Stunden vor dem Mittagessen und dreieinviertel Stunden danach vor der Kamera, alles genau geregelt. Dann darf der Autohersteller 13 Monate lang mit den Bildern werben.

Allerdings kauft man bei einem Ronaldo mit 1,9 Millionen Dollar nicht die Welt. Reklame machen durfte Toyota nur im Nahen Osten; obendrauf gab es noch Algerien, Marokko, Afghanistan. Für den Rest der Erde hätte der Kunde extra zahlen müssen. Oder ein anderer: Denn in China warb Ronaldo zur selben Zeit für Honda. Das machte laut Vertrag noch mal 2 Millionen Euro für ein Jahr Laufzeit und höchstens 6 Stunden Arbeit vor der Kamera. Ein Zusatztermin in China, falls gewünscht, hätte 600.000 Euro gekostet. Für Ronaldos Verhältnisse ein Schnäppchen.

Fußball ist ein Weltereignis, das macht Ronaldo zum Weltstar, auch zum Weltwerbestar. Er kassiert nicht nur sein Spitzengehalt von Real Madrid; in den vergangenen Jahren hat er sich von Kopf bis Fuß verkauft: an die Shampoomarke Clear, an den Uhrenhersteller TAG Heuer, an das Modelabel Armani, an den Sportgiganten Nike. Nike bringt laufend neue Fußballschuhe mit dem berühmten Logo CR7 heraus - die 7 steht für Ronaldos Rückennummer.

Das Geld rauscht nur so herein, wenn man den Verträgen glauben darf: Mehr als 16 Millionen Dollar zahlt demnach Herbalife, der US-Nahrungsmittelriese, in fünf Jahren. 2,25 Millionen Euro kommen vom Banco Espírito Santo in Portugal, für drei Jahre. 300000 Euro für einen einzigen Fernsehauftritt in Rom. 1,1 Millionen von der Airline Emirates, für ein gutes Jahr. Nicht zu vergessen 15 Erster-Klasse-Flüge nach Dubai von jedem Punkt der Welt.

Bei jedem Slip mit dem CR7-Logo auf dem Gummibund liefert die dänische Unterwäschefirma JBS 13 Prozent vom Umsatz ab. Bei Nike sind es 5 Prozent vom Verkauf der CR7-Schuhe. Als die Amerikaner von September 2010 bis August 2011 weltweit gut 51 Millionen Euro mit CR7-Artikeln einnahmen, landeten davon knapp 2,6 Millionen bei der Firma, die Ronaldos Honorare einsammelt. Hinzu kamen noch 1,6 Millionen Fixgehalt von Nike pro Jahr plus die branchenüblichen Prämien für eine erfolgreiche Saison: 250.000 Euro etwa, weil er in der spanischen Liga Torschützenkönig wurde.

Dafür unterwirft sich Ronaldo dem Regime der Nike-Verträge: Wenn er länger als 90 Tage verletzt ist und nicht spielen kann, darf ihm Nike in der Zeit sein halbes Fixgeld streichen. Das Gleiche, wenn Ronaldo mehr als 20, aber weniger als 30 Spiele im Jahr für seinen Klub macht. Und als er 2014 zur WM fuhr, angeschlagen, nicht der Ronaldo, den man kannte, trieb ihn zwar sein Ehrgeiz, immer zu spielen, immer zu gewinnen, immer der Größte zu sein. Aber davon abgesehen: Hätte er bei der WM gefehlt, hätte ihn das auch die halbe Jahresumsatzbeteiligung kosten können.

Ronaldo aber liefert fast immer, in den vergangenen acht Jahren hat er nur 32 Real-Spiele wegen Verletzung verpasst. Und so zahlen die Werbekunden und zahlen und zahlen. Und Ronaldo steht vor dem Problem aller Superreichen: Was tun mit dem Geld, das ständig die Konten flutet? Zwar gingen bisher von jedem Werbe-Euro, der 15 Millionen im Jahr übersteigt, 40 Cent an seinen Verein Real Madrid. Steht so in einem Vertrag. Aber er braucht ja nur drei, vier Stunden vor die Tür zu gehen, etwas in die Kamera zu sagen, schon überweist ihm wieder irgendwer ein paar Hunderttausend oder Millionen. Das geht so leicht, so einfach. Nur dass es am Ende dann doch noch kompliziert wird. Weil auch der Staat etwas abbekommen möchte.

Dafür gibt es allerdings Berater, nicht nur bei Geldmeister Ronaldo. Spezialisten für Einkünfte aus Bildrechten. Darunter fassen die Juristen alles zusammen, was Fußballprofis mit ihrem Namen, ihrem Gesicht, ihrem Image, ihrem Autogramm verdienen. Meist also mit Werbung, aber auch zum Beispiel mit den Stickerfotos, die Kinder in ihre Panini-Sammelhefte kleben.

Darum geht es bei Football Leaks
    Die Enthüllungsplattform Football Leaks sammelt vertrauliche Daten und E-Mails zu den Geldflüssen im Fußball. So deckt sie illegale Zahlungen an Spielerberater und Investoren ebenso auf wie die Versuche, Millionen an der Steuer vorbeizuschmuggeln dank Offshore-Geschäften. Football Leaks schweigt zu seinen Quellen, hat die Dokumente allerdings dem SPIEGEL und anderen Medien im Verbund der European Investigative Collaboration zur Verfügung gestellt. Mit einem Umfang von 1,9 Terabyte handelt es sich um den bisher größten Datensatz im Sport.

Beim regulären Gehalt, das der Klub zahlt, ist es nicht so leicht, die Steuern zu drücken. Da sind die Regeln klar, die Geldströme eindeutig, die Finanzämter hart. Bildrechte sind dagegen eine andere Sache. Wenn es um Bildrechte geht, werden Steueranwälte zu Künstlern, die künstliche und kunstvolle Labyrinthe bauen, durch die das Geld läuft. Finanzbeamte, die ihm hinterherlaufen, finden sich darin nur schwer zurecht. Oder die Gesetze sind in manchen Ländern so fußballfreundlich geschneidert, dass die Jagd durchs Labyrinth schon am Eingang endet. Wenn es gut ausgeht für den Spieler, gibt sich der Fiskus am Ende mit Kleingeld zufrieden. Und wenn es sehr gut läuft, wird brutto zu netto.

Die Sache läuft im Groben und Ganzen so: Sein Gehalt muss der Profi zum Spitzensatz versteuern, in vielen Ländern Europas um die 50 Prozent. Das tut weh. Von Werbeerlösen bleibt dagegen weit mehr übrig, wenn man es richtig anstellt. Dafür überträgt der Spieler seine Werberechte auf eine Firma, die für ihn arbeitet. Sie kassiert dann seine Einnahmen, wenn er für Müsliriegel oder Deos in die Kamera strahlt. Von diesen Einnahmen geht aber nur die Körperschaftsteuer ab, so wie bei Firmen üblich. In Irland, einem beliebten Standort für solche Bildrechtefirmen, sind das 12,5 Prozent.

All die Chips- und Shampoohersteller, die mit dem Star werben, sind aber nicht die Einzigen, die Geld in die Bilderfirma einzahlen. Auch die Vereine füllen die Kasse. Real Madrid kauft seinen Spielern einen Teil ihrer Bildrechte ab. Dafür zahlt Real den Profis im Gegenzug ein festes Honorar - das auch wieder nur mit dem niedrigen Firmensatz versteuert wird.

So läuft das im Prinzip in allen großen europäischen Ligen. Schon 2000 hat ein englisches Gericht dem Holländer Dennis Bergkamp bescheinigt, dass die Praxis in seinem Fall korrekt war. Was aber nicht heißt, dass sie auch in anderen Fällen legal ist. Den Finanzämtern schmeckt die schlaue Aufteilung nicht; sie kostet den Staat Millionen. Immer wieder prüfen sie deshalb im Einzelfall, ob ein Spieler damit nicht doch Steuern hinterzieht. Die Grenze ist schmal, wo sie verläuft, nicht immer geklärt. So wollen die Fahnder etwa wissen, ob Bildrechte, die ein Klub seinem Profi teuer abgekauft hat, ihr Geld überhaupt wert sind. Kann der Verein die Ausgabe annähernd wieder hereinholen, zum Beispiel mit dem Verkauf von Trikots oder Autogrammkarten? Wenn nicht, dann geht es offenbar nur darum, dem Spieler einen satten Teil des Gehalts zum Dumpingsteuersatz auszuzahlen - das wäre verboten.

Bei Superstars, die ihrem Verein allein schon mit Trikotverkäufen Millionen in die Kasse spülen, bohren die Finanzbehörden an anderen Stellen: Ist die Bilderfirma eine reine Scheinfirma, ohne Büros und Personal? Dann könnte, je nach nationaler Rechtsprechung, das Geld so behandelt werden, als wäre es im Inland verdient worden - und voll steuerpflichtig.

Es ist wie so oft, wenn es um Geld geht: Je mehr Profit etwas einbringt, umso größer das Risiko, dass es schiefgehen kann. Der Vorteil, über Bildrechte zu kassieren, ist immens; das Risiko, Ärger mit dem Finanzamt zu bekommen, aber auch. Man kann es deshalb besser lassen, wie offenbar der junge Norweger Martin Ødegaard. Aber wenn man einen Agenten wie Jorge Mendes hat, dann lässt man es nicht, dann riskiert man es eben.

Jorge Mendes, der erfolgreichste Spielerberater der Gegenwart. Der Agent mit den größten Spielernamen, den größten Deals. Und offenbar: der größten Waghalsigkeit in Steuerkonstruktionen. Er ist der Mann, der Spieler schwindelerregend reich macht. Aber bei dem sie auch zu Zockern werden. Mit Briefkastenfirmen in der Karibik, um die ein großes Geheimnis gemacht wird. Aus gutem Grund, wie man annehmen darf.

Big Jorge

Mendes berät den spanischen Nationaltorwart David de Gea und den kolumbianischen WM-Torschützenkönig Rodríguez, er berät die halbe portugiesische Europameisterelf, Pepe, André Gomes, Ricardo Carvalho. Auch den jungen Renato Sanches, der jetzt bei Bayern München spielt. Aber vor allem berät er: Cristiano Ronaldo und den Trainerstar José Mourinho.

Es gibt einen Kinofilm aus dem vergangenen Jahr, der Ronaldos Leben nacherzählt (200.000 Dollar für Ronaldos Mitwirken plus Umsatzbeteiligung). Darin geht es auch um den frühen Tod von Ronaldos Vater, und Ronaldo sagt über Mendes, der sei für ihn "ein Vater geworden; Jorge gehört zu meiner Familie". Selbstverständlich sei "Big Jorge" aber auch der "beste Agent der Welt", ein Titel, den Mendes tatsächlich sechsmal hintereinander gewonnen hat, beim Branchentreffen "Globe Soccer Awards".

Mendes weiß so wie Ronaldo, wie sich Armut anfühlt. Und wie gut sich andererseits Geld anfühlt, so viel Geld, dass es zu Hause gar nicht mehr in den Safe passt, wie Ronaldo in dem Film mal sagt. Beide kommen aus Familien, die ihnen kaum etwas mitgeben konnten, nur den unbändigen Ehrgeiz, sich aus diesen Verhältnissen herauszuarbeiten, hoch zum Geld, zum Erfolg, zum Ruhm.

Mendes schaffte das als begnadeter Verkäufer. Erst verscherbelte er Videos, dann machte er eine Bar auf, dann verschacherte er einen seiner Barbesucher, den Torwart Nuno Espírito Santo, an Deportivo La Coruña. Damit war er Spieleragent. Und bald handelte er mit immer größeren Namen, auch weil er andere so begeistern kann wie sich selbst.

Im Film steht er bei einem Abendessen vor Ronaldo, einem Essen mit Freunden und der Familie des Stars; Mendes redet sich in eine Hymne hinein. "Du bist ein Monster. Das ist der Beste der Welt ... ich bin stolz darauf, neben so einem Mann zu stehen ... wenn ich dich nicht kennen würde, wollte ich dein Autogramm."

Gut zu verstehen, dass Fußballer ihn anhimmeln, erst recht, weil Mendes sie wie kein anderer zu den großen Vereinen bringt, an die großen Verträge. Von 2001 bis 2010 war er, so steht es in einer Selbstdarstellung, an mehr als der Hälfte aller Transfers beteiligt, die Portugals Topklubs Benfica Lissabon, Sporting Lissabon und der FC Porto machten. Von dort vermittelte er Spieler in die wirklich große Geldwelt des Fußballs, nach England, Spanien, Italien. "Nichts ist unmöglich", predigt Mendes im "Ronaldo"-Film, "nichts, nichts, nichts." Er kann gar nicht aufhören, noch mal "nichts" und noch mal "nichts" zu sagen, wie ein Guru, der sich und seine Jünger beschwört. Aber wenn nichts unmöglich ist, was ist dann möglich, wenn es um die Steuern der Spieler geht? Das nämlich gehörte über Jahre offenbar zum Spielerservice von Mendes: ein Steuermodell, bei dem sich Spitzenverdiener so weit wie möglich an der Steuer vorbeidrückten. Legal? Illegal? Nichts scheint unmöglich. Nichts.

Ein Versteck für den Mister

José Mourinho ist kein Starspieler, sondern Startrainer, aber wenn es danach geht, was er verdient und welche Allüren er sich leistet, kommt es auf den Unterschied nicht an. Mourinho, heute beim englischen Rekordmeister Manchester United, war einer der ersten Profis von Mendes, die sich eine Steuersparschiene in die Karibik legen ließen. Die beiden Prinzipien, nach denen sie konstruiert wurde, waren die gleichen, nach denen Mourinho im Fußball arbeitet: Verlieren ist absolut inakzeptabel. Und für den Erfolg ist jeder Trick erlaubt.

Legendär, wie Mourinho mal eine Sperre absitzen musste, im Spiel gegen Bayern München, aber trotz Verbots aus der Kabine Anweisungen auf die Trainerbank von Chelsea durchgegeben haben soll. Wie die "Times" später berichtete, versteckte er sich in einem Wäschekorb, um nach dem Spiel unentdeckt aus dem Stadion zu kommen.

Was dem Portugiesen der trickreiche Umgang mit Steuerregeln brachte, zeigen nun die Football-Leaks-Dokumente. Inzwischen hat sich der spanische Fiskus schon 4,4 Millionen Euro von ihm geholt. Mehr als 3 Millionen musste er nachzahlen, 1,1 Millionen kamen als Strafzuschlag obendrauf.

Wie es dazu kam? Im Jahr 2004 war Mourinho von Porto zum FC Chelsea nach London gewechselt. In Porto hatte er alles gewonnen, die Meisterschaft und - was für eine Überraschung - sogar die Champions League. Damit war er reif fürs große Geld, das man in Portugal nicht verdient. Er ging zu Chelsea, einem Verein, bei dem der Gewinn der europäischen Fußballkrone keine Überraschung, sondern Programm sein sollte. Der russische Oligarch Roman Abramowitsch hatte den Klub gekauft. Er begann damit, eine Mannschaft einzukaufen, ohne Rücksicht auf Verluste. Bei Chelsea spielten sie von nun an Spiel ohne Grenzen.

Auch Mourinho verdiente Millionen; die Rede ist von rund 5,3 Millionen Pfund im Jahr. Das war sein Gehalt als Trainer, das er als Spitzenverdiener voll versteuern musste. Doch zusätzlich bekam er von Chelsea von 2004 bis 2008 noch rund 1,5 Millionen Pfund für seine Bildrechte. Genauer gesagt: Nicht er bekam das Geld. Es ging in die Karibik, zu der Koper Services S.A., einer Briefkastenfirma auf den British Virgin Islands (BVI). Die Klitsche residiert dort in der Vanterpool Plaza, Road Town, Tortola, was pompöser klingt, als es ist.

Tatsächlich handelt es sich bei der Plaza nur um einen gelb verputzten Zweistock. Unten eine Apotheke, betrieben von einer Frau Vanterpool. Oben Büroräume, gemietet von einer Anwaltskanzlei, die Briefkastenfirmen zimmert; die sitzen hinter zugezogenen Vorhängen. Wenn es hier Geschäftstätigkeit gibt, dann sicherlich nicht von der Koper Services.

Die ist nämlich nur eine große Spardose: Bis mindestens 2013 flossen Millionen aus Mourinhos Werbung hierhin. Dazu hatte der Coach schon 2004, mit dem Wechsel zu Chelsea, seine Rechte an die Koper übertragen. Die durfte ihn seitdem vermarkten lassen und die Gelder einstreichen. Und diese Gelder versteuert so eine Firma auf den Inseln praktischerweise mit einem Unternehmenssteuersatz von - richtig: null Prozent.

Allerdings gab es da noch ein Problem: Renommierte Marken wie Adidas mögen es nicht, wenn sie Honorare in eine Steueroase schicken sollen. Bei einer Konzernprüfung des Finanzamts könnte der unschöne Verdacht aufkommen, dass man damit Steuerhinterziehung betreibt oder andere schmutzige Geschäfte finanziert. Die Werbepartner erwarten deshalb eine bessere Adresse als Road Town auf Tortola, und die Adresse lieferte in diesem Fall Irland: Schon bevor die Koper gegründet wurde, hatte eine irische Steuerkanzlei eine andere Firma aufgemacht, in Dublin. Ihr Name: Multisports & Image Management (MIM).

Irland, das war EU-Boden, das war der Puffer, den das Geschäft brauchte, damit Konzerne wie Adidas und Profivereine wie Chelsea bereit waren, für Bildrechte zu bezahlen. Weder der Standort Irland noch die Steuerkanzlei waren zufällig gewählt: Irland gilt mit seiner niedrigen Firmensteuer als Steueroase in Europa. Und dieselbe Kanzlei in Dublin, die MIM gründete, war auch "Big Jorge" Mendes zu Diensten. Sie betreute die Hauptfirma des Beraterkönigs, Gestifute.

Wer nun mit Mourinho warb, zahlte also an MIM in Irland. Was danach mit dem Geld passierte, wer wollte das schon wissen? Bei MIM, so belegen die Football-Leaks-Dokumente, blieb nur eine kleine Provision hängen; anfangs 6,5 Prozent, ab 2010 noch 4 Prozent. Später kam eine zweite Irlandfirma ins Spiel, Polaris, die einzige im Geflecht, die tatsächlich Personal hatte und arbeitete. Sie besorgte Werbejobs für Mourinho; wenn es klappte, kassierte sie 20 Prozent von den Einnahmen.

Und die Steuern? Wenn MIM oder Polaris einen Gewinn einfuhren, mussten sie den zwar versteuern, mit 12,5 Prozent. Aber eben nur ihren eigenen Gewinn, aus den Provisionen, aus ein paar Krümeln vom großen Kuchen. Nicht die Gesamteinnahmen, die Mourinho mit Werbung hereinholte. Die wanderten - nach Abzug der Provision für MIM und Polaris - auf die British Virgin Islands. Wo sie mit dem Steuersatz null versteuert werden.

So weit, so reich. Wie aber bekommt Mourinho das Geld eines Tages aus der Spardose wieder heraus? Das ist nun wirklich ein Problem. Erst recht, wenn keiner merken darf, dass es faktisch die Mourinho-Spardose ist. Aus den Dokumenten wird klar: Offenbar machten sich seine Steuerberater Sorgen, die ganze Chose könnte als mögliche Fassade für eine Steuerhinterziehung auffliegen, wenn herauskäme, dass Mourinhos Gelder bei Koper landeten.

Also waren auch ihre Begünstigten gut getarnt: Hinter der Karibikfirma standen Strohmänner. Und wer versteckte sich hinter ihnen? Eine Stiftung, ganz weit weg, in Neuseeland. Wie aus den Dokumenten hervorgeht, hatte Mourinho sie 2008 gegründet; der Begünstigte der Stiftung war er allerdings nicht.

Neuseeland - viel weiter könnte die Schnitzeljagd nicht von Mourinho wegführen. Verglichen mit seinem kindischen Versteckspiel im Wäschekorb ist das die hohe Kunst des Unsichtbarwerdens. Bei wem in Neuseeland endet es also? Die Stiftung hieß Kaitaia Trust. Der Name Mourinho tauchte dazu in Handelsregistern nicht auf. Noch ein Schnitzelchen, nicht das Ende der Suche.

Das findet sich erst in der Gründungsurkunde des Trusts, die in den Football-Leaks-Papieren liegt: Begünstigte waren demnach "Mourinhos aktuelle Ehefrau und seine Kinder". Und wer der wahre Herr über die Koper-Millionen war, darauf deuten andere Papiere hin: Die Koper-Konten vom 31. Dezember 2013 zeigten an, dass die Firma José Mourinho 11979657 Euro schulde, heißt es da. Schuldet? Das war offenbar der Kniff: Mourinho hatte seine Werbeeinnahmen - mehr als 11 Millionen Euro - der Koper anvertraut. Aber es blieb in der Familie, lag in seiner Reichweite, so gut wie unberührt auf Koper-Konten in der Schweiz.

Richtig heiß wurde die Sache für Mourinho allerdings, nachdem er 2010 zu Real Madrid gewechselt und von dort Mitte 2013 wieder zu Chelsea nach London zurückgegangen war. Im Juli 2014 begannen die spanischen Behörden, Mourinhos Spanien-Jahre und sein Firmengeflecht zu durchleuchten. Zwar hatte Real Madrid vor jeder Zahlung an Koper zehn Prozent gleich einbehalten und an den Fiskus abgeliefert. Die meisten anderen Werbepartner des Trainers zahlten aber ohne Abzug nach Irland. Und von dort war Mourinhos Geld - von den üblichen Provisionen für MIM und Polaris mal abgesehen - komplett ins Null-Steuer-Paradies BVI gegangen.

Die Bildrechte hat der Trainer in seiner spanischen Steuererklärung nie angegeben. Schon im Juni 2013 ahnte Julio Senn, Partner der Steuerrechtskanzlei Senn Ferrero, dass das nicht gut ausgehen werde. Senn, früher Generaldirektor bei Real Madrid, heute der begehrteste Anwalt für Fußballer mit Steuerproblemen in Spanien, hatte mit einem Kollegen über den Fall Messi gesprochen. Der Barcelona-Star hatte seine Bildrechtefirma in Belize und Uruguay untergebracht. Nun schrieb Senn an einen Steuerexperten namens Carlos Osório de Castro, der Agent Mendes beriet: Es sehe so aus, als hätten sich die Behörden auf eine Linie festgelegt. Nur wenn die Bildrechtefirma eines Fußballers echte Mitarbeiter habe, echte Büros, gebe es kein Problem. Andernfalls würden die Einnahmen wie normales Gehalt der Stars betrachtet. Voll zu versteuern. Für die Mendes-Kunden eine Schreckensnachricht.

Sorgen machte sich Senn erst mal um Mourinho. Der habe 2012 seinen Auslandsbesitz nicht angegeben, obwohl das Pflicht in Spanien sei. Im September 2014 hoffte der Staranwalt, dass Mourinho wenigstens ohne Strafverfahren davonkomme. Dafür sei Mourinho bereit zu zahlen, "was auch immer". Das, so ein Anwaltskollege, sei auch besser; einen Krieg werde Mourinho verlieren, und nicht nur er - "wir alle". Mendes sei sehr nervös.

Verständlich: Schließlich hatten die meisten Mendes-Kunden ein solches Steuermodell, mit einer Firma im Nirgendwo, bei der die Einnahmen aus den Bildrechten landen. Wenn man zusammenzählt, was bei seinen wichtigsten Klienten bis heute in der Karibik landete, kommt man auf mindestens 180 Millionen Euro. Feuerwehrmann Senn, der ab 2014 in höchster Not die Mendes-Spieler und Mourinho heraushauen sollte, ließ intern keine Zweifel aufkommen, was er davon hielt. "Vergiss nicht, dass die Struktur, die alle Kunden von Jorge haben, nicht die geeignetste ist für Leute mit einem Wohnsitz in Spanien", hieß es in einer Mail, die an den Mendes-Steuerexperten Osório de Castro ging. Der hatte das Modell als Berater begleitet. Dass die Steuerkonstruktion für Bildrechte nichts tauge, habe man ihm, Osório de Castro, doch schon so oft gesagt, klagte Senn.

Am deutlichsten wurde Senn, als es um die akuten Schwierigkeiten des portugiesischen Nationalspielers Fábio Coentrão ging. Auch der hatte eine Briefkastenfirma in der Karibik, wie sie bei Mendes-Kunden typisch war: "Gentlemen, die Struktur, die ihr aufgebaut habt, ist ein ernsthaftes Problem für den Spieler."

Übrigens auch für Mendes selbst: "Lass uns hoffen, dass sie (die Steuerbehörden -Red.) Jorges Firmenstruktur in Irland nicht als notwendigen Helfer zur Steuervermeidung der Spieler in Spanien ansehen." Und noch mal zu Coentrão: "Kann sein, dass Sachverhalte, die weniger schuldbelastet sind als das, was wir gegen die Finanzbehörden verteidigen müssen, als Steuerstraftat eingestuft werden."

Erleichtert, aber wohl auch überrascht war Senn, als er am 17. Juni 2015 nach Verhandlungen mit den Steuerbehörden melden konnte, dass Mourinho noch mal glimpflich davonkommen sollte. Mourinho blieb ein Strafverfahren erspart, auch ein öffentlicher Prozess. Er musste nur zahlen. Die Koper konnte sogar noch ein paar Kosten absetzen, und einen Rabatt für das Jahr 2013 gab es auch, weil Mourinho in jenem Sommer schon wieder von Spanien nach England gezogen war. So, wie das alles mal angefangen habe, sehr besorgniserregend - da könne man mit dem Ergebnis wirklich zufrieden sein, jubelte Senn.

Am 30. Juli 2015 kam die Bestätigung der Steuerbehörden, und tatsächlich: Es war noch mal gut gegangen. Die Beamten warfen Mourinho vor, er hätte seine Werbemillionen jedes Jahr angeben und versteuern müssen. Das Geld der Koper sei ihm voll zuzurechnen. Der Staat verlangte insgesamt 5,8 Millionen Euro: 3,3 Millionen Euro Nachzahlung für die Bildrechte und 1,1 Millionen Euro Strafzuschlag.

Das hat Mourinho inzwischen gezahlt. Hinzu kamen aber noch weitere 880.000 Euro Nachzahlung plus 550.000 Euro Strafe, die mit anderen Steuerdelikten zu tun hatten. Gegen diesen Teil des Bescheids legte Senn Ferrero Widerspruch ein. Jetzt, als nichts mehr zu befürchten war, keine Anklage, kein Prozess, versuchte er, sich die restliche Zahlung mit einer Formalie vom Hals zu schaffen. Die Behörden hätten 373 Tage ermittelt; erlaubt seien nur 365, ein Jahr. Einen Krieg mit den Behörden hatte Mourinho vermieden, den Kleinkrieg aber ließ er mit allen Finessen führen. Was den Ehrgeiz angeht, nie zu verlieren, war der "Mister", wie Mourinho in Anwaltsmails heißt, nun mal kaum zu überbieten.

Außer von einem.

Geldfußballer des Jahres

Es gibt in der Karibik viele Spardosen. Die für Fábio Coentrão hieß "Rodinn", aufgestellt in Panama. Die für Ricardo Carvalho "Alda Ventures", auf den British Virgin Islands. Die für Pepe "Weltex Capital", ebenfalls BVI. Die für James Rodríguez "Kenalton Asset", BVI. Allesamt Millionarios, allesamt aktuelle oder ehemalige Real-Spieler, allesamt Mendes-Kunden. Aber keine dieser Spardosen wurde je mit Geldscheinen so vollgestopft wie die Dose mit dem Namen Tollin Associates. Tollin, das war die Spardose für Cristiano Ronaldo. So steht das in den Dokumenten. Wer sie sucht, besser gesagt, wer sie suchte, bevor sie 2015 aufgegeben wurde, der konnte gleich vor dem Haus stehen bleiben, in dem er schon die Spardose für Mourinho gefunden hatte: Road Town auf den British Virgin Islands, Vanterpool Plaza, über der Apotheke von Frau Vanterpool.

Nichts fürchteten die Mendes-Berater offenbar so sehr wie die Vorstellung, dass spanische Steuerfahnder bei einer Schnitzeljagd auf Ronaldos Millionen bei dieser Firma landeten und zu viele Fragen stellten. Ronaldo, das war die Marke, die makellos bleiben musste, die Monstranz des Mendes-Erfolgs.

2009 hatte Ronaldo bei Real Madrid unterschrieben. Er wechselte für die Rekordsumme von 94 Millionen Euro zu den Königlichen, sofern man das biblische Erscheinen eines Messias im gelobten Land als "Wechsel" bezeichnen kann. An einem heißen Tag im Juli 2009 waren 80.000 Fans ins Bernabéu-Stadion gekommen, nicht um ein Spiel zu sehen, nur um ihren neuen Fußballgott anzubeten. Ronaldo, 24 Jahre alt und schon ein Allmächtiger am Ball, streifte sich das blütenweiße Trikot über. Er jonglierte einen Ball, küsste ein Kind und das Wappen auf seiner Brust. Eine großartige Inszenierung.

Schon ein halbes Jahr vorher - so zumindest sollen das Papiere glauben machen, bei denen nicht klar ist, ob sie später rückdatiert wurden - hatte Ronaldo seinen Namen unter einen anderen Vertrag gesetzt. Ohne Fans, ohne Spektakel. Damit wurde der designierte Weltfußballer des Jahres zum Geldfußballer des Jahres.

Auf sechs Seiten sicherte das Papier Ronaldo Einnahmen zu, die anfangs fast so hoch waren wie das Gehalt, das er von Real bekam - nur dass ein Großteil dieser Gelder vor dem spanischen Fiskus offenbar geheim blieben. Ronaldos Vertragspartner: die Tollin Associates Ltd.

Wie bei Mendes-Kunden üblich, trat das Idol damit alle Bildrechte an die Briefkastenfirma ab. Im Gegenzug standen alle Einnahmen, die Tollin in den nächsten sechs Jahren machen würde, ohne nennenswerte Abzüge Ronaldo zu.

Auch die Irlandfirmen MIM und Polaris waren wieder mit dabei, das übliche Spiel, wie schon bei Mourinho. Sie handelten für Ronaldo die Sponsoren- und Werbeverträge in aller Welt aus, kassierten die Millionen ein. Dahinter blieb die Tollin verborgen, und die Werbekunden mussten nicht direkt an eine schmuddelige Offshore-Adresse überweisen.

Ein kleinerer Teil der Gelder, die in Irland landeten, ging laut Vertrag an Ronaldos Arbeitgeber Real, weil der ja an der Marke Cristiano Ronaldo mitverdienen durfte - sobald Ronaldo mit Bildrechten ein bestimmtes Einkommen übertraf. Von den übrigen Millionen in der Irlandkasse nahmen sich die MIM und die Polaris ihre Provision, manchmal an die 30 Prozent, also deutlich mehr als bei Mourinho. Alles andere wanderte an Tollin weiter. Auch jene Millionenpauschale, die Real wiederum dafür zahlte, dass der Verein einen Teil von Ronaldos Bildrechten bekommen hatte.

Insgesamt flossen zwischen 2009 und 2014 mehr als 70 Millionen Euro an die Tollin. Der spanische Fiskus erfuhr von Ronaldos heimlicher Kasse jahrelang nichts. Erst in seiner Steuererklärung 2014, dem Jahr, in dem der Tollin-Vertrag auslief, tauchte etwas von dieser Summe auf - aber gerade mal 11,5 Millionen Euro.

Hat Ronaldo also alles andere an der Steuer vorbeigemogelt, gut 60 Millionen Euro?

Ronaldo, Liebling der Fußballgötter, ist offenbar auch bei so weltlichen Dingen wie Steuerfragen ein Auserwählter. Er profitierte von der "Lex Beckham", einem Gesetz, das die spanische Regierung 2004 beschlossen hatte, um mit Niedrigsteuersätzen hochbegabte Wissenschaftler oder Topmanager ins Land zu holen. De facto entpuppte sich die Regelung schnell als Standortvorteil für spanische Topklubs im Kampf um die besten Fußballer der Welt.

Ausländische Spieler wie der Brite David Beckham oder der Portugiese Cristiano Ronaldo bekamen damit den Status "Impatriado". Wer den ergatterte, weil er zehn Jahre vorher nicht in Spanien gelebt hatte, durfte sämtliche Inlandseinnahmen mit knapp 25 Prozent versteuern. Ronaldos spanische Teamkollegen hatten dagegen einen Steuersatz von mehr als 50 Prozent. Das größte Geschenk war aber ein anderes: Ronaldo musste nur Geld versteuern, das er in Spanien verdiente. Einnahmen aus dem Ausland interessierten den spanischen Fiskus nicht, Werbeeinnahmen aus dem Ausland also auch nicht.

Zwar wurde das Gesetz schon 2010 von der neuen sozialistischen Regierung wieder einkassiert. Mourinho kam dafür ein halbes Jahr zu spät nach Madrid, und der Argentinier Lionel Messi hatte nichts davon, weil er auch noch den spanischen Pass besaß. Doch Ausländer, die bis Ende 2009 ins spanische Fußballerparadies gezogen waren, konnten sich freuen. Die Politik gewährte den Impatriados eine Übergangsfrist bis zum 1. Januar 2015. Und genau diese Regelung reizten Ronaldo und seine Berater bis zum Letzten aus.

Von den Werbemillionen in der Spardose Tollin musste er dank der "Lex Beckham" nur auf 20 Prozent überhaupt Steuern zahlen. 20 Prozent, so hoch schätzten Ronaldos Berater seine Einnahmen aus Werbung in Spanien. Die konnte er als Impatriado noch dazu mit dem Ministeuersatz von 24,75 Prozent versteuern. Der Großteil der Werbegelder, die aus dem Ausland, blieb in Spanien von allen Abzügen verschont.

Im Jahr 2015 war aber auch für Ronaldo Schluss mit dem Privileg. Jetzt musste er, wie jeder Spitzenverdiener in Spanien, rund die Hälfte von allem an den Staat abgeben. Auch von den Werbeerlösen im Ausland. Doch dem Fiskus so viel Geld zu überlassen, dazu war ein Cristiano Ronaldo offenbar nicht bereit. Seine Berater griffen in die Steuertrickkiste, nach ganz unten, dahin, wo es richtig schmuddelig wird.

Kurz vor Ultimo, in den letzten Dezembertagen 2014, verkaufte der Kicker seine Bildrechte für die Jahre 2015 bis 2020. Hatte Ronaldo in der Vergangenheit schon rund 75 Millionen Euro über die Tollin steuergünstig eingesackt, kamen jetzt auf einen Schlag noch mal fast 75 Millionen für die Zukunft hinzu. Die Käufer der Rechte waren zwei frisch gegründete Briefkastenfirmen auf den British Virgin Islands. Die eine hieß Arnel, die andere Adifore, registriert, natürlich, wieder mal in der Vanterpool Plaza, Road Town, Tortola.

Die Kaufverträge wurden am 20. Dezember 2014 bei einem Notar in Marokko besiegelt. Es eilte offenbar, der Deal musste bis zum Jahresende durch sein - und Ronaldo spielte zu diesem Zeitpunkt bei der Klubweltmeisterschaft in Marokko.

In der Firma Arnel liegen seither Ronaldos Bildrechte für Spanien, in der Adifore die für den Rest der Welt. Noch am 20. Dezember schrieb Ronaldo beiden Firmen eine Rechnung. Von der Arnel forderte er für die Übertragung der Spanienrechte 11,25 Millionen Euro, von der Adifore für die Weltrechte 63,75 Millionen. Zahlbar in beiden Fällen auf das Konto 413416 bei der kleinen, feinen Privatbank Mirabaud & Cie in Genf. Dort ging das Geld drei Tage danach auch ein.

Angeblich, so geht aus zwei weiteren Verträgen hervor, sollte der Kaufpreis später dann noch mal um rund 15 Millionen Euro reduziert werden. Für den Spanienanteil um rund 3 Millionen, für die Weltrechte um gut 12 Millionen weniger. Warum? Unbekannt. Hat Ronaldo diese 15 Millionen tatsächlich zurückgezahlt? Dafür findet sich in den vorliegenden Kontounterlagen jedenfalls kein Beleg. Auch in der Steuererklärung 2014 blieb es bei den ursprünglich vereinbarten 11,2 Millionen für Spanien.

Was aber war der Grund für die hektische Aktion in Marokko? Ronaldo wollte anscheinend noch schnell Kasse machen, damit er seine spanischen Bildrechte der Jahre 2015 bis 2020 mit dem günstigen Satz von 24,75 Prozent versteuern konnte. Jenem Impatriado-Steuersatz, der 2014 zum letzten Mal für ihn galt. Gleichzeitig musste er 2014 zum letzten Mal in Spanien keine Steuern auf seine Werbegelder aus dem Ausland zahlen, auf die Weltrechte, die ihm jetzt auf einen Schlag 63,5 Millionen brachten. Der Vorteil, alles in allem: um die 35 Millionen Euro. So viel hätte er dem spanischen Fiskus mehr zahlen müssen, wenn er stattdessen das Geld erst in den kommenden Jahren mit Werbung eingenommen hätte.

Aber noch etwas dürfte eine Rolle gespielt haben: Der Fiskus war Mourinho und anderen Mendes-Spielern auf der Spur. So wunderbar das Glückskind Ronaldo von Steuervorteilen profitiert hatte, geheuer war seinen Anwälten die Sache mit der Firma auf den BVI nicht mehr. Die Tollin, sie sollte nach dem Torschlussdeal Ende 2014 verschwinden.

Der gute Freund aus Singapur

Für den Verkauf seiner Rechte hatte Ronaldo einen potenten Käufer gebraucht. Einen, der vorab pauschal 75 Millionen dafür zahlen wollte, was Ronaldo erst in den nächsten sechs Jahren an Werbeerlösen hereinholen wird. Dieser Jemand hieß Peter Lim. Der Geschäftsmann aus Singapur verfügt über ein geschätztes Vermögen von rund 2,3 Milliarden US-Dollar, ist eng verbunden mit Spielerberater Mendes. Und, was bei dieser Art von Flüstergeschäften noch mehr zählt: Ronaldo nennt ihn "einen guten Freund". So wie es aussieht, stand er auch hinter den beiden BVI-Firmen Adifore und Arnel.

Ein fast perfektes Steuersparmodell für Ronaldo - fast. Ende Juni 2015 gab er seine Steuererklärungen für das Jahr 2014 ab. Julio Senns Mannschaft hatte sie aufgestellt, Spaniens Spitzenteam im Spiel gegen das Finanzamt. Auf den Cent genau listete sie Ronaldos Einnahmen auf. Gehalt seines Arbeitgebers: 34.672.988,31 Euro - das war noch sein alter Vertrag. Vermögen: ein Haus in Madrid (4,5 Millionen Euro), etwas Geld auf Bankkonten, falls er mal schnell etwas braucht (10.799.387 Euro), Autos, darunter Supersportwagen wie der McLaren MP4, der Lamborghini Aventador oder der Ferrari 599 (1.248.152 Euro).

Was sich in den Steuererklärungen für 2014 nicht fand - und wofür spanische Finanzbehörden sich offenbar nicht interessierten: sein Vermögen im Ausland. Seine 15 Häuser in Portugal, die Konten bei der St. Galler Kantonalbank in der Schweiz, dem Banco BPI in Portugal und der Banque Internationale in Luxemburg. Erst recht kein Wort über sein Konto bei der Privatbank Mirabaud in Genf, auf dem die rund 75 Millionen aus dem Vorabverkauf seiner Bildrechte an Arnel und Adifore landeten. Ende 2014 lagen dort mehr als 110 Millionen Euro.

63,5 Millionen davon hatte Ronaldo von der Adifore für die Auslandsrechte kassiert, ohne offenbar auch nur einen Euro Steuern dafür zu zahlen. Weil er es auch nicht musste? Weil die Gesetze das eben so hergaben? Weil das eine dieser Irrsinnsnischen des Steuerrechts ist? Oder doch eher eine Auslegungssache?

Jedenfalls taten sich Ronaldos Steuerrechtler äußerst schwer mit der Frage, was sie dem Fiskus an Einnahmen für Bildrechte offenbaren sollten. Noch einen Tag bevor sie die Einkommenserklärung 2014 einreichen mussten, tauchten darin nur die 11,2 Millionen Euro auf, die Ronaldo von Arnel bekommen hatte, für die spanischen Bildrechte der Jahre 2015 bis 2020. Die wollte er also tatsächlich versteuern.

Was aber war mit seinen Spanieneinnahmen für die Jahre 2009 bis 2014? Die bei der Tollin gelandet waren? Die sucht man in diesem Entwurf vergebens, obwohl Ronaldo auch darauf Steuern zahlen musste. Immerhin 11,5 Millionen hatte die Tollin für Werbung kassiert, die mit Ronaldo in Spanien lief. Diese Millionen wurden erst in der letzten Version seiner Einkommensteuererklärung am 30. Juni untergebracht und zu den 11,2 Millionen aus dem Arnel-Deal addiert. Auf 22,7 Millionen. Einfach so. Dass sie von einer Briefkastenfirma auf den British Virgin Islands stammten - kein Hinweis darauf, in keiner seiner Teilerklärungen, die er abgeben muss.

Die Senn-Ferrero-Leute fürchteten das Schlimmste. Sie schrieben Osório de Castro, dem Mendes-Steuerexperten, dass sie mit Ronaldos Steuermodell nichts zu tun haben wollten. "Wir haben nicht am Design, an der Einführung und der Überwachung der Struktur teilgenommen", hieß es ausdrücklich, mit anderen Worten: Das hätten allein die Mendes-Leute auf ihre Kappe zu nehmen. Und nachdem alles zum Finanzamt gegangen war, mailte ein Senn-Mitarbeiter den eigenen Kollegen: "Gott sei Dank haben wir unsere Rücken eine Million Mal abgesichert, weil ich sehen kann, dass diese Erklärung noch Konsequenzen haben wird."

Und ob sie das hatte. Ende 2015 begann eine Steuerprüfung, zunächst für die Jahre 2011 bis 2013. Bei Senn Ferrero kam Hektik auf. Unterlagen mussten her - Ronaldos Verträge mit Real Madrid, den Sponsoren, mit den Irlandvermarktern MIM und Polaris. Sein Rettungsteam um Julio Senn wusste ganz genau, wo die schwache Stelle in Ronaldos Steuermodell saß: Tollin.

Die erkannte offenbar auch Osório de Castro, der langjährige Steuerexperte von Mendes, der die Offshore-Modelle begleitet hatte. Das Team um Julio Senn wollte von ihm wissen, wem denn Tollin eigentlich gehöre. "Die Information über Tollin, die sensibelste, darüber müssen wir reden", kam zurück. Und ein paar Tage später befahl der Mendes-Mann: "Nichts über die Anteilseigner von Tollin oder die Verwalter ohne Rücksprache mit mir."

Warum reagierten alle so aufgeregt, wenn die Rede auf Tollin kam?

Ronaldo hatte offenbar auch dieses Mal Glück. Oder aber sehr viel Verständnis bei der Madrider Finanzverwaltung. Dort gibt es schließlich Beamte, die so vertraut mit den Leuten von Senn Ferrero sind, dass sie den Anwälten nicht nur von ihrer Dienst-, sondern auch ihrer privaten Mailadresse schreiben. Jedenfalls rechnete der Fiskus Ronaldo die Tollin, die er so emsig mit Geld mästen ließ, nicht zu. Bei Senn Ferrero klopfte man sich dafür auf die Schulter: "Wir haben es geschafft." Die Behörden betrachteten die Firmen, "die mit MIM dealen, in diesem Fall Tollin", nicht als Eigentum der Spieler. Stoßseufzer: "Gott sei Dank."

Vielleicht war die Erleichterung aber voreilig. Möglich, dass die spanischen Steuerprüfer in die Nachspielzeit gehen werden und sich das Spiel noch mal dreht. Denn zunächst haben sie nur Ronaldos Steuererklärungen bis 2013 geprüft. Wenn sie sich noch mal das Jahr 2014 vornehmen, so wie das Ronaldos Anwälte erwarteten, wird auch die Rolle von Tollin aufgewühlt und der Verkauf von Ronaldos Bildrechten an die BVI-Firmen Arnel und Adifore.

Ob dann der Fiskus wieder zu dem Ergebnis kommt, dass alles in Ordnung war, irgendwie, so gerade noch, Ronaldo-Glück? Die entscheidenden Fragen: War es legal, dass Ronaldo seine Bildrechteerlöse für 2015 bis 2020 ins letzte Jahr seines Steuerprivilegs als Impatriado vorgezogen hat, in die Steuererklärung 2014? Und vorher, hätten ihm da nicht doch alle Spanieneinkünfte der Tollin aus den Jahren 2009 bis 2014 direkt zugerechnet werden müssen? Schließlich war er der einzige Nutznießer der Briefkastenfirma.

Alles Geld, das in Tollin gesammelt wurde, ging laut Vertrag letztlich an ihn. Für Steuerexperten wie den deutsch-spanischen Rechtsanwalt Rafael Villena aus Hamburg, der sich seit Jahren mit solchen Konstrukten beschäftigt, ist klar: "Ronaldo hätte seit 2009 in jedem Jahr die bei Tollin eingehenden Werbegelder versteuern müssen - und nicht erst 2014." Und was die Einnahmen aus den Jahren 2015 bis 2020 angeht: "Die hätte er nicht in das für ihn günstige Jahr 2014 vorziehen dürfen. Ich kann mir keine Finanzbehörde vorstellen, die so etwas anerkennen wird."

So sieht das auch der Münchner Anwalt Peter Duvinage, der seit Jahren Showgrößen und Sportler in Vertragsfragen berät. "Bei einer Steuerkonstruktion über ein Offshore-Paradies wie die British Virgin Islands müsste eigentlich bei jedem Finanzbeamten die Alarmlampe blinken."

Womöglich hatte das ein Mitarbeiter von Julio Senn alles im Sinn, als er am 16. März 2016 an seinen Chef schrieb: "Das einzig Gute ist, dass Tollin im Jahr 2015 nicht mehr existierte."

Die Abrechnung

Das EIC-Netzwerk hat Stars, Klubs und Behörden das Ergebnis seiner Recherchen vorgelegt. In umfangreichen Fragenkatalogen ging es vor allem darum, was sie von Vorgängen wissen, zu Vorwürfen sagen und wie sie die Dokumente bewerten. Ronaldo, Mourinho und ihr Agent Mendes antworteten nicht. Ebenso wenig die Portugiesen Carvalho, Coentrão und Pepe sowie der kolumbianische Real-Star Rodríguez. Auch vom Milliardär Lim und den Irlandfirmen MIM und Polaris kam nichts zurück.

Dafür aber von Osório de Castro, dem Mendes-Steuerexperten. "Ich habe nichts mit dem Aufbau einer Firmenstruktur für Bildrechte der genannten Spieler zu tun", schrieb er. Jeden Vorwurf wies er "kategorisch zurück". Außerdem sage er grundsätzlich nichts zu beruflichen Themen oder über Kunden. Osório de Castro beschwerte sich über eine "Hexenjagd"; Ausgangspunkt sei ein Datendiebstahl in der Kanzlei Senn Ferrero gewesen. Danach seien entwendete Dokumente "verzerrt und manipuliert" worden.

Der gleiche Vorwurf ist auch aus dem Umfeld von Senn Ferrero zu hören; die Papiere seien zum Teil gefälscht. Zitieren lassen wollten sich die spanischen Anwälte damit aber nicht. Dafür erschien beim EIC-Partner "El Mundo" in Madrid in der vergangenen Woche ein PR-Mann, der sich als Abgesandter von Senn Ferrero ausgab. Er übergab ein zweiseitiges Schreiben ohne Briefkopf. Darin hieß es, im Fall Mourinho hätten die Steuerbehörden schon immer von der Firma Koper auf den British Virgin Islands gewusst. Bei Ronaldo schauten sich Steuerprüfer - wie bei so vielen Sportlern - zurzeit die Steuerkonstruktion genauer an. Man gehe nicht davon aus, dass die Finanzbeamten etwas daran auszusetzen hätten. Im Übrigen auch hier der Vorwurf: Dokumente, die den Journalisten vorliegen, seien Fälschungen.

Tatsächlich hat das EIC, soweit möglich, die Authentizität der Dokumente überprüft. Weder der SPIEGEL noch ein anderer Partner stieß auf einen Hinweis, dass Papiere nicht echt oder in Teilen verändert worden waren. Bei keiner der früheren SPIEGEL-Veröffentlichungen aus dem Football-Leak-Datensatz stellte sich auch nur ein Stück Papier als gefälscht heraus. Senn Ferrero und Osório de Castro ließen denn auch offen, welche Dokumente nach ihrer Ansicht manipuliert worden sein könnten.

Real Madrid ließ einen Großteil der Fragen unbeantwortet und begründete das mit dem Hinweis, der Datensatz sei durch einen illegalen Akt nach außen gedrungen. Außerdem gehe es um persönliche Daten, zu denen nur die betroffenen Personen, nicht der Verein etwas sagen dürfe. Der Klub habe sich immer an Recht und Gesetz gehalten. Wenn Real für Bildrechte bezahlt habe, dann immer so, dass der Verein nach spanischem Recht vorab eine Steuer an den Fiskus abgeführt habe. Hier meint Real offenbar jene zehn Prozent, die tatsächlich vorab ans Finanzamt gingen, wenn Real für Werbung mit Ronaldo oder Mourinho an die Firma MIM in Irland zahlte. Deshalb, so Real, hätten die Behörden in Steuerprüfungen beim Verein keine "Unregelmäßigkeiten entdeckt".

Der frühere Real-Profi Mesut Özil hat in Spanien Widerspruch gegen seinen Steuerbescheid eingelegt. Zum Stand des Verfahrens und zur Sache wollte sich sein Anwalt nicht öffentlich äußern. Die spanischen Steuerbehörden nahmen keine Stellung.

In England legt der Londoner Klub Chelsea Wert auf die Feststellung, dass man sich bei Zahlungen für Bildrechte immer gesetzestreu verhalten habe. Also auch im Fall Mourinho. Der englische Fiskus allerdings gibt keine generelle Entwarnung, im Gegenteil: Zu einzelnen Fällen werde man sich nicht äußern, aber die Steuerbehörden untersuchten "sehr sorgfältig die Bildrecht-Vereinbarungen zwischen Klubs und ihren Angestellten daraufhin, dass die notwendige Steuer bezahlt wird".

Klingt wie eine Drohung. Mourinho sollte sie diesmal ernst nehmen. Denn was von seinen und all den anderen Ausflügen in die Karibik zu halten ist, das müssen in letzter Instanz nicht mehr Journalisten beurteilen. Sondern Juristen.

Das SPIEGEL-Team zu den Football Leaks
    Rafael Buschmann, Jürgen Dahlkamp, Stephan Heffner, Christoph Henrichs, Andreas Meyhoff, Nicola Naber, Jörg Schmitt, Alfred Weinzierl, Michael Wulzinger
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