Cristiano Ronaldo Megastar am Limit

Cristiano Ronaldo will bei dieser EM schaffen, was selbst Portugals Fußballikone Luis Figo verwehrt blieb: den Titel holen. Dafür stellt der geniale, manchmal egozentrische Top-Spieler alles hinten an - vor allem sich selbst.

Von Cathrin Gilbert


Cristiano Ronaldo liebt Überraschungen. Als Kind fragte er seine Eltern bereits im April, wann endlich wieder Weihnachten sei. "Er war immer so wahnsinnig aufgeregt", sagt seine Mutter Maria zu SPIEGEL ONLINE. Irgendwann hat ihr kleiner Cristiano, der allmählich ein großer Star wurde, dann die Rollen vertauscht - und seine Eltern zu Weihnachten überrascht. Mit einem neuen Auto etwa oder einer Wohnung mit Meerblick in seiner Heimatstadt Funchal auf Madeira. Dabei habe er sich, sagt Maria, immer noch ein bisschen mehr gefreut als sie selbst.

Für diese Europameisterschaft, die für Portugal eine besondere Bescherung bereitzuhalten scheint, hatte sich der Star von Manchester United eine spezielle Überraschung ausgedacht. Eine für seine vielen, vielen Kritiker. Natürlich hat er deren Stimmen im Vorfeld des Turniers gehört. Er, der arrogante Frauenheld, werde mal wieder seine ganz persönliche Ego-Show abziehen, haben sie gesagt.

Nach dem verschossenen Elfmeter im Champions-League-Finale gegen Chelsea wurde das wütende Geheule noch lauter. Es hat ihm weh getan, es brodelte in ihm - und das sind gute Voraussetzungen für ein brillantes Turnier. "Ich habe keine Sekunde daran gezweifelt, dass mein Junge bei dieser EM für und mit seiner Mannschaft kämpfen wird", sagt Ronaldos Jugendtrainer Afonso.

Er kennt Cristiano seit seinem fünften Lebensjahr und liegt bislang richtig mit dieser Einschätzung. Zwei Vorrundenpartien hat der derzeit beste Fußballer der Welt vor dem Viertelfinale gegen Deutschland (20.45 Uhr im SPIEGEL ONLINE Liveticker) bereits gespielt. Gegen die Türkei und gegen Tschechien. Dabei schoss er ein Tor und legte zwei Treffer für seine Kollegen auf: keine schlechte Bilanz für einen Mittelfeldstrategen, der sich in den Dienst der Mannschaft stellen will.

Die Zahlen sprechen sowieso für Ronaldo, der mit Manchester United in dieser Saison die englische Meisterschaft und, trotz des leichtfertig vergebenen Elfmeters, die Champions League gewonnen hat. Ihm gelangen 31 Treffer in 34 Ligaspielen, damit hat er den 40 Jahre alten Vereinsrekord der ManU-Legende George Best gebrochen. Mit acht Toren in der Champions League erzielte er die meisten Treffer. Aber es gab Spiele, bei denen man ihn ausschließlich mit dem Ball tänzeln sah. Die Signale seiner zum Abschluss freistehenden Kollegen gingen ins Leere. Der Tabellenzweite Chelsea kam am Saisonende gefährlich nah bis auf zwei Punkte an Manchester United heran. Einer, der die Mannschaft führt, kann der Superstar noch nicht sein.

Ronaldo ist jetzt 23 Jahre alt. Seit seinem 13. Geburtstag widmet er sein Leben ausschließlich dem Fußball. "Ich bin in den letzten Jahren häufig an meine Grenzen gegangen", sagt er heute. Damit meint er nicht die sportlichen, sondern die menschlichen Limits. Er ohrfeigte seine Mitschüler auf dem Internat in Lissabon, weil sie ihn wegen seines Dialektes belächelten. Er warf einen Stuhl nach seinem Lehrer und machte sich bei der WM 2006 Englands Nationalheld Wayne Rooney zum Erzfeind, indem er den Schiedsrichter beim Viertelfinale darauf aufmerksam machte, dass sein Vereinskollege von Manchester United absichtlich in die Genitalien eines portugiesischen Gegenspielers trat. Als Rooney vom Platz gestellt wurde, blinzelte Cristiano seinem Trainer Luis Felipe Scolari zu - nach dem Elfmeterschießen, in dem auch Ronaldo traf, war England nicht mehr im Turnier.

"Wissen Sie", sagt seine Mutter, "wenn man so jung Erfolg hat, sind die Neider auch nicht weit". Eigentlich sei er der warmherzigste Mensch, den sie kenne. Da komme er ganz nach seinem Vater. "Aber seine Kollegen meinten es nicht immer ehrlich mit ihm", sagt Maria. Deshalb wirke er manchmal arrogant oder egoistisch.

Es gibt nicht viele Personen, denen der Portugiese vertraut. Seit dem Tod seines Vaters sind es, bis auf die gerade aktuelle Freundin und Mama Maria, genau drei Menschen, die er näher an sich heranlässt: seinen Berater Jorge Mendes, der laut der Mutter bereits zur Familie gehört, seinen Ex-Schwager Zé, mit dem er sein Haus in Manchester teilt und seinen Nationaltrainer Scolari. Er war es, der Cristiano während der Vorbereitung auf ein WM-Qualifikationsspiel am 5. September 2005 in Moskau über den Tod seines Vaters informierte. "Wir haben zusammen geweint", sagt Scolari. Eine solche Erfahrung verbindet. Von den fußballerischen Qualitäten Ronaldos war Scolari schon immer überzeugt.

Cristiano Ronaldo will bei dieser Europameisterschaft das schaffen, was selbst dem nach der WM zurückgetretenen Luis Figo verwehrt blieb, er will den Titel holen. Seinen dritten Titel in diesem Jahr. Dafür stellt er alles hinten an. Wechselgerüchte nach Madrid und vor allem sich selbst. So, wie es Scolari von ihm fordert. Natürlich wird er sein Gesicht bei jedem misslungenen Übersteiger gegen Philipp Lahm wieder theatralisch in seinen Händen vergraben und alleine durch diese Gesten zum auffälligsten Spieler der Partie werden.

Aber sollte die deutsche Mannschaft das portugiesische Traummittelfeld überwinden, dann würde Cristiano Ronaldo sogar in der Defensivarbeit aushelfen. Das mag er zwar nicht - aber es wäre eine große Überraschung für alle Kritiker.



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