Anklageverzicht im Fall Ronaldo "In den USA gibt es keine Verfolgungspflicht, wie wir sie kennen"

Cristiano Ronaldo muss wohl erst mal keinen Strafprozess in den USA fürchten. Die Staatsanwaltschaft glaubt nicht, dass die Vergewaltigungsvorwürfe zweifelsfrei bewiesen werden können. Eine Analyse.

Cristiano Ronaldo
ALESSANDRO DI MARCO/EPA-EFE/REX

Cristiano Ronaldo

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Sechs Absätze ist die Mitteilung des Clark County District Attorney Steven B. Wolfson lang, doch die wichtigste Information steht ganz am Anfang: Das Büro der Staatsanwaltschaft in Las Vegas lehnt es ab, "einen zehn Jahre alten Vorwurf des sexuellen Angriffs gegen Cristiano Ronaldo" strafrechtlich zu verfolgen.

Für den Fußball-Superstar Ronaldo war das am Montagabend eine gute Nachricht. Er wird sich in den USA nicht vor einem Strafgericht verteidigen müssen. Juristisch wird der Fall weitergehen: Vor dem United States District Court in Nevada hat das mutmaßliche Opfer, Kathryn Mayorga, eine Zivilklage eingereicht, in der es um eine außergerichtliche Einigung geht, die 2010 zwischen Ronaldo und ihr geschlossen wurde - aber nicht mehr um Gefängnis- oder Bewährungsstrafen.

Der Hintergrund des Falls: Im Juni 2009 hatten sich die US-Amerikanerin und Ronaldo auf einer Party in einem Nachtklub in Las Vegas getroffen. Beide gingen gemeinsam in sein Hotelzimmer, dort kam es zum Geschlechtsverkehr. Das ist soweit von beiden unbestritten.

"Keine Verfolgungspflicht"

Doch Mayorga sagt, Ronaldo habe sie vergewaltigt, der Fußballer sagt, es war einvernehmlicher Sex. Die Bezirksstaatsanwaltschaft von Clark County erklärte nun, die Anschuldigungen gegen Ronaldo bezüglich eines sexuellen Übergriffs könnten nicht mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit ("beyond reasonable doubt") bewiesen werden.

Liane Wörner, Professorin für Strafrecht und Strafrechtsvergleichung an der Universität Konstanz, sagt dem SPIEGEL dazu: "In den USA gibt es keine Verfolgungspflicht, wie wir sie in Deutschland kennen. Die Staatsanwaltschaft ist freier in ihrer Entscheidungsgewalt." Sie könne das Verfahren einstellen, wenn es aus ihrer Sicht keine Erfolgsaussicht habe.

Laut Wörner ist das in Deutschland nur dann möglich, wenn die Ermittlungen nicht genügend Anlass zur Erhebung der öffentlichen Klage bieten, das heißt, wenn es nicht genügend Beweise für einen hinreichenden Tatverdacht gibt. Erfolgsaussichten am Verfahrensende spielten für die Entscheidung keine Rolle, weil die Staatsanwaltschaft schon bei nur hinreichendem Tatverdacht anklagen muss.

"Beyond reasonable doubt"

In den USA ist das anders. Die Bezirksstaatanwaltschaft in Las Vegas musste entscheiden, ob die vorgebrachten Beweise, darunter die Ergebnisse eines sogenannten "Rape Kits", dem sich Mayorga am Tag der vermeintlichen Tat unterzogen hatte, sowie ihr Kleid und ihre Unterwäsche, für eine Verurteilung ausreichten - und beantwortete diese Frage mit Nein.

Strafprozesse werden in den USA in der Regel von Jurys entschieden, schuldig ist der Angeklagte nur, wenn alle Jury-Mitglieder davon überzeugt sind ("Beyond reasonable doubt"). Bei Vergewaltigungsvorwürfen, die nur selten eindeutig zu belegen sind und in denen es meist zwei unterschiedliche Versionen der Beteiligten gibt, ist ein solches Urteil oft schwierig.

Mayorga hatte sich 2009 nach dem Vorfall an die Polizei gewandt, nannte laut Polizei allerdings zunächst nicht den Namen ihres mutmaßlichen Vergewaltigers. "Ohne die Identität des Angreifers zu kennen, konnten die Kriminalbeamten keine forensischen Beweise suchen und sicherstellen", heißt es in der Mitteilung der Bezirksstaatsanwaltschaft. Mayorga behauptet jedoch, dass sie den Namen im Gespräch mit einem Polizisten erwähnt habe.

Zweite Ermittlungen 2018

Die Ermittlungen wurden damals eingestellt. Mayorga und Ronaldo einigten sich jedoch außergerichtlich, der Fußballer zahlte ihr 375.000 US-Dollar und sie verpflichtete sich, nicht über den Vorfall zu sprechen.

Im August 2018 wandte sich Mayorga erneut an die Polizei in Las Vegas. Sie bat darum, dass ihr Fall wieder aufgenommen wird - und nannte auch Ronaldos Namen. Kurz danach machte sie die Vorwürfe im SPIEGEL öffentlich, der bereits 2017 im Zuge der Football-Leaks-Recherchen über den Fall berichtet hatte.

Im Fokus der Berichterstattung stand im vergangenen Jahr ein Fragebogen über den Abend, den Ronaldos Anwälte erstellt hatten. Es gibt ihn in unterschiedlichen Versionen, in einer sind folgende Aussagen von Ronaldo protokolliert: "Sie hat mehrfach Nein und Stopp gesagt." Oder: "Hinterher hat sie gesagt: 'Du Arschloch, du hast mich gezwungen. Du Blödmann. Ich bin nicht so wie die anderen.' Ich habe gesagt 'Entschuldigung'." Ronaldos Anwälte bezeichneten die geleakten Fragebögen als Fälschungen.

Seite 17 des Fragebogens
DER SPIEGEL

Seite 17 des Fragebogens

"Die Staatsanwaltschaft eröffnet meist nur sehr sichere Verfahren"

Für die Bezirksstaatsanwaltschaft reichten die Dokumente und die Aussagen Mayorgas offensichtlich nicht aus. In der Pressemitteilung wird der Fragebogen mit keinem Wort erwähnt. "Das Strafverfahren in den USA ist viel aufwendiger und teurer als in Deutschland. Deshalb eröffnet die Staatsanwaltschaft meist nur sehr sichere Verfahren. Nur durchschnittlich fünf Prozent aller Straffälle gehen vor Gericht", sagt Strafrechtsexpertin Wörner.

Theoretisch könnte das strafrechtliche Verfahren in Zukunft wieder aufgenommen werden. Etwa, wenn neue Beweise auftauchen, die die Einschätzung der Bezirksstaatsanwaltschaft ändern. Doch dass es dazu kommt, gilt im Moment als unwahrscheinlich.

Für den Zivilprozess ist die Entscheidung unerheblich. "Die Richter und die Jury des Zivilprozesses sind in ihrem Vorgehen und ihrem Selbstverständnis völlig frei vom Strafprozess", sagt Wörner: "Weder der Ablauf noch der Ausgang des Strafverfahrens sollen Einfluss auf das Zivilverfahren haben. Die Ziviljury soll frei entscheiden." In Verfahren, die in den Medien öffentlich diskutiert werden, sei es jedoch oft nicht einfach, die Jurymitglieder von Informationen fernzuhalten und damit Objektivität sicherzustellen.

Was passiert im Zivilverfahren?

Es ist nicht ausgeschlossen, dass der Sachverhalt vor dem Zivilgericht anders beurteilt wird als von der Staatsanwaltschaft von Clark County. Denn im Zivilprozess gilt nicht der Grundsatz "Beyond reasonable doubt", sondern "Preponderance of evidence". Das bedeutet, dass Ronaldos Schuld wahrscheinlicher sein muss als seine Unschuld. Das betonte auch Leslie Mark Stovall, Anwalt des mutmaßlichen Opfers, gegenüber dem SPIEGEL.

Als Beispiel dient hier der Fall des US-Footballers O. J. Simpson, der 1995 wegen Mordes an seiner früheren Frau und ihres Freundes angeklagt war. Im Strafprozess war er freigesprochen worden - im Zivilverfahren wurde er jedoch zur Zahlung mehrerer Millionen US-Dollar verurteilt.

Mayorgas Anwalt hatte kürzlich mitgeteilt, dass er es auch für möglich hält, dass der Fall vor einem nicht-öffentlichen Schiedsgericht landen könnte. Das ist eine Art vorgerichtliches Verfahren in dem eine Schiedsperson - die kein Richter sein muss - versucht, zu vermitteln. Um Gefängnisstrafen geht es da dann natürlich ebenfalls nicht mehr, sondern um Schmerzensgeld.

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Goonie2 23.07.2019
1. Schade
So verpufft die Exklusivstory von SPON. Letztlich klingt wie jemand, der gern noch einmal Geld machen würde. Verlieren kann sie nichts, nur gewinnen.
siryanow 23.07.2019
2.
...nun ja , es floss ja ooch schon Kohle , wer weiß an wen und wieviel .....
hansfrans79 23.07.2019
3. Nun ja
Zitat von siryanow...nun ja , es floss ja ooch schon Kohle , wer weiß an wen und wieviel .....
Steht doch im Artikel. 375000 USD bezahlte Ronaldo an Mayorga.
creusa 23.07.2019
4.
Zitat von Goonie2So verpufft die Exklusivstory von SPON. Letztlich klingt wie jemand, der gern noch einmal Geld machen würde. Verlieren kann sie nichts, nur gewinnen.
ÄÄhmm. Auch wenn es sich aktuell nicht beweisen lässt, dass sie vergewaltigt wurde- das bedeutet durchaus nicht, dass es nicht passiert ist. Wenn man das ganze objektiv betrachtet, ist das derzeit völlig offen. Ich kann es nicht beurteilen. Sie allerdings auch nicht. Von daher find ich die Behauptung, diese Frau habe "nichts zu verlieren, nur zu gewinnen" schon ziemlich geschmack- und empathielos. Es ist weiterhin durchaus möglich, dass diese Frau vergewaltigt wurde. Und das der Täter vielleicht ungestraft davonkommt, weil es sich nicht beweisen lässt. Und dass es nicht einmal eine richtige Ermittlung geben soll, ist auch nicht gerade mit einem Freispruch gleichzusetzen. Es ist noch nicht geklärt, vielleicht wird es auch nie geklärt werden. Von daher find ich Ihre Spekulation über diese Frau schon ziemlich unfair. Ich meine damit ausdrücklich nicht, dass er ohne ausreichende Beweise verurteilt werden sollte. Aber eine komplette Ermittlung wäre schon gut. Und dass die Staatsanwaltschaft dazu nicht verpflichtet ist, find ich persönlich schrecklich.
schwäbischalemannisch 23.07.2019
5. Antiquierte Rechtssysteme
So ist das halt wenn man weder moderne Gesetze, noch eine moderne Rechtssprechung hat. Ähnlich wie das Wahlsystem.
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