Platzverweis für Cristiano Ronaldo "Er fühlt sich ungerecht behandelt"

Rot beim Debüt: Cristiano Ronaldos erster Champions-League-Auftritt im Juventus-Trikot war nach 29 Minuten beendet. Beim Superstar flossen Tränen, hinterher gab es Trost und Häme.

AP

Erst plumpste Cristiano Ronaldo auf den Hintern, dann lag er ganz flach, Arme und Beine weit von sich gestreckt, als widerfahre ihm gerade die größte Ungerechtigkeit der Fußballhistorie. Dabei hatte er nur eine Rote Karte bekommen, und die war vertretbar. Auch wenn nicht nur er selbst das ganz anders sah. Aber der Reihe nach.

Mittwochabend, de 29. Minute im Champions-League-Spiel zwischen dem FC Valencia und Ronaldos neuem Klub Juventus, Spielstand: 0:0. Juves Linksverteidiger Alex Sandro treibt den Ball auf der Seite vorwärts, als andernorts der Aufreger des Abends geschieht: Im Strafraum kreuzen sich die Laufwege von Ronaldo und Valencias Jeison Murillo. Ronaldo drängelt, Murillo fällt. Dann greift der Weltfußballer dem sitzenden Abwehrspieler auf den Kopf. Es ist kein Tätscheln, Ronaldo versucht, sich ins ins kurze Haar des Kolumbianers zu krallen, findet aber keinen Halt.

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Ronaldos Platzverweis für Juve: Das Horror-Debüt

Der deutsche Schiedsrichter Felix Brych berät sich mit Torrichter Marco Fritz, dann zückt er die Rote Karte. Es ist Ronaldos erster Platzverweis im 154. Champions-League-Spiel. Ausgerechnet in seinem Europacup-Debüt für Juve.

Nachdem Ronaldo zu Boden gesunken ist, bleibt er rund 30 Sekunden lang sitzen, er schlägt mit der Faust auf den Rasen, schüttelt mit dem Kopf, vergräbt das Gesicht in beiden Händen. Ihm schießen Tränen in die Augen. Nach und nach nähern sich Juventus-Spieler, sie streicheln Ronaldos Kopf, sprechen ihm zu. Gleichzeitig johlen Valencias Fans. Spott und Trost sind nah beieinander, als Ronaldo schließlich vom Feld trottet.

Juventus gewann das Spiel trotz Unterzahl 2:0, aber darüber sprach kaum jemand. Es ging nur um ein Thema.

Im Video: "Es hat gedauert, bis er sich beruhigt hat"

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"Ich weiß nicht, was der Schiedsrichter gesehen hat", sagte der Turiner Abwehrchef Leonardo Bonucci. Er hatte nach der Entscheidung von Brych lange auf den Schiedsrichter eingeredet. Es habe sich um eine normale Auseinandersetzung gehalten, so Bonucci. "Es hat gedauert, bis er sich beruhigt hat", sagte Juves Trainer Massimiliano Allegri. "Er war total sauer, fühlte sich ungerecht behandelt."

"Das soll Rot sein?", fragte Juves Mittelfeldspieler Emre Can im Interview mit dem Sender Dazn. Für den Nationalspieler ist Haareziehen offenbar kein Vergehen: "Wir sind doch keine Frauen, wir spielen Fußball." Ein doppelt unsinniger Kommentar Cans, weil durchaus auch Frauen Fußball spielen und Haareziehen natürlich keine weibliche Angelegenheit ist. Siehe Ronaldo.

Die Szene war natürlich nicht nur unter den Spielern Thema, sondern auch in den Medien. "Er geht in Tränen", schrieb die "Gazzetta dello Sport" aus Italien. Die spanische "Marca" schrieb von einem "Drama von CR7", Konkurrenzblatt "AS" sah Ronaldo "weinend vor Machtlosigkeit". Die "Bild" war weniger empathisch, sie verhöhnte den Weltfußballer lieber. "Erst Haare ziehen, dann heulen: Kindergarten-Rot für Ronaldo", hieß es dort.

Juve-Coach Allegri plädierte für den Videobeweis in der Champions League. "Der Videoassistent hätte dem Schiedsrichter helfen können, die richtige Entscheidung zu treffen", sagte der Italiener: "Das ist sehr enttäuschend. Wir hätten deshalb fast verloren, und Ronaldo wird uns im nächsten Spiel fehlen."

Dass der Videobeweis, den es zwar nicht im Europacup, aber unter anderem in La Liga und der Serie A gibt, Ronaldos Platzverweis verhindert hätte, ist fraglich. Die Rote Karte mag hart gewesen sein, aber eine krasse Fehlentscheidung? Ein wuchtiger Griff ins Haar gehört sich eben nicht.

mon/dpa



insgesamt 75 Beiträge
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Tavlaret 20.09.2018
1. Der arme Ronaldo ...
und der böse Schiedsrichter. Er hat geweint, welch ein Drama! Jetzt darf er das eine oder andere Spiel in der CL nicht spielen, dabei würde er doch so gern. Ich muss die ganze Zeit an den armen Kerl denken und gräme mich mit. Es ist eine Schande, dass Schiedsrichter Ronaldo überhaupt eine rote Karte zeigen dürfen.
lumberjack-xxl 20.09.2018
2. Therapiebedürftig
Der Arme erscheint regelmäßig ziemlich verhaltensauffällig. Bei seinen Millionen wär sicherlich eine Therapie finanzierbar.
joes.world 20.09.2018
3. Interessant, wie unterschiedlich man die Szene interpretiert
Er versucht sich in das Haar des Valencia-Spielers zu krallen, findet aber keinen Halt? Wie kann man wissen, was Ronaldo wollte, wenn es gar nicht geschah? Und wieso weil er etwas wollen sollte, eine Rote Karte? Wird in Deutschland die Entscheidung des Schiedsrichters deshalb freundlicher kommentiert als anderswo (in englischsprachigen Sendern sprach man von einer riesen Fehlentscheidung), weil er ein Deutscher ist? Ich sah einen Ronaldo, der im Strafraum einen Zweikampf führte, vielleicht sogar ein wenig behindert wurde. Der Valenzia-Spieler sank theatralisch zu Boden, hielt sich den Kopf als wäre er geschlagen worden. Vielleicht, weil er Angst hatte, dass Elfmeter gegen ihn und seine Mannschaft gepfiffen wird? Ronaldo ärgerte sich über dieses miese Schauspiel und tätschelte dem Schauspieler den Kopf. So nach dem Motto, ist doch eh alles gut, Kleiner. Weniger Theatralik. So zumindest sah ich es. Und möglicher Weise dannd er Deutsche Schiedsrichter auch. Denn ind er Folge half er Turin. Zumindest mit dem 2. Elfmeter. Das aber ist für mich zu wenig. Denn wieso muss ich jetzt auf Ronaldo gegen Man U verzichten, nur weil Brych eine Fehlentscheidung traf?
connymi7160 20.09.2018
4. Kein Platzverweis
Diese Rote Karte war also "vertretbar", weil sich ein "wuchtiger Griff" (?) ins Haar des Gegners "nicht gehöre"? Aua. Der Spiegel-Autor hat alles gegeben, um diese rote Karte mit rhetorischen Verrenkungen zu rechtfertigen. Dabei ist es ganz einfach: Das war nichts, und mit Sicherheit keine Tätlichkeit. Brych, der ein Super-Schiedsrichter ist, hätte diese Karte nie gegeben, wenn er die Szene selbst gesehen hätte, da darf man sicher sein. Aber Partei für Ronaldo ergreifen? Kommte nicht gut an bei der breiten Masse der Leser, also lieber ein bißchen rhetorische Gymnastik betreiben.
gnarze 20.09.2018
5. Lächerlich
Der kleine CR7 möchte aus dem Bällebad abgeholt werden. Auch für ihn gilt, dass eine Tätlichkeit - auch eine Versuchte - eine Tätlichkeit bedeutet. Aber ich tippe auf ein Spiel Sperre, damit er nicht jetzt jede Nacht in sein Kissen weinen muss.
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