Anhörung von Ronaldo "Leute wie er gehen nicht ins Gefängnis"

Sieben Jahre Haft? Cristiano Ronaldo droht wegen möglicher Steuerhinterziehung eine lange Freiheitsstrafe. Gleich sein erster Gerichtstermin sorgt für Unmut.

Cristiano Ronaldo
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Cristiano Ronaldo

Aus Madrid berichtet


150 Meter vom Amtsgericht in Pozuelo de Alarcón entfernt steht das Restaurant Asturianos de Sanabria. Ein kleines Frühstück inklusive Croissant, Kaffee und Orangensaft kostet 3,50 Euro, es ist ein Ort der sogenannten kleinen Leute. An einem Tisch sitzen drei Männer und eine Frau, Mitarbeiter der Stadtreinigung. Sie machen gerade Pause und kennen nur ein Thema: die Anhörung Cristiano Ronaldos. Sie findet nebenan statt.

Pablo ist eingefleischter Fan von Real Madrid, aber er ist wütend auf den Superstar: "Er verdient Millionen. Er muss seine Steuern bezahlen. Warum tut er das nicht?", sagt er und schimpft: "Ich mag ihn sowieso nicht, er ist unsympathisch. Ich freue mich, dass er für uns Tore schießt, aber als Mensch ist er mir egal."

Hier, am Amtsgericht des 85.000-Einwohner-Vororts im Nordwesten Madrids, hatte Ronaldo, 32 Jahre alt, am Montag einen ungewöhnlichen Auftritt: Er musste an einem Ort erscheinen, an dem ihm nicht die Herzen zuflogen. An dem niemand vor Freude seinen Namen rief. An dem nichts glänzte. Ein Ort, an dem Reporter mit kritischen Fragen warteten. Normale Bürger, die gegen ihn protestierten. Und Mónica Gómez Ferrer. Sie ist Richterin am Gericht in Pozuelo, und ihre Aufgabe ist es, herauszufinden, ob der portugiesische Superstar tatsächlich 14,7 Millionen Euro Steuern hinterzogen hat. Das ist der Vorwurf, der Ronaldo gemacht wird. (Die wichtigsten Fragen zur Steuerakte von Ronaldo sind hier zusammengefasst).

Nach der Anzeige der für Wirtschaftsdelikte zuständigen Staatsanwaltschaft soll er zwischen 2011 und 2014 Millioneneinnahmen aus Bildrechten in seinen Steuererklärungen nicht angegeben haben. Das Geld wurde über Firmenstrukturen in den Steuerparadiesen Irland und British Virgin Islands transferiert. Ein entscheidender Punkt ist in diesem Fall die Firma Tollin, eine Briefkastenfirma auf den British Virgin Islands. Der SPIEGEL hatte sie Ende 2016 dank des Football-Leaks-Datensatzes gemeinsam mit Partnerredaktionen des EIC-Recherchenetzwerks aufgedeckt.

In der Anklageschrift beschreibt die Staatsanwaltschaft, dass Ronaldo seine Bildrechte an die Firma Tollin auf den British Virgin Islands abgetreten habe - und Tollin zehn Tage später dann wiederum die Bildrechte an die irische Firma MIM weitergegeben habe, damit sie die Rechte verwaltet. Das habe die vorherige Übertragung an Tollin "komplett überflüssig" gemacht, so die Ermittler. Sie habe nur dem Zweck gedient, die Bildrechteinnahmen des Angeklagten vor der Steuerbehörde zu verschleiern.

Und so führte Ronaldos Weg am Montagmorgen nicht wie gewöhnlich zum Trainingsgelände der Madrilenen, sondern zum Gericht. Es war eine kurze Anreise, Ronaldos Villa im abgeschotteten Promi-Wohnviertel La Finca liegt nur zehn Fahrminuten entfernt. Um 10.58 Uhr kurvte ein schwarzer Mittelklassewagen die Abfahrt in die Tiefgarage hinunter, keiner der etwa 200 vor dem Haupteingang wartenden Journalisten aus aller Welt und Dutzenden Anhänger bekam ihn zu Gesicht.

Vor dem Amtsgericht in Pozuelo de Alarcon
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Vor dem Amtsgericht in Pozuelo de Alarcon

Während Ronaldo von Richterin Ferrer verhört wurde, trafen vor dem Gerichtsgebäude weitere Fans ein, einige riefen: "Free Ronaldo!". Andere trugen Plakate mit sich, ein Fan hatte darauf geschrieben, dass auch die Reichen ihre Steuern zahlen müssen. Und damit eben auch Ronaldo.

Der wollte sich nach seiner Anhörung selbst zu den Anschuldigungen äußern, auf den Treppen vor dem Haupteingang hatten Mitarbeiter von Real Madrid am Morgen ein Mikrofon und Lautsprecher aufgebaut, die Weltpresse versammelte sich bei Temperaturen von 35 Grad Celsius davor. Nach mehreren Soundchecks wurde um kurz nach eins mitgeteilt, dass die Anhörung beendet sei.

Wenig später tauchte aber nicht Ronaldo auf, sondern einer der Sprecher seiner Beratungsagentur Gestifute. Alles sei "in Ordnung", sagte der Mann - und Ronaldo schon nach Hause gefahren. Die wartenden Fans buhten und pfiffen, die Journalisten zogen unverrichteter Dinge von dannen. Erst in einem von seinen Beratern verbreiteten Kommuniqué sagte der Profi: "Ich habe niemals etwas verborgen und auch niemals die Absicht gehabt, Steuern zu hinterziehen."

Für den Stürmerstar war es der erste öffentliche Auftritt in diesem Sommer in Spanien. Real-Trainer Zinédine Zidane hatte ihm nach dem Confed-Cup bis zum 3. August Urlaub gegeben. Ronaldo verbrachte die Zeit mit seiner Familie unter anderem auf einer Jacht im Mittelmeer, in den vergangenen Tagen bereitete er sich mit seinen Beratern und Rechtsanwälten intensiv auf den Gerichtstermin vor.

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Dass schmerzhafte Konsequenzen möglich sind, ist indes kein Geheimnis. Es drohen sieben Jahre Haft. Auch ein weiteres Szenario wäre denkbar: Bei außerordentlicher Zusammenarbeit mit den Behörden kann die Haftstrafe auf ein Viertel reduziert werden, dann wäre sogar eine Bewährungsstrafe möglich.

Richterin Ferrer hat erst einmal einige Monate Zeit, um zu entscheiden, ob der Prozess eröffnet wird. Sie kann bis dahin weitere Zeugen anhören, Dokumente anfordern und Ronaldo erneut vernehmen. Lässt sie die Anklage zu, kann es bis zu einem Urteilsspruch noch lange dauern. Im Steuerfall von Lionel Messi waren es vier Jahre.

Im Restaurant Asturianos de Sanabria gehen sie jedenfalls nicht davon aus, dass Cristiano Ronaldo am Ende hinter Gitter sitzen wird. Pablo, der Real-Fan, der Ronaldo nicht mag, sagt: "Es ist egal, was sie gemacht haben - Leute wie er gehen nicht ins Gefängnis. Nicht in diesem Land."

insgesamt 49 Beiträge
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Seite 1
isi-dor 31.07.2017
1. Was heißt hier...
...Leute wie Ronaldo gehen nicht in Haft? Gilt das Gesetz nicht für alle Menschen gleich? Das wäre ja fatal.
ogni1 31.07.2017
2. @1
Vielleicht einfach mal den ganzen Artikel lesen, bevor es wieder dies oder das heißt und am Thema vorbei "diskutiert" wird... Oder um einem klugen Spruch nicht zuzustimmen, der da lautet: "Haben Sie keine Angst vor Büchern. Gelesen sind sie ungefährlich." Schönen Gruß...
philipp.zuerich 31.07.2017
3.
Spanien braucht doch gar keine steuereinnahmen. Im zweifel bürgt wieder draghi mit deutschen steuergeldern. Dann gibts schon neue kredite vom finanzmarkt und alles geht weiter wie bisher.
StefanieTolop 31.07.2017
4. Kein Wunder
Die Arroganz kann er sich leisten. Hat Spanien doch mit der Lex Beckham eine eigene Steuergesetzgebung für beliebte und reiche Fußballer eingeführt, die er ausgiebig nutzen konnte. Aus den Vergewaltigungsvorwürfen in den USA hat er sich rausgekauft und dann noch über den hohen Betrag beschwert. Andere wären da für viele Jahre in den Knast gewandert. Und er kennt den Ausgang des Verfahrens ja auch schon: in den Knast muß er nicht. Vor dem Gesetz in Spanien sind eben alle gleich und manche sogar noch gleicher...
calinda.b 31.07.2017
5. Natürlich geht der nicht in den Knast!
Wen sollen die Unterschichten denn sonst anfeuern?
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