Fanhilfe kritisiert Polizei und Justiz »Fußballfans sind keine Gewalttäter«

Polizeikessel, Drohneneinsätze, Datensammlung: Der Dachverband der Fanhilfen in Deutschland hat sich in einem Positionspapier, das dem SPIEGEL vorliegt, für die Reduzierung der Polizeieinsätze in Stadien ausgesprochen.
Anhänger von Werder Bremen machen mit einem Plakat auf den Polizeieinsatz beim Auswärtsspiel in Wolfsburg aufmerksam

Anhänger von Werder Bremen machen mit einem Plakat auf den Polizeieinsatz beim Auswärtsspiel in Wolfsburg aufmerksam

Foto: Carmen Jaspersen / dpa

Der Dachverband der Fanhilfen in Deutschland hat sich in einem Grundsatzpapier gegen eine »massive Präsenz der Polizei in und an den Stadien« ausgesprochen und Maßnahmen wie Polizeikessel und die Datensammlung in der Datei »Gewalttäter Sport« kritisiert.

Der Forderungskatalog, der dem SPIEGEL vorliegt, umfasst fünf Punkte und wurde auf einem Treffen der 22 Fanhilfen in Hannover verabschiedet. Antrieb waren laut Oliver Wiebe von der Fanhilfe Magdeburg eine Reihe von Vorfällen, die sich nach der Rückkehr der Anhänger nach dem pandemiebedingten Ausschluss in die Stadien ereignet hätten.

»Der Start war für viele Fanszenen sehr ereignisreich und teilweise geprägt von einschneidenden Erlebnissen«, sagt Sprecher Wiebe dem SPIEGEL. »Gerade die Ausweitung der Drohneneinsätze an den Stadien  durch die Landespolizei sowie die Überwachung im Internet hat dazu geführt, dass wir uns lautstark für Freiheits- und Bürgerrechte einsetzen wollen.«

Verband moniert »Verbrennung« von Steuergeld

Der Dachverband prangert die Verbrennung von Millionen von Steuergeldern für den Einsatz der Polizeikräfte an. »Fußballfans sind keine Gewalttäter, sondern wollen ihren Verein unterstützen«, heißt es. Die Polizei müsse deshalb ihre Einsätze defensiver planen.

Vor dem Hintergrund des aufsehenerregenden Polizeieinsatzes gegen Fans von Werder Bremen bei einer Auswärtsfahrt nach Wolfsburg – es hatte pauschale Durchsuchungen gegeben, viele Fans waren wieder abgereist, die Polizei entschuldigte sich später für den Einsatz – fordert der Dachverband ein Umdenken.

»Dass etwa bei Auswärtsspielen reisenden Fans keine Möglichkeit zum Toilettengang, keine Bewegungsfreiheit und keine Versorgungsmöglichkeiten gegeben werden«, würden viele Fans nur zu gut kennen, heißt es in dem Papier. Polizei und Justiz müssten »die willkürliche Praxis der Polizeikessel beenden« und dafür sorgen, dass sich alle Fans frei am Spieltag bewegen können, und nicht »unter Generalverdacht« gestellt würden.

Individuelle Kennzeichnungspflicht für Polizisten gefordert

»Fußallfans, die eine gültige Fahrkarte haben, ein gültiges Ticket für das Spiel, werden anders behandelt als Besucher eines Konzerts von Rod Stewart oder Andrea Berg«, sagt Wiebe: »Das ist eine unfassbare Ungerechtigkeit. Da entsteht Frust.«

Kritik übte der Dachverband im Zusammenhang mit der umstrittenen Datei »Gewalttäter Sport« an der Bundesregierung. Dort hatte es Bestrebungen gegeben, eine Reformierung anzustoßen . Bislang sei aber noch nichts passiert. Man wollte bald auf die Abgeordneten zugehen. »Die Praxis der unverhältnismäßigen Datensammlung muss aufhören.« Die Datei existiert seit 1994, sie ist umstritten, weil in der Vergangenheit auch Personen aufgenommen wurden, die gar nicht gewalttätig in Erscheinung traten.

Des Weiteren forderte der Verband eine Kennzeichnungspflicht mit eindeutiger Individualisierung für Polizisten. Zudem schließe man sich der bundesweiten Kampagne »Chatkontrolle stoppen« an.

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