Ronald Reng

Eintracht-Spieler Daichi Kamada »Ihm zuzuschauen, macht mich einfach glücklich«

Ronald Reng
Ein Gastbeitrag von Ronald Reng
Das Gefühl, einen tollen Fußballer zu entdecken, ist wie Sichverlieben: Es geschieht auf den ersten Blick, dann schlägt das Herz wie verrückt. Unserem Autor geht es so mit Daichi Kamada.
Er ist ein wahrer Dribbelkönig: Daichi Kamada

Er ist ein wahrer Dribbelkönig: Daichi Kamada

Foto: Peter Hartenfelser / imago images

Wenn mich unsere Tochter fragt, was ich vor dem Fernseher mache, sage ich nur noch selten: Ich schaue Fußball. Meistens sage ich: Ich schaue Kamada.

Mich interessiert beim Fußball nicht mehr brennend, wer die Bundesliga gewinnt (das weiß man sowieso) oder wie sich die besten Teams der Welt taktisch aufstellen. Ich will wissen, wie sich ein 24-jähriger Junge aus Japan im Dienst von Eintracht Frankfurt entwickelt, den der Rest der Welt bestenfalls für einen recht interessanten Spieler in einer ganz ordentlichen Mannschaft hält.

Das Gefühl, einen tollen Fußballer zu entdecken, hat mir schon immer gefallen. Es ist der Zustand, der dem Verlieben am nächsten kommt: Es geschieht auf den ersten Blick – und dann schlägt das Herz wie verrückt.

Meine Obsession mit Daichi Kamada begann am 1. August 2019. Ich war bei meinen Eltern in Frankfurt zu Besuch und ging nur aus dem Grund zum Europa-League-Qualifikationsspiel der Eintracht gegen Flora Tallinn, weil unser Sohn unbedingt hinwollte. Die Sommerluft streichelte die Haut, fast alle der 48.000 Zuschauer trugen Weiß, die Farbe der Mannschaft. Die Atmosphäre war so wunderbar lässig, dass ich einfach den Moment genoss und das Spiel nur mit halber Konzentration betrachtete.

Da durchfuhr es mich.

Über den Autor
Foto: Colin McPherson / Corbis via Getty Images

Ronald Reng, 51 Jahre, ist ein deutscher Sportjournalist und Buchautor. Im Jahr 2010 schrieb er in Zusammenarbeit mit Teresa Enke die Robert-Enke-Biografie. Weitere bekannte Bücher von ihm sind »Mrokos Talente«, »Der Traumhüter« und »Spieltage. Die andere Geschichte der Bundesliga«. Zudem schrieb er die offizielle Biografie des langjährigen DFB-Stürmers Miroslav Klose. Er lebte viele Jahre in Barcelona und gilt als Kenner des Klubs – in »Barça: Die Entdeckung des schönen Fußballs« schildert der Fußballenthusiast das Grundwesen der katalanischen Spielkultur.

Es waren nur eine Ballannahme und ein Pass. Der Eintracht-Spieler mit der Nummer 40 aber hatte den Ball mit solch einer ästhetischen Feinheit angenommen und mit solcher strategischen Klugheit gepasst, dass ich augenblicklich ganz bei ihm war. Daichi Kamada. Da war eine unerhörte Leichtigkeit in seinen Bewegungen. Er schien geradezu ohne Körper zu spielen, als würde er ganz von seinem erhabenen Gespür für den Ball und dem blitzenden Geist leben.

Es gab selbst in diesem unbedeutenden Sommerkick einige Fußballer, die für das Ergebnis entscheidender waren, aber ich meinte, so einen Spieler ganz selten gesehen zu haben. Was er mit dem Ball machte, ob beim Stoppen, Passen oder Dribbeln, sah so mühelos und majestätisch aus, als schwebe er über den Dingen.

Von da an schaute ich immer: Was macht Kamada? Und merkte gar nicht, dass ich in den Augen anderer vielleicht ein klein wenig merkwürdig wurde.

Ich fuhr von unserem Wohnort Bozen in Südtirol bis nach Paderborn, um Kamada live zu sehen, hin und zurück 1600 Kilometer. Ich interviewte den Sportdirektor des VfB Stuttgart, Sven Mislintat, um zu hören, wie er Spieler entdeckt, und erzählte ihm ungefragt, aber ausführlichst, wie ich Kamada entdeckte. Mislintat sah mich komisch an.

Zehn Torvorlagen hat Daichi Kamada in dieser Saison geliefert – der Topwert

Zehn Torvorlagen hat Daichi Kamada in dieser Saison geliefert – der Topwert

Foto: Maja Hitij / Getty Images

Meine Freunde fragen mich: Bist du jetzt Fan von Kamada wie andere von Bayern München oder Borussia Dortmund? Aber Fan trifft es nicht. Ich betrachte ihn wohlwollend, jedoch mit kaltem, analysierendem Blick. Ich bin ein Kamadista. Ein Kamada-Forscher.

Wenn Kamada den Ball berührt, kann sich das ganze Spiel verändern. Da war der punktgenaue Diagonalpass über 40 Meter auf Filip Kostic aus dem Nichts vor zwei Wochen im Spiel gegen Hoffenheim. Eben noch hatte die Eintracht einen scheinbar beliebigen Ballgewinn im hinteren Mittelfeld erzielt, und schon flankte Kostic zum Torerfolg; zwischen beiden Spielsituationen lag nur eine Sekunde, ein Pass von Kamada.

Er dribbelt drei Berliner im Strafraum aus und legt den Ball mit ausdruckslosem Gesicht dem Mittelstürmer perfekt vor. Er steht mit dem Rücken zum Tor, und während ich noch denke, »da kann er nichts machen«, hat er den Ball mit der Hacke weitergeleitet.

Hütter ist der zweithärteste Kamadista der Welt

Es gibt wichtigere, effizientere, bessere Fußballer auf der Welt, und doch wirkt Kamada besonders, sobald er den Ball berührt. Denn er beherrscht das Schwierigste am Spiel. Er erweckt Ideen zum Leben.

Selbstredend registriere ich als Kamada-Forscher in seinem Spiel auch, wie er vor dem Tor bisweilen zögerlich agiert und in Defensivaktionen bisweilen zaghaft. In der Hinrunde dieser Saison etwa spielte er einfach schlecht, fahrig, mit vielen Ballverlusten. Doch Frankfurts Trainer Adi Hütter wusste: Die Form eines großen Fußballers kommt und geht. Die Klasse bleibt.

Hütter ist der zweithärteste Kamadista der Welt. Unerschütterlich hielt er an Kamada fest. Und heute, an diesem Samstag um 15.30 Uhr, schaue plötzlich nicht nur ich, sondern schaut das breite Fußballpublikum, was Kamada macht.

Nach acht Siegen und einem Unentschieden in den jüngsten neun Spielen geht die Eintracht als Tabellendritter und echter Herausforderer ins Bundesliga-Spitzenspiel gegen Bayern München. Zehn Torvorlagen hat Kamada in der laufenden Saison bereits zum Frankfurter Aufschwung beigetragen. Das Talent, das ich vor zwei Jahren sah, ist auf dem Weg, ein Fußballer von Champions-League-Format zu werden.

Im Herzen des Teams: Kamada gehört in den Mittelpunkt

Im Herzen des Teams: Kamada gehört in den Mittelpunkt

Foto: Soeren Stache / picture alliance/dpa/dpa-Zentralbild

Wenn ich sehe, wie aus seinen Geistesblitzen nun Tore werden, spüre ich als Kamada-Forscher keinen Entdeckerstolz im Sinne von »Ich habe das schon vor zwei Jahren gewusst!«. Ihm zuzuschauen, macht mich einfach glücklich.

Einen höheren Sinn für die Entdeckung toller Fußballer würde ich mir sowieso nicht zugutehalten. Einer der letzten Fußballer vor Kamada, der mich derart ergriff, war Mike Ott. Vor sieben Jahren sah ich, wie Ott, 18-jährig, in der A-Jugend des TSV 1860 München die Gleichaltrigen des FC Bayern zerstörte, absolut zerstörte. Ich rief einen Freund von Pep Guardiola an, den müsse er Pep empfehlen, unbedingt! Nun ja. Heute spielt Mike Ott in der philippinischen Liga.

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