Razzia in Singapur Schlag gegen die Paten der Wettmafia

Bei einer spektakulären Razzia in Singapur sind hochrangige Köpfe eines weltweit operierenden Wettbetrugsrings festgenommen worden, darunter auch der mutmaßliche Pate Dan Tan. Europäische Ermittler bleiben skeptisch. Die Kriminellen hatten viel Zeit, um Beweise zu zerstören.

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Zwölf Stunden dauerte die Razzia in Singapur, 14 Personen wurden festgenommen. Unter ihnen: Dan Tan, alias Tan Seet Eng, einer der weltweit einflussreichsten Wettmanipulateure. Sowohl ungarische als auch italienische Staatsanwaltschaften hatten in den vergangenen Monaten Anklagen gegen Tan erhoben, er soll nach Angaben von europäischen Ermittlern an über 300 Fußballmanipulationen weltweit beteiligt sein.

"Wir freuen uns, dass das Ziel unserer ganzen Anstrengungen zumindest nach außen hin einen großen Erfolg zu haben scheint", sagte Friedhelm Althans SPIEGEL ONLINE. Der 60-Jährige ist der Leiter der Bochumer Soko "Flankengott", die im Zuge ihrer Ermittlungen vor vier Jahren als erste ein weltweit operierendes Wettbetrugssyndikat aufzeigte. Unter anderem italienische, finnische und ungarische Behörden arbeiteten mit den Bochumer Ergebnissen weiter, schließlich schälte sich Singapur immer stärker als Zentrum eines global operierenden Wettbetrugs heraus.

Seit dem 19. Dezember 2011 besteht ein internationaler Haftbefehl gegen Tan Seet Eng, den mutmaßlichen Kopf des Syndikats. Die Staatsanwaltschaft im norditalienischen Cremona hat ihn erwirkt. Demnach ist Tan an Manipulationen in Südamerika, in Afrika, in Finnland, in Kroatien, in Österreich beteiligt gewesen. Allein in Italien und Ungarn soll der 49-Jährige über 60 Spiele verschoben haben. Tan selbst bestreitet die Vorwürfe. In einem Chat mit dem SPIEGEL schrieb er vor mehreren Monaten, er habe "keinen Spieler oder Funktionär bestochen." Ob dies andere Personen in seinem Auftrag getan haben, darüber schweigt der Asiate.

Auf Länderspiele spezialisiert

Nach Informationen von SPIEGEL ONLINE sollen neben Tan noch weitere Führungsköpfe des Singapurer Zirkels festgenommen worden sein. Darunter mit Peter Peh Kang L., Choo Beng H. und insbesondere Anthony Santia R. höchst einflussreiche und international gesuchte Wettpaten. Offiziell bestätigt wurden die Namen bislang weder von der Singapurer Polizei noch von Interpol, das die Razzia koordinierte. Ein italienischer Ermittler der Soko "Golden Goal II" sagte SPIEGEL ONLINE: "Wir gehen davon aus, dass es sich um diese Personen handelt. Wir haben ein großes Interesse, zeitnah mit ihnen zu sprechen."

Anthony Santia R. ist dabei eine der schillerndsten Figuren. Er arbeitete viele Jahre mit Wilson Raj Perumal zusammen, der mittlerweile in Finnland verurteilt wurde und nun mit ungarischen Staatsanwaltschaften kooperiert. Beide spezialisierten sich auf Länderspiele und sollen unter anderem für eines der größten Schurkenstücke in der Türkei gesorgt haben. Im Februar 2011 kauften sie die Schiedsrichter und ließen die Spiele zwischen Bolivien und Lettland (1:2) sowie Bulgarien und Estland (2:2) ausschließlich über Elfmeter entscheiden. Denn genau auf diese Ergebnisse hatten sie ihre millionenschweren Wetten platziert.

Nach Perumals Verhaftung soll Anthony Santia R. dessen Geschäfte übernommen und dadurch sogar Tan Seet Engs Einflussgebiet gestört haben. Peter Peh Kang L. und Choo Beng H. tauchen mehrfach in den Akten der Staatsanwaltschaft Cremona auf. Beide scheinen im italienischen Fußball tief vernetzt zu sein.

Alle Alarmglocken

"Wir müssen nun die rechtskräftigen Verfahren abwarten", sagt Althans SPIEGEL ONLINE. Dabei wird es vor allem darum gehen, ob der Singapurer Bande tatsächliche Manipulationen nachgewiesen werden können. "Dafür müssen entsprechende Geldflüsse untersucht und offengelegt werden", sagt Althans. Der Bochumer war Anfang Mai gemeinsam mit Staatsanwalt Andreas Bachmann in Singapur, beide haben den dortigen Ermittlern auch die Ergebnisse des Joint Investigation Teams von Europol vorgestellt. "Die Verhaftungen sind wichtig, das Syndikat ist schwer getroffen. Aber die Singapurer haben fast eineinhalb Jahre gebraucht, um die internationalen Haftbefehle umzusetzen. Die Asiaten hatten viel Zeit, um ihre Spuren zu verwischen", sagt ein Ermittler von Interpol.

Ob Tan und seine Mitarbeiter dies tatsächlich genutzt haben, ist fraglich. Vieles deutet eher darauf hin, dass die Gruppe sich in Singapur so sicher gefühlt hat, dass sie ihre Betrügereien munter fortführte. Als beim vergangenen Gold Cup, den amerikanischen Kontinentalmeisterschaften, drei Spieler des Teams von Belize vorm Turnierbeginn von einem Mann angesprochen und ihnen Geld geboten wurde, schrillten bei vielen Ermittlern die Alarmglocken. "Wir haben diese Person schon seit längerer Zeit im Blick. Er war früher als einer der Mittelsmänner der Singapurer in Afrika tätig, danach eine lange Zeit in Südamerika. Wir halten es für sehr wahrscheinlich, dass er auch diesmal im Auftrag der Asiaten unterwegs war", sagt ein Interpol-Mann.

Sollte es tatsächlich dazu kommen, dass einer der in Singapur Verhafteten über das Betrugssystem auspackt, könnte eine Lawine den Fußball überrollen. Denn die Führungsköpfe der Bande sind am ehesten in der Lage, bestochene Spieler, Schiedsrichter und Funktionäre namentlich zu benennen. Und davon, so vermuten es mehrere Ermittler, gibt es weit mehr als bisher bekannt.

Doch für solche Geständnisse müssten die Beweise erdrückend sein. Und ob dies der Fall ist, bleibt zu bezweifeln. Von den gestern in Singapur verhafteten 14 Personen, darunter zwei Frauen, haben mittlerweile neun durch eine Kautionshinterlegung die Polizeistationen wieder verlassen. Dan Tan und seine drei Führungsmitglieder befinden sich allerdings noch in Untersuchungshaft.



insgesamt 4 Beiträge
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hboehner 19.09.2013
1. Fussball, Geld und Kriminalität
mehr muss man leider nicht mehr sagen. Der Fussballsport ist nur noch an viel Geld interessiert. Das lockt automatisch Kriminelle an. Leider habe ich daran den Spass mittlerweile verloren.
Stabhalter 19.09.2013
2. gelle
Zitat von sysopBei einer spektakulären Razzia in Singapur sind hochrangige Köpfe eines weltweit operierenden Wettbetrugsrings festgenommen worden, darunter auch der mutmaßliche Pate Dan Tan. Europäische Ermittler bleiben skeptisch. Die Kriminellen hatten viel Zeit, um Beweise zu zerstören. http://www.spiegel.de/sport/fussball/dan-tan-mutmasslicher-wettpate-in-singapur-festgenommen-a-923297.html
Sport und Wettmafia gehören zusammen wie Brot und Wurst.
Terabyte 19.09.2013
3. @hboehner
Das hat nicht mit Fussball zu tun, die würden auch auf Synchronschwimmen wetten wenn die Qouten stimmen. Der Unterschied ist nur, bei Fussballwetten werden grössere Umsätze gemacht, da kann man eher höhere Beträge investieren ohne aufzufallen.
sarkosy 14.10.2013
4. In Singapur
kann keine Wirtschaftsmafia ohne Duldung durch die Politik existieren - dazu wird in diesem Kleinsstaat alles viel zu diktatorisch überwacht.Das ganze Theater ist reine Augenwischerei und solange Fussball ein Milliardengeschäft ist,wird Singapur im Rennen bleinen:neue Köpfe,neue Namen,alte Praktiken,weit vom Schuss und gut gedeckt.
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