Umstrittener Daniel Frahn bei Babelsberg 03 Rechenschaft schuldig

Der politisch linksorientierte SV Babelsberg holte Daniel Frahn, dem in Chemnitz gekündigt wurde, weil er den Rechten zu nahe gestanden haben soll. Nun kämpft der Verein um seine Glaubwürdigkeit.
Daniel Frahn bei seinem Debüt für Babelsberg: Applaus im Stadion, Kritik im Netz

Daniel Frahn bei seinem Debüt für Babelsberg: Applaus im Stadion, Kritik im Netz

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Sebastian Gabsch/ Future Image/ imago images

15 Euro kostet das schwarze T-Shirt mit der Aufschrift "Nazis raus! aus den Stadien" im Fanshop von Fußballklub SV Babelsberg 03. Lieferzeit vier bis sieben Tage. Die gleichnamige Kampagne gegen Rechtsextremismus und Hetze in Sportstätten gibt es seit über zwei Jahren. Wer eine Soli-Mitgliedschaft abschließt, bekommt das Shirt kostenfrei dazu. Die vom kleinen Kiezklub gestartete Bewegung gegen rechts nahm sich etwa ein Dutzend deutscher Profivereine zum Vorbild. Doch die Babelsberger Fans wissen momentan nicht, wie ernst ihr Verein den prominent gewordenen Slogan noch nimmt.

"Im Abstiegskampf ist jedes Mittel rechts" stand am Sonntag auf einem Banner der Gästefans von Chemie Leipzig. Nachdem der Babelsberger Daniel Frahn eingewechselt wurde, skandierten sie "Ohne Nazis wärt ihr nur zu zehnt".

Es war Frahns erstes Spiel nach 196 Tagen Zwangspause. Sein alter Klub, Drittligist Chemnitzer FC, hat seinen Vertrag im August 2019 gekündigt, weil ihm Kontakte zu Rechtsextremen vorgeworfen wurden. Jetzt wagt Frahn einen Neustart in der Regionalliga Nordost. In Babelsberg, einem Klub, der für linkes Engagement bekannt ist. Für Frahn ist es eine Chance und nicht erst die zweite. Es ist auch eine Chance für seinen neuen Verein - und ein Risiko.

Applaus im Stadion, Kritik in sozialen Netzwerken

Im März 2019 hatte Frahn bei einem Spiel, das als Trauerfeier für einen verstorbenen Neonazi genutzt wurde, ein Trikot mit der Aufschrift "Support your local Hools" hochgehalten. Fünf Monate später war er mit Mitgliedern der rechtsextremen und vom Verfassungsschutz beobachteten Gruppierung "Kaotic Chemnitz" in seinem Privatfahrzeug zu einem Chemnitzer Auswärtsspiel angereist und verfolgte auch die Partie in deren Nähe. Der Drittligist kündigte Frahn, später erklärte das Arbeitsgericht die Maßnahme für unwirksam. Frahn hielt sich bei Ex-Klub Babelsberg fit, wo er zwischen 2007 und 2010 unter Vertrag gestanden hatte. Nun hat der Klub den Stürmer erneut verpflichtet.

Die Botschaften der Babelsberger fielen im ersten Rückrundenspiel weniger vehement aus als die der Gäste aus Leipzig. Ihren Zugang begrüßten sie mehrheitlich mit Applaus, nach dem Spiel klatschten sie am Zaun mit ihm ab. Dem überwiegend freudigen Empfang auf dem Rasen stehen allerdings brüske Kommentare in den sozialen Netzwerken gegenüber. Von einer "Bankrotterklärung" ist die Rede, der Klub habe sich selbst verraten und "jede Glaubwürdigkeit verspielt". Einige 03-Anhänger drohten mit der Kündigung ihrer Mitgliedschaft.

Die Fans stehen vor einer Zerreißprobe

Zu den Adressaten der Kritik gehört auch Katharina Dahme. Die Linkenpolitikerin ist Aufsichtsratsvorsitzende des SV Babelsberg. "Es schmerzt, wenn Fans, die großes Engagement für den Verein gezeigt haben, dieses jetzt infrage stellen", sagt sie im Gespräch mit dem SPIEGEL. Sie verstehe, dass die Entscheidung viele Fans innerlich zerreiße. Weil Babelsberg für Antirassismus steht, für die Integration von Geflüchteten, für Projekte wie "Nazis raus" und "Welcome United".


Vor den Gesprächen mit Frahn sei Dahme kritisch gewesen, zu glaubwürdig habe sie die Hinweise gegen ihn gefunden. Frahn habe sie jedoch überzeugen können. "Ich habe mir den Verlauf der letzten Monate aus seiner Sicht schildern lassen und nicht das Gefühl gehabt, dass es eine zurechtgelegte Geschichte war", sagt sie. Die Vereinsführung ist von Frahns Unschuld überzeugt. Dieser beteuerte, dass er kein Neonazi sei. Er habe in der Vergangenheit Fehler gemacht und Leute nicht ausreichend hinterfragt. Frahn, so sagt er es selbst, möchte sich mit seiner Rückkehr nicht reinwaschen, sondern dem Klub sportlich weiterhelfen.

Den Vorwurf, über die Chance, einen guten Spieler zu günstigen Konditionen zu verpflichten, die Werte des Vereins zu verraten, weist Dahme zurück. Babelsberg steht im Abstiegskampf, ist Vorletzter, Verstärkungen waren notwendig. Und der 32-jährige Frahn ist ein begabter Spieler mit viel Erfahrung. Er hätte nach SPIEGEL-Informationen auch zu Ligakonkurrent Energie Cottbus gehen können. Cottbus ist Zweiter, hat aktuell 28 Punkte mehr als 03. Warum also Babelsberg? Ein Grund ist Frahns Vergangenheit. Der in Potsdam geborene Stürmer ist noch bestens bekannt im Klub, in der Saison 2009/2010 verhalf er zum Aufstieg in die Dritte Liga. Frahn habe, so Dahme, noch immer Freunde in der Stadt und auch Verbindungen zu linken Teilen der Babelsberger Fanszene.

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Die Fangruppe Scortesi Babelsberg verkündete auf ihrer Facebook-Seite, dass es ihr schwerfällt, "einen Standpunkt zu entwickeln, der von möglichst allen Personen der Gruppe getragen wird". In einer Stellungnahme distanzierten sich am Mittwoch sieben aktive Fangruppen aus der Babelsberger Nordkurve von der Entscheidung des Vereins, durch die "eine große Unruhe im Verein sowie Spaltungen innerhalb der Fanszene in Kauf genommen" wurde.

Der Fanbeirat der Babelsberger, der für alle Fangruppen zuständig ist, erklärte dem SPIEGEL, dass das Meinungsspektrum innerhalb der einzelnen Gruppen zu groß sei für eine gemeinsame Positionierung. Die Vertreter der Fans hätten sich allerdings gewünscht, früher in den Prozess eingebunden zu werden. So stehe man nun vor vollendeten Tatsachen und "mit dem Vorgehen der Vereinsführung wurden die Werte des Vereins mit Füßen getreten."

Die Fanlager müssen für sich die Grenzen des Unterstützbaren ausloten. Vor allem aber, als wen sie Daniel Frahn sehen. Eine Möglichkeit, der Antwort darauf näherzukommen, bietet sich am Donnerstag bei einem offenen Gespräch im Stadion der Babelsberger. Frahn möchte sich dort den Anliegen der Fans stellen, um "die Sachen aus der Welt räumen" und zu zeigen, "wer Daniel Frahn wirklich ist."