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Kult-Trainer Neururer: Peter der Große

Foto: Kevin Kurek/ dpa

Bochum-Trainer Neururer Ganz der Alte

Als Peter Neururer den Trainerjob beim VfL Bochum übernahm, standen alle Zeichen auf Abstieg. Am Wochenende kann der Zweitligist den vorzeitigen Klassenerhalt schaffen - auch und vor allem wegen Neururers Einsatz. Besuch bei einem Rastlosen, der angekommen zu sein scheint.
Von Thomas Lötz

Peter Neururer schaut aus dem Fenster seines Büros in der Geschäftsstelle des VfL Bochum. "Das ist ein echt erhebendes Gefühl", sagt er. "Ich blicke hinab auf die Schalke-Arena." Neururer grinst. 15 Kilometer Luftlinie entfernt liegt das Stadion des Erstligisten. Er hat Schalke ja selbst einmal vor dem Abstieg in die dritte Liga bewahrt, 1989 war das. Da war Bochums heutiger Torwart und Mannschaftskapitän Andreas Luthe gerade zwei Jahre alt geworden.

Auch in Bochum war Peter Neururer in seiner langen Karriere schon einmal tätig. Zwischen 2001 und 2005 hatte der Trainer die "Graue Maus" überraschend in den Uefa-Cup geführt, auf der Tribüne des Ruhrstadions hatte Jugendspieler Luthe den sensationellen, wenn auch kurzen Aufstieg seines Clubs erlebt. "Der Luthe", sagt Neururer, "hat von damals ja gewusst, dass ich eine Wirkung habe. Aber dass ich so eine Welle wie jetzt hier lostreten würde, das hat er nie und nimmer gedacht." Das hatte Neururer vor einem Monat wohl selbst nicht erwartet.

Als er Bochum am 8. April, sechs Spieltage vor Saisonschluss, übernahm, ging für den 58-Jährigen eine Pause von 1257 beschäftigungslosen Tagen zu Ende. Und seine neue Aufgabe hatte es durchaus in sich. "Du stehst da und siehst, der Verein ist total am Ende, in allen Bereichen. In der öffentlichen und internen Wahrnehmung - vor allem im Tabellenbild. So katastrophal wie noch nie in der Vereinsgeschichte", sagt er.

Neururers Herz hängt an Bochum

Peter Neururer, der vor nicht einmal einem Jahr einen Herzinfarkt überlebte, hatte durchaus Befürchtungen, dass seine Mission scheitern könnte. Doch eine Alternative gab es für ihn nicht. Er wollte wieder zurück ins Trainergeschäft, an Bochum hängt sein Herz. Es war seine letzte Chance.

8000 Tickets waren für Neururers erstes Heimspiel gegen den FC St. Pauli verkauft worden, nach dem 2:0-Erfolg beim Debüt des Trainers in Cottbus zog der Verkauf massiv an. Das 3:0 gegen die Hamburger sahen dann nicht 8000, sondern 26.000 Zuschauer im Stadion. Die Hoffnung war zurückgekehrt an die Castroper Straße.

"Dann hast du natürlich auch den Effekt bei der Mannschaft. Wie die Trainingsprogramme ablaufen oder auch nicht, das spielt überhaupt keine Rolle. Denn all das, was der Alte sagt, tritt plötzlich ein", sagt Neururer. Er verordnete seiner Mannschaft das stupide Training von Standardsituationen. Es wirkte.

Die Spiele in Cottbus, gegen St. Pauli, und die darauffolgenden in Sandhausen und gegen Köln wurden genau so gewonnen, vier Spiele, vier Siege. Er habe als Trainer erzählen könne, was er wolle, sagt Neururer - trotzdem habe ihm jeder Spieler geglaubt. "Und wenn ich sagen würde, wir laufen die nächsten 14 Tage rückwärts, wäre das auch kein Problem."

Klassenerhalt am Sonntag möglich

Als das Heimspiel gegen den Relegationsbewerber 1. FC Köln am vergangenen Samstag bei 0:1 zur Halbzeit verloren schien, schritt Neururer ein. "Die Jungs haben in der Kabine gesessen, teilweise mit Tränen in den Augen. Sie fühlten sich abgestiegen. Da habe ich Ihnen gesagt, dass sie heute Geschichte schreiben werden, dass sie da jetzt rausgehen und die Kölner weghauen. Und auch das tritt dann wieder ein", erzählt er. Bochum siegte mit 2:1.

Die Euphorie in Bochum sei derzeit unvorstellbar groß, sagt Neururer, "das ist der absolute Wahnsinn. Ich sauge das auf, und ich merke, dass nicht nur ich angekommen bin, sondern auch das gesamte Publikum, das Umfeld in Bochum, der ganze Verein, ja die ganze Stadt sind angekommen. Alle sind mit dir vereint".

Am kommenden Sonntag, beim 565. Einsatz des Trainers Peter Neururer, könnten sie in Bochum feiern. Voraussetzung ist, dass der VfL an diesem vorletzten Spieltag mindestens gleich viele Punkte wie der Tabellen-16. Dynamo Dresden holt. Während Dynamo in Aalen ran muss, bekommt es Bochum mit dem Tabellenfünften FSV Frankfurt zu tun. Gelingt der Klassenerhalt am Sonntag nicht, bleibt das Heimspiel gegen Union Berlin eine Woche später.

Erst nach Erreichen dieses Vorsatzes wird Neururer mit den Vereinsverantwortlichen Gespräche über seine Vertragsverlängerung führen. Er weiß, dass es mehr als gut für ihn aussieht. "Die drei Punkte, die wir jetzt noch zum Klassenerhalt brauchen, die holen wir. Uns bringt keiner mehr vom Ziel ab", sagt er.

Thomas Lötz ist Autor der Biografie "Peter Neururer: Aus dem Leben eines Bundesligatrainers". Er lebt in Hamburg.
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