Darmstadt-Manie Diese Lilien verwelken nie

Der ehemalige Bundesligist Darmstadt 98 spielt mittlerweile in der Oberliga. Die Feierlichkeiten zur Silberhochzeit seines Fanseins fielen bei Michael Weilguny daher spärlich aus. Die für einen kurzen Moment gehegten Scheidungspläne wurden aber schnell verworfen.


Für welchen Verein bist du eigentlich? Ich muss gestehen, dass ich diese Frage nicht sonderlich mag. Denn meine Antwort heißt: Darmstadt 98. Nicht, dass ich mich dafür schämen würde. Aber mein klares Bekenntnis zum südhessischen Viertligisten, dessen beste Zeit mittlerweile über 20 Jahre zurück liegt, schafft meist nur eine peinliche Stille oder ein mitleidiges Kopfschütteln im Raum. In diesen Momenten ertappe ich mich hin und wieder dabei, mein Fansein zu hinterfragen.

Darmstädter Spieler: Viel Frust, wenig Erfolge
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Darmstädter Spieler: Viel Frust, wenig Erfolge

Es gäbe ja auch so viel einfachere Möglichkeiten. In meinem Wohnort östlich von Frankfurt, wohin mich die Liebe Anfang dieses Jahres verschleppt hat, gibt es auf die Frage aller Fragen nämlich eigentlich nur drei Antworten: Eintracht Frankfurt, Kickers Offenbach oder eben (wie überall zwischen Flensburg und Garmisch) Bayern München. Wie schön ließen sich doch die Erfolge der Eintracht in der Bundesliga, Siege des OFC auf dem nahen Bieberer Berg oder die nächste Meisterschaft des FC Bayern mit Gleichgesinnten feiern. Doch die Auswahl eines Fußballclubs ist eben keine rationale Entscheidung und vor allem nicht rückgängig zu machen.

Darmstadt 98 und ich – wir trafen uns bereits Anfang der Achtziger. Es war am vorletzten Spieltag der Bundesligasaison 1981/1982, und Papa meinte wohl, dass der fünfjährige Sohn bereits reif für den großen Fußball wäre. Vielleicht war mein Vater aber auch einfach weitsichtig und wusste, dass sich die "Lilien" wenige Monate später für alle Ewigkeiten oder zumindest für viele Jahrzehnte aus dem Fußball-Oberhaus verabschieden sollten.

Diesem Stadionbesuch habe ich es zu verdanken, dass ich in meiner Fanstatistik (bislang) genau ein Bundesligaspiel (gegen den VfB Stuttgart) verbuchen durfte (das Spiel endete 3:3, Bodo Mattern rettete uns mit seinem Tor kurz vor dem Abpfiff den einen Punkt). Denn auf die Erstligasaison 1981/1982 folgten für 98 bis zum heutigen Tage elf Zweitligajahre, ein gefühltes halbes Jahrhundert Regionalliga und in dieser Saison zum dritten Mal der Absturz in die Oberliga Hessen.

Zugegebenermaßen eroberten die "Lilien" bei meinem ersten Stadionbesuch nur einen Teil meines Fußball-Herzens. An dieser Stelle lässt es sich wohl nicht vermeiden, öffentlich zu beichten, dass ich neben den 98ern in meinen Kinderjahren noch einem nur unwesentlich erfolgreicheren Verein aus dem Süden der Republik die Daumen drückte (dort spielte unter anderem auch Karl-Heinz Rummenigge). Aber mein Vater verstand es glücklicherweise vorzüglich, die "Lilien"-Dosis nach und nach zu erhöhen. Und schon bald stand ich mit ihm bei fast jedem Heimspiel auf der Gegengeraden. So konnte ich auch die vielen Tore Bruno Labbadias erleben und staunte über die Heldentaten Wilhelm Huxhorns: Unser Torwart schaffte sogar mal mit einem Abschlag ein Tor. Und dann gab es ja auch noch den Chinesen Guangming Gu.

Anfang der neunziger Jahre wurde mein Herz dann endgültig blau-weiß. Dies lag wohl weniger daran, dass Darmstadt drauf und dran gewesen wäre, den Bayern sportlich den Rang abzulaufen. Vielmehr durfte ich nun allein in die Fankurve. Dies war für einen pubertierenden Jugendlichen natürlich ungleich spannender, als die damit abrupt gestoppte "Sportschau"-Fernbeziehung zum FC Bayern. Schon bald ging es mit meinen drei Jahre älteren Freunden Thomas und Alex im Golf II zu den ersten Auswärtsspielen der "Lilien".

Mit dem Abstieg der Darmstädter nach 22 Jahren aus der zweiten Liga 1993 durften wir auf unseren Fahrten unzählige Gemeinden mit großer Fußballtradition wie Vestenbergsgreuth, Ansbach oder Ditzingen – die Liste ließe sich leider beliebig erweitern – kennen lernen. Die einzigen wirklichen sportlichen Höhepunkte in den vergangenen 14 Jahren waren die brisanten Spiele gegen den Nachbarn aus Offenbach und der Einzug ins Achtelfinale des DFB-Pokals gegen Schalke 04 im Dezember 2001.

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Nachdem die Saison 2006/2007 mit dem dritten Absturz in die Viertklassigkeit endete, schien die Gelegenheit günstig, den "Lilien" jetzt doch entfliehen zu können. Durch den Wohnortwechsel lebe ich mittlerweile eigentlich in sicherer Entfernung zum Stadion am Böllenfalltor. Der direkte Rückweg in die Regionalliga, wie bei den letzten beiden Abstiegen, ist durch die Spielklassenreform des DFB versperrt. Auch meinen Freunden Thomas und Alex war klar, dass wir uns von den Spielen erst mal fernhalten sollten; zumindest schworen wir uns das im biergeschwängerten Abstiegsfrust.

Es kam natürlich anders. Der erste Spieltag dieser Saison nahte und die achtwöchige Pause hatte die Wunden der Vorsaison wieder einmal geheilt. Vorfreude auf Gegner wie Schwalmstadt, Lohfelden oder Alzenau würden aber wahrscheinlich auch das Herz eines jeden anderen Fußballfans höher schlagen lassen. Zumindest bleibt mir aber jetzt der Spott bei Niederlagen meist erspart, wer interessiert sich schon für einen Viertligisten? Andere Vorteile hat das Fansein an der Basis auch noch. Die Stehplatzkarte kostet sieben Euro, die Bratwurst in der Pause kann man auch ohne Chipkarte kaufen. Und dass unter echten Fußballanhängern verschmähte Eventpublikum wird um Darmstadt wohl noch viele Jahre einen weiten Bogen machen.



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