Blatter-Vertrauter Valcke Gemeinsam, bis zum Schluss

Fifa-Generalsekretär Jérôme Valcke soll für hohe Schmiergeldzahlungen verantwortlich sein - der Rücktritt von Präsident Joseph Blatter könnte damit zusammenhängen. Wer ist der Franzose, der seit 2007 an der Seite von Blatter regierte?
Blatter und Valcke (r.): "Starke Leute holt man zurück"

Blatter und Valcke (r.): "Starke Leute holt man zurück"

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Man hätte ahnen können, dass etwas nicht stimmt mit Jérôme Valcke. Am Freitag noch jubelte er zur Linken von Joseph Blatter über dessen Wiederwahl als Fifa-Präsident, am Samstag saß er neben dem Schweizer, diesmal rechts von ihm, als dieser seine obligatorische Antrittspressekonferenz gab. Valcke, Generalsekretär und damit zweitmächtigster Mann der Fifa, kreist seit über einem Jahrzehnt um Blatter, dessen Wahlerfolg war auch ein Erfolg für ihn.

Doch nur zwei Tage später sagte Valcke seine Reise zur Frauenfußball-WM in Kanada ab, es gäbe in Zürich Wichtigeres für ihn zu tun, hieß es. In der Nacht zum Dienstag wurde klar, was wichtiger war: Valcke, 54, musste sich um sich selbst kümmern. Die "New York Times" berichtete, dass der Franzose der "hochrangige Fifa-Funktionär" gewesen sei, der 2008 zehn Millionen US-Dollar von einem Fifa-Konto in der Schweiz auf ein Konto in New York überwiesen habe.

Dieses Konto habe Jack Warner kontrolliert, der damalige Präsident der Konföderationen von Nord- und Mittelamerika (Concacaf) und der Karibik (CFU). Warner ist einer der Angeklagten im Fifa-Korruptionsskandal, die US-Ermittler glauben, dass er das Geld angenommen hat, damit Südafrika die Fußball-WM 2010 erhält. Laut dem südafrikanischen Sportminister und Danny Jordaan, dem früheren Chef des WM-Organisationskomitees, gab es die Zahlung zwar, doch sie war einzig als Entwicklungshilfe gedacht.

Valcke seinerseits dementierte in einer Mail an die New Yorker Zeitung  umgehend, dass er die Überweisung autorisiert habe; laut Fifa hat sie der damalige Chef der Finanzkommission, Julio Grondona, genehmigt. Grondona ist mittlerweile verstorben - der Verband hoffte offenbar, die Angelegenheit auf diese Weise zügig abhandeln zu können.

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Doch auch wenn Valcke die Überweisung nicht veranlasst hat, ist es sehr wahrscheinlich, dass er als Verantwortlicher für die Fifa-Konten zumindest von ihr wusste. Und, das ist der Knackpunkt, dass auch Blatter, sein Chef und enger Vertrauter, eingeweiht war. Der Fifa-Präsident kündigte nicht einmal 24 Stunden nach Bekanntwerden der Vorwürfe gegen Valcke an, sein Amt niederlegen zu wollen. Angeblich, um die Fifa und seine Familie zu schützen, wie Blatters Tochter versicherte. Ein Zusammenhang mit den Ermittlungen gegen Valcke, der noch immer im Amt ist, liegt jedoch nahe.

Denn der frühere Journalist weiß vermutlich mehr als die meisten anderen in Blatters Umfeld über die Machenschaften der Fifa, sollte er - wie nun angeblich einige der verhafteten Funktionäre - gegenüber den US-Behörden auspacken, hätte Blatter wohl kaum eine Chance, sich irgendwie noch aus der Affäre zu ziehen.

Seit 2003 gehört Valcke der Fifa an, Blatter, seit 1998 im Amt, gab ihm damals den Posten des Direktors Marketing & TV. Es war ein kluger Schachzug, hatte doch der ehemalige stellvertretende Sportchef des französischen Fernsehsenders Canal+ (1991 bis 1997) und CEO des Sportsenders Sport+ (1997 bis 2002) Anfang des Jahrtausends die damalige Fifa-Rechteagentur ISL unter die Lupe genommen. Canal+ hatte erwogen, ISL zu übernehmen, Valcke sollte die wirtschaftliche Lage der Agentur überprüfen. ISL war kurz darauf pleite, doch Valcke kannte etliche Einzelheiten ihrer dubiosen Schmiergeldgeschäfte mit der Fifa.

Gefeuert und wieder eingestellt

Valcke nahm dieses Wissen mit in seinen neuen Job - und offenbar auch Kenntnisse darüber, wie man lukrative Deals abschließt. Das wurde ihm 2006 zum Verhängnis, als ihn ein US-Gericht für schuldig befand, durch Sponsorenverhandlungen mit dem Kreditkartenanbieter Visa das Erstverhandlungsrecht des Fifa-Partners Mastercard verletzt zu haben. Valckes Arbeitgeber musste rund 100 Millionen Dollar Strafe zahlen, der Marketing-Direktor wurde gefeuert.

Doch Blatter wollte auf die Dienste von Valcke und dessen Geschäftsexpertise anscheinend nicht gänzlich verzichten, vielleicht war es ihm auch zu diesem Zeitpunkt bereits zu heikel, dass der Franzose sich außerhalb seiner Kontrolle bewegte. Also stellte er Valcke im Juni 2007 erneut ein, diesmal als seinen verlängerten Arm: als Fifa-Generalsekretär. Blatter sagte damals: "Starke Leute holt man zurück. Als er vor viereinhalb Jahren seine Tätigkeit als Marketing-Direktor aufnahm, steckten wir in roten Zahlen. Jetzt verfügen wir über ein Vermögen von 752 Millionen Schweizer Franken."

Valcke war seitdem Blatters Mann fürs Operative, quasi dessen Geschäftsmanager. In dieser Funktion brachte er seinen Boss schon einmal in Bedrängnis, als er 2011 in einer Mail an Jack Warner angedeutet haben soll, Katar habe die WM 2022 gekauft. Kurz nach Bekanntwerden dieses Schriftverkehrs stellte Valcke klar: "Was ich sagen wollte, ist, dass die Sieger ihre finanzielle Kraft genutzt haben, um Lobbyarbeit für ihre Bewerbung zu betreiben. Ich wollte damit nicht sagen, dass Stimmen gekauft worden seien."

Damals konnte Valcke den großen Schaden von Joseph Blatter noch abwenden. Das wird ihm nicht noch einmal gelingen.

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Im Video: Die Chronologie des Fifa-Skandals

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