Nationalspieler Schürrle Zwischen Beschleunigung und Bremsweg

Leverkusens André Schürrle stürmte in rekordverdächtigem Tempo in die Notizbücher der Scouts europäischen Topclubs. Doch seine Karriere kam zuletzt ins Stocken. Warum ihm in solchen Momenten Michael Ballack helfen kann, erklärt das Magazin "11FREUNDE".

Leverkusens Schürrle: "Momentan habe ich nur drei Punkte in Flensburg"
Getty Images

Leverkusens Schürrle: "Momentan habe ich nur drei Punkte in Flensburg"


Lesen Sie im ersten Teil zu Schürrles rasanter Karriere über dessen Einstieg in die Bundesliga und seinen Aufstieg zum Nationalspieler.

Zu Beginn der Saison 2010/2011 hatte André Schürrle noch erlebt, wie es ist, auf der Welle des Erfolgs zu reiten. Dieses Momentum, das Sportpsychologen mit dem Begriff "Flow" beschreiben. Das völlige Aufgehen in seinen Bewegungen. Dieses Gefühl, alles liefe wie von selbst, war eine Grundlage der Auftritte jener Mainzer Mannschaft, die mit sieben Siegen aus den ersten sieben Saisonspielen den Startrekord in der Bundesliga einstellte.

Vorneweg die strahlenden Köpfe der Mainzer Hurra-Fußballs: Lewis Holtby, 19, Adam Szalai, 22, und André Schürrle, 19. Sie feierten ihre Tore als imaginäre Rockband an der Eckfahne und trafen damit die romantische Ader der Fußballfans auch jenseits von Mainz. Plötzlich waren alle süchtig nach der Aussicht, die Bundesliga endlich wieder mit der Euphorie eines Kleinkindes zu erleben.

Der durchökonomisierte Spielbetrieb mit der quasi festbetonierten Hegemonialstellung, die Schere zwischen den Kleinen da unten und den Großen da oben wurde durch den Mut, die Sorglosigkeit und die Aufmüpfigkeit er "Bruchweg-Boys" auf den Kopf gestellt. Als der 1. FSV Mainz 05 schließlich auch den Rekordmeister FC Bayern am Nasenring durch die eigene Arena führte und 2:1 besiegte, ließ sich die berühmteste Band der Liga zu einem Playback-Auftritt im "Aktuellen Sportstudio" überreden.

Eine naive Leichtigkeit wehte durch die Liga

Aus ganz Europa trudelten am nächsten Tag Anfragen für die Jungs ein. Sogar Manchester United soll seine Scouts an den Bruchweg entsandt haben. Eine naive Leichtigkeit wehte durch die Liga und André Schürrle war ihr Gesicht. Er begeisterte auch mit seinen ersten Länderspieleinsätzen - nach nur 15 Bundesligaspielen über die vollen 90 Minuten - und gab schon im September 2010 den Wechsel nach Leverkusen bekannt. Die Ablösesumme von knapp neun Millionen Euro sei fast schon ein bisschen zu wenig, feixte Bayer-Sportdirektor Rudi Völler damals.

Schürrles Karriere schaltete über Nacht in den vierten Gang, allerdings vergaß er dabei, die Kupplung zu treten. Dem Höhenflug folgten Dämpfer. Nach dem peinlichen Pokal-Aus beim Zweitligisten Aachen veralberten die Alemannen die Bruchweg-Boygroup, indem sie nach dem Abpfiff den Tivoli zum Luftgitarrenkonzert einluden.

Auch in der Liga lief plötzlich nichts mehr von selbst, Mainz lernte das Verlieren und Schürrle die andere Seite seines Trainers Thomas Tuchel kennen. "Er hat uns nicht in sein Zimmer gerufen und den Rohrstock rausgeholt, sondern uns sehr klar gemacht, dass solche Sachen uns ablenken", erinnert Schürrle sich an die erste große Zurechtweisung seiner Profikarriere. Vielleicht habe er in diesen Tagen wirklich ein bisschen oft nach den "Bruchweg Boys" gegoogelt, gibt er zu. "Heute weiß ich, dass ich mit dem Hype zurückhaltender hätte umgehen sollen."

"Vielleicht habe ich dazu geneigt, die Dinge schleifen zu lassen"

Am Ende einer tollen Saison wurde Mainz sensationell Fünfter und qualifizierte sich für den Europapokal. André Schürrle zog weiter nach Leverkusen. Im Gepäck: 15 Saisontore und die Empfehlung, dass seit Jürgen Klinsmann kein anderer 20-Jähriger so oft in der Liga getroffen hatte.

Doch in Leverkusen merkte Schürrle schnell, dass diese Last sein Tempo bremste. Er lebte sich schwer ein, wirkte gehemmt, haderte mit seiner Fitness. "Vielleicht habe ich anfangs ein bisschen dazu geneigt, die Dinge schleifen zu lassen", sagt er rückblickend.

Wenig hilfreich waren auch die medialen Grabenkämpfe der Alphatiere Michael Ballack, Robin Dutt und Völler. Die Mannschaft kam nicht zur Ruhe, Bayer dümpelte Richtung sportliches Mittelmaß. Schürrle rannte zwar noch immer absurd schnell, aber mittlerweile zu oft in die falschen Lücken.

Ballack und Schürrle schreiben sich noch heute regelmäßig SMS

Plötzlich fehlte ihm die Sicherheit, die ein so sensibler Spieler wie er für sein Spiel braucht. Statt ihn sich auf seiner Position auf dem linken Flügel einspielen zu lassen, verschob ihn Trainer Robin Dutt in der Offensive wie eine Mensch-ärgere-dich-nicht-Figur. Das Megatalent André Schürrle, so spotteten einige, war nur noch der teuerste Luftgitarrenspieler der Welt.

In dieser Saison will er nicht mehr nur das überragende Talent sein - und schon gar nicht das strauchelnde -, sondern wieder den Unterschied ausmachen. Hilfe dabei kommt auch von Michael Ballack. Der Ex-Capitano wurde zwar gemeinhin als knorriger Frührentner im Bayer-Kader wahrgenommen, für Schürrle hingegen war er schon im vergangenen Jahr eine wichtige Bezugsperson im Verein: "Michael war von Anfang an total offen. Er hat mir viele Tipps gegeben, das hat mir in den schwierigen Phasen der letzten Saison sehr geholfen. Ich kann ihm das gar nicht hoch genug anrechnen."

Noch heute schreiben sie sich regelmäßig SMS. Auch wegen Ballack träumte er von einem Engagement beim FC Chelsea, das sich allerdings zerschlug, als Bayer-Boss Wolfgang Holzhäuser öffentlich sagte, dass es für André Schürrle "keinen Preis und keine Alternative" gebe. Das Gepäck ist nicht leichter geworden. 25 Millionen Euro Ablösesumme hatte Chelsea geboten und das Angebot kurz vor Ablauf der Transferperiode angeblich sogar noch auf 40 Millionen Euro erhöht.

Mit den Engländern selbst hat Schürrle nie gesprochen, aber sein Vater hielt ihn über die Gespräche mit Chelseas Trainer Roberto di Matteo auf dem Laufenden. Er wäre gerne gewechselt, vor allem aber hätte er sich gewünscht, dass niemand etwas von dem Angebot erfährt. "Vielleicht sollten sich die Leute bewusstmachen, dass ich nichts dafür kann, wie viel Geld ein Club angeblich für mich zahlen möchte", sagt Schürrle über die unglaublichen Summen, die den Druck auf ihn erhöhen werden.

Er weiß, dass an ihn nicht nur in Leverkusen viele Hoffnungen geknüpft werden. Dass er in seiner Karriere noch einen weiteren Gang einlegen kann, muss er erst noch unter Beweis stellen. Das Tempo dazu gibt er am besten selbst vor. Was seine Liebe zur Geschwindigkeit auf den 35 Kilometern zwischen Leverkusen und Düsseldorf angeht, hat er sich immerhin einen guten Plan überlegt, wie er die Nerven seiner Mutter beruhigen kann: "Momentan habe ich nur drei Punkte in Flensburg. Ich habe ihr gesagt, die seien alle vom Falschparken!"

Den vollständigen Text können Sie in der aktuellen Ausgabe des Magazins "11FREUNDE" lesen.



insgesamt 1 Beitrag
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Munster 03.10.2012
1.
Schürrle hat gut daran getan, dass er nicht gleich zu einem der besagten Top-Clubs gewechselt ist bzw. gewechselt wurde, denn so kann er sich auch mit momentan kleinerem Formtief weiter entwickelen anstatt bei einem Verein wie Chelsea etwa auf der Bank zu versauern und gar wie Marko Marin in's Reserve Team abgeschoben zu werden.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.