Fotostrecke

Millerntor: Das etwas andere Stadion

Foto: Susanne Katzenberg

Anfänge des Millerntor-Stadions Zwischen Wüste und Sumpf

Die Geschichte des Millerntor-Stadions begann 1961 mit einem Bauskandal: Die Stadt hatte auf eine Entwässerungsanlage unterm Grün verzichtet. Erst als sich ein Abwehrspieler des FC St. Pauli übel verletzte, reagierte die Stadt. Das Buch "Millerntor" erzählt die Geschichte des Stadions.

Heinz Deininger gelangte in den sechziger Jahren zu kurzzeitiger Berühmtheit. Nicht, weil der Fußballer des Oberligaclubs FC St. Pauli sportlich herausragte, sondern wegen eines schmerzhaften Fußknöchelbruchs. Lokale Tageszeitungen und selbst der SPIEGEL berichteten ausführlich über die Verletzung und ihre skandalösen Begleitumstände.

Deininger war ein kleiner und zäher Abwehrspieler, den sie lange vor Berti Vogts schon den "Terrier" nennen und der seinen Gegenspielern kaum von der Seite weicht. So ist es auch am 4. Mai 1962, als St. Pauli im nicht einmal ein Jahr alten Millerntor-Stadion in einer Partie der Toto-Runde - eine Art Saisonüberbrückungswettbewerb - gegen den Berliner SV 92 antritt. "Das war ein ganz normaler Zweikampf", erinnert sich Deininger an die 50. Spielminute dieses Matches: Ohne Gegnereinwirkung blieb er irgendwo in den Resten eines "Rasen" genannten Geläufs hängen und brach sich dabei, zwei Wochen vor seinem 21. Geburtstag, den linken Knöchel.

"Das sah richtig böse aus. Wahrscheinlich bin ich in eines dieser Löcher geraten, die die Stadt zur Entwässerung gebohrt und anschließend mit Sand verfüllt hatte." Deininger erinnert sich an permanente Probleme: "Wenn es heiß war, wurde der Platz zu einer Wüste und wenn es regnete, zu einem Sumpf."

Deininger glaubt, der Umbau kostete den Aufstieg

Die Folgen für den Verteidiger: ein Monat Aufenthalt im Hafenkrankenhaus "in einem Saal mit 15 bis 20 Mann", wochenlang ein Gipsbein sowie ein halbes Jahr Spielpause. Auch für den FC St. Pauli und die Stadt Hamburg bedeutete der Zwischenfall eine Zäsur, zumal Präsident Wilhelm Koch ein unmissverständliches Zeichen setzte: "Ich mute keinem anderen Spieler mehr zu, dass er auf diesem Platz trainiert oder spielt. Ab sofort wird der Spielbetrieb am Millerntor eingestellt."

Hatte man den Club nach dessen Beschwerden über die Platzverhältnisse bis dahin stets hingehalten und nur für kosmetische Eingriffe wie beispielsweise das Bohren von 500 Entwässerungslöchern gesorgt, bewilligte die Politik im Juni 1962 etwa 100.000 Mark für die Verlegung eines neuen Rasens samt Drainage.

Sportlich hatte diese eigentlich positive Entwicklung allerdings eine fatale Konsequenz: Ausgerechnet in jener Saison, in der es um die Aufnahme des Vereins in die neu zu gründende 1. Bundesliga ging, musste auf fremdem Terrain - dem Sportplatz des SC Victoria - gekickt werden. Schlachtermeister Deininger ist sich sicher, dass St. Pauli normalerweise zu den Gründungsmitgliedern der Eliteliga gehört hätte: "In der Spielzeit 1962/1963 sind wir nur Sechster geworden; gleich zwei Plätze schlechter als in den Jahren zuvor. Hätten wir am Saisonende nur ein bis zwei Plätze weiter vorne gestanden, wären wir statt Eintracht Braunschweig beim Bundesliga-Debüt dabei gewesen."

Nach dem Umbau wurde erstmals am 10. November 1963 wieder am Millerntor gespielt. 6:0 hieß der Endstand gegen den VfL Wolfsburg - wieder mit Heinz Deininger auf der rechten Abwehrseite.

Die ungekürzte Version des Textes und zahlreiche Bilder vom Stadion finden Sie im Buch "Millerntor".

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.
Merkliste
Speichern Sie Ihre Lieblingsartikel in der persönlichen Merkliste, um sie später zu lesen und einfach wiederzufinden.
Jetzt anmelden
Sie haben noch kein SPIEGEL-Konto? Jetzt registrieren
Mehrfachnutzung erkannt
Bitte beachten Sie: Die zeitgleiche Nutzung von SPIEGEL+-Inhalten ist auf ein Gerät beschränkt. Wir behalten uns vor, die Mehrfachnutzung zukünftig technisch zu unterbinden.
Sie möchten SPIEGEL+ auf mehreren Geräten zeitgleich nutzen? Zu unseren Angeboten