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Daum in Brügge Star-Coach in der Warteschleife

Christoph Daum gilt in Deutschland als schwer vermittelbar, seit er mit Eintracht Frankfurt aus der Bundesliga abgestiegen ist. Er ging zum FC Brügge, der im Europapokal im Hinspiel Hannover unterlag. Der Trainer schwärmt von den Belgiern - und träumt von Höherem. 

Die Kamera des vereinseigenen TV-Kanals ist eingeschaltet, es ist die einzige in dem kleinen Presseraum. Neun belgische und deutsche Journalisten sitzen auf ihren Plätzen und klappen die Notizblöcke auf. Die Christoph-Daum-Show kann beginnen.

Der deutsche Star-Trainer, mittlerweile beim belgischen Erstligisten FC Brügge gelandet, darf in dieser Pressekonferenz erzählen, was so reizvoll ist an dieser Aufgabe in Belgien, die er im vergangenen Herbst übernommen hat.

Er sagt mit einem Schmunzeln: "Hier wird so perfekt gearbeitet, dass zweimal in der Woche der Kunstrasen gemäht wird." Und ernsthaft: "Wenn ich einen Verein auf dem Reißbrett entwerfen könnte, dann würde ich genau diesen Verein entwerfen." Er sitzt ruhig auf seinem Stuhl, die Hände auf dem Tisch vor ihm gefaltet. Es klingt, als spule er ein einstudiertes Programm ab.

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Trainer in Brügge: Daums neue Hoffnung

Foto: Patrick Seeger/ dpa

Seit November des Vorjahres ist Daum Cheftrainer des FC Brügge. Der Club ist Tabellenzweiter der Jupiler League, die in der Fünf-Jahres-Wertung der Uefa Rang zwölf belegt. Als der 58-Jährige die Arbeit aufnahm, war Brügge Vierter. Unter Daum hat sich der Club also etwas verbessert. Diese Erkenntnis ergibt sich beim Blick auf die Tabelle, aber Daum erzählt es zur Sicherheit noch einmal selbst.

Die Botschaft lautet: Seht her, ich habe wieder eine reizvolle Aufgabe. Er will beweisen, dass es ihm gut geht und er zufrieden ist.

Daum war designierter Bundestrainer, als ihn im Jahr 2000 die Kokain-Affäre stoppte. Er wurde Meister in Deutschland, Österreich und der Türkei. Für die Fans des 1. FC Köln war er zwischenzeitlich eine Art Messias, für die Masse galt er als Motivationskünstler, der seine Spieler auch mal über Glasscherben laufen ließ. Als ihn Eintracht Frankfurt im März vergangenen Jahres als Retter verpflichtete, herrschte beim ersten Training ein Auflauf wie beim Papstbesuch.

Frankfurt holte mit Daum drei von 21 möglichen Punkten und stieg ab.

Der Coach sagt, er habe bei der Eintracht gute Arbeit geleistet, nur war sie erfolglos. Er spricht von den Personalsorgen, die es gab, vom späten Gegentor gegen Wolfsburg, von den vergebenen Chancen von Stürmer Theofanis Gekas. Von eigenen Fehlern redet Daum nicht.

Bundesliga ist derzeit kein Thema für ihn

Nach dem Abstieg mit Frankfurt galt er in Deutschland als verbrannt. Die Hinspielniederlage in der Zwischenrunde der Europa League bei Hannover 96 wird daran vorerst nichts ändern. Das Thema Bundesliga ist erst einmal keines mehr für Daum, und Daum ist erst einmal kein Thema für die Liga.

Sechs Trainerwechsel gab es in der Bundesliga in der laufenden Saison, Daum war nie irgendwo als Nachfolger im Gespräch. "Es gab keine Anfrage", sagt der Coach im Anschluss an die Presserunde gegenüber SPIEGEL ONLINE. Er reißt die Augen weit auf, wie man es von ihm kennt, und schaut seinen Gesprächspartner eindringlich an.

"Die Medien betreiben Ergebnisjournalismus", sagt er, "derselbe Mensch erscheint über Nacht medial plötzlich völlig anders. Aber ich zerbreche mir nicht den Kopf über meinen Ruf." Selbst nach seinem Scheitern in Frankfurt habe er "riesigen Zuspruch bekommen - von Fachleuten über die Vereine bis hin zur Uefa".

Daums Traum ist die Premier League

Und heute, nach den Erfolgen in Brügge, werde in den Zeitungen plötzlich wieder vom "Meistertrainer Daum" geschrieben: "Alles hat sich gedreht. Nun gelte ich wieder als innovativ und auf dem neuesten Stand." In der Bundesliga hat sich diese Meinung noch nicht durchgesetzt.

"Die Bundesliga", sagt Daum mit lauter Stimme, und rückt in seinem Drehsessel nach vorne, "ist nicht der Nabel der Welt. Wer hat denn mal über den Tellerrand hinausgeschaut, was sich woanders bewegt? Was Brügge hier mit begrenzten Mitteln macht, da können sich einige Bundesligisten eine Scheibe von abschneiden."

Wenn Daum in Fahrt kommt, dann redet er ohne Unterbrechung auch mal eine Viertelstunde. Er sagt: "Es gibt sehr viel Gutes und Positives an der Bundesliga. Aber sie als das einzig Glücklichmachende ansehen? Davor warne ich."

Wenn Daum sich auf etwas festlegt, nickt Brügges Pressesprecher, der neben ihm sitzt, eifrig. Manchmal flüstert er ihm zu: "Ja, Coach, Sie haben recht." Er beendet leise Daums Sätze. Er sagt ihm, wenn er etwas nicht beantworten muss, und dass er nur über den Fußball in Brügge sprechen soll. Manchmal wirkt das, als habe man Daum einen Kontrolleur zur Seite gestellt, damit er nicht mit irgendeiner Aussage wieder für Aufregung sorgen könnte. In Brügge haben sie ihm schon im Vorfeld gesagt, dass er keine eigenen Assistenten mitbringen darf.

Vor einigen Wochen hatte Daum öffentlich über seinen Traum gesprochen, einmal in der Premier League in England zu arbeiten. Diese Aussage kann man ihm glauben, denn wer ihn trifft, spürt: Er hat den gleichen Ehrgeiz, die gleiche Power wie früher - und große Ziele. Was man sich nicht vorstellen kann, ist, dass Brügge für Daum mehr sein soll als ein Ort, an dem er zu beweisen versucht: Ich kann es noch.

Beim FC Brügge kam das mit der Premier League nicht gut an. Vielleicht ist das auch der Grund, warum der Pressesprecher so wachsam ist. Heute sagt Daum: "Ich denke nur an Brügge und keinen Schritt weiter."