Daums Rückkehr Mit dem Messias in die Champions League

Die Verpflichtung von Christoph Daum hat beim 1. FC Köln eine riesige Welle der Euphorie ausgelöst. Mit enormem Aufwand will der Club aus der zweiten Liga bis in den Europacup vorstoßen. Dafür haben die Verantwortlichen ihr Schicksal in Daums Hände gelegt.


Keine Frage: Der 1. FC Köln hat den Messias persönlich verpflichtet. Aus Sicht des 1. FC Köln zumindest. Und seiner Fans. Am Sonntag verlor der Club gegen 1860 München zuhause mit 1:2, rutschte auf Platz 10 der Zweitliga-Tabelle ab - doch in den Kneipen der Stadt wurde gefeiert, als ob der Aufstieg unmittelbar bevorstehe. Verkehrte Welt? Nicht nach Kölner Logik. Denn das Vertrauen in Daum scheint rund um den Dom fast unermesslich. Selten wurde ein Fußballtrainer mit derart verzweifelten Hoffnungen beladen, und auch die Verantwortlichen beim FC scheinen sicher zu sein, dass der 53-Jährige den Klub bald an die Spitze der Bundesliga führen wird. Der ersten wohlgemerkt. Entsprechend gelöst verkündete Michael Meier am Sonntagabend, dass man sich „auf eine Zusammenarbeit bis zum 30.6.2010 geeinigt" habe. Der Club soll vor 2010 im Europapokal spielen, so jedenfalls der Plan.

Doch während all der Hysterie um den neuen Trainergott hat niemand fundiert überlegt, ob der gegenwärtige Daum überhaupt noch in dieses komplizierte Kölner Fußballtheater passt. Zwar war er zwischen 1986 und 1990 der letzte Kölner Trainer, der nicht zwischen fieberndem Boulevard, überzogenen Selbstansprüchen und mangelhaftem Management zerrieben wurde, doch das Umfeld des Klubs hat sich ebenso wie Daum selbst verändert. Vielleicht war das ein wichtiger Grund für Daums Zögern. Bislang unbekannte Überlegungen haben Daum aber irgendwie dazu bewegt, Meier am Samstag telefonisch zu erklären, dass er „nicht in Harmonie" mit am Dienstag verkündeten der Absage leben könne. Daums leicht geschwollener Sprachduktus hat sich wenigstens nicht geändert.

Sonst aber wirkt der Trainer, der am 4. Dezember gegen den MSV Duisburg erstmals auf der Bank Platz nehmen wird, derzeit launisch wie die Stadt. Ungefährlich ist das nicht. Denn die Biographie des Heilsbringers und seine eigenwilligen Selbstinszenierungen bieten Angriffspunkte aller Couleur. Man wird den einst des Kokainkonsums überführten Trainer in Köln nicht lange schonen. Allein das Schauspiel, bei dem Daum Präsident Wolfgang Overath und Manager Meier in den vergangenen Tagen am Nasenring durch die Arena führte, hat den Trainer einiges Ansehen gekostet. Und es hat eindrucksvoll veranschaulicht, wie unberechenbar dieser Fußballlehrer ist. Seiner seltsamen Pressekonferenz im Krankenhaus, die wie eine Zusage klang, folgte eine endgültige Absage, was eine Blamage für die Klubführung bedeutete. Denn so wurde sichtbar, wie hilflos Manager und Präsident bei der Trainersuche waren. Nun hat Daum seine Absage zurückgezogen - und das hat viel weiter reichende Folgen als die Verpflichtung jedes anderen Trainers in Köln im letzten Jahrzehnt.

Daum hat sich nämlich nicht einfach nur anstellen lassen wie ein Latour, Neururer oder Röber. Er hat die Garantie bekommen, die Mannschaft mit viel Geld umbauen zu dürfen, um in drei, vier Jahren im Europapokal anzukommen. "Ich möchte mich in einen Verein einbringen, der internationale Perspektiven hat", hat Daum verkündet, dieser Wunsch soll sich auch in den ausgehandelten Eckpunkten des Vertrags widerspiegeln. Noch vor gut einem Jahr hat der Trainer in Anspielung auf den von Andreas Rettig eingeführten Kurs der wirtschaftlichen Vernunft im "Kölner Stadtanzeiger" erklärt, „ich gehe doch nicht zu einer Bank". Doch mit der Sparsamkeit ist es nun vorbei, Daum darf kräftig investieren. 50 Millionen Euro könnten die bevorstehenden dreieinhalb Jahre mit dem neuen Coach kosten, haben Experten bereits ausgerechnet.

So hat sich ein Klub selten einem Trainer ausgeliefert, während das Grundproblem weiter existiert: Es fehlt ein Sportdirektor, der ein fußballerisches Personalkonzept über die häufig wechselnden Trainer hinaus installiert. Zwar war Overath 2004 mit dem Pfund seiner vermeintlichen "sportlichen Kompetenz" angetreten, doch die wurde offenbar überschätzt. Sein Gegenpart Meier ist ein Manager, kein Fußballfachmann. Jetzt muss Daum, der sich noch eine Woche von seiner Mandeloperation erholen wird, bevor er am 29. November auf dem Trainingsplatz stehen soll, mit der Latour-Mannschaft voller durchschnittlicher Schweizer klar kommen. In der Winterpause wird wohl nachgerüstet werden.

Immerhin haben sie aber in den nächsten Tagen erstmal Ruhe, und das ist wichtig, weil am kommenden Dienstag die Jahreshauptversammlung des FC stattfindet. Dort geht es traditionell hoch her. In den vergangenen Jahren wurden diese Veranstaltungen immer als große Wolfgang-Overath-Festspiele inszeniert, in den letzten Tagen aber war der Präsident in den Internet-Fanforen ins Zentrum der Kritik gerückt. In seinen zweieinhalb Jahren Amtszeit hat er nur wenig bewegt und steht schlechter da als zu Beginn seiner Tätigkeit. Jetzt hat er sein Schicksal mit dem unberechenbaren Daum verbunden, vermutlich hängt die Zukunft aller Protagonisten in der Vereinsführung von den Erfolgen Daums ab. Man kann sich schönere Situationen vorstellen.

Doch jenseits aller Bedenken und Seltsamkeiten die sich da ereignet haben, darf man eines nicht vergessen: Dass Daum überall, wo er bislang war, Erfolg hatte und einen mitreißenden Fußball spielen ließ. Der Traum, dass der Klub in absehbarer Zeit in die Phalanx der deutschen Europapokalteilnehmer vorstößt, ist also jenseits allen Irrsinns dieser Tage so realistisch wie seit Jahren nicht. Zumindest für Kölner Verhältnisse.



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