Im ersten Moment mussten die Verantwortlichen des FC Bayern München schlucken. Die Forderungen, die die Vertreter von fünf nicht registrierten Ultra-Fanclubs am vergangenen Dienstag an Neu-Torwart Manuel Neuer richteten, sind nicht als Begrüßungsformel für eine gute Nachbarschaft zu verstehen. Vielmehr wirken sie für Außenstehende wie eine Ansage. Eine Ansage, die Neuer zu einem Fremdkörper im eigenen Verein werden lässt.
Der Katalog der Benimmregeln sieht vor, dass die Südkurve, also das Fan-Herzstück der Heimspielstätte des Rekordmeisters, eine Neuer-Freie-Zone wird. Der 20-fache Nationalspieler solle sich weder der Tribüne nähern, auf der die Ultras ihre Choreografien durchführen, noch sein Trikot in den Supporter-Block werfen oder mit einem Megaphon Schlachtgesänge der Ultras anstimmen.
Darüber hinaus fordern die Fans, dass der 25-Jährige niemals das Wappen des FC Bayern küsst. Nach Informationen von SPIEGEL ONLINE darf sich der ehemalige Schalker auch in Interviews nicht zu den Ultras oder deren Aktionen äußern - weder positiv noch negativ. Ein Lederhosenverbot bei offiziellen sowie inoffiziellen Terminen wie dem Oktoberfest wurde zwar von den Ultras diskutiert aber in letzter Instanz wieder verworfen.
Neuer soll Ultra-Forderungen akzeptiert haben
Eigentlich sollte man annehmen, dass Neuer gegen diese Auflagen protestiert. Immerhin ist er ein gestandener Nationalspieler, zählt zu den besten Torhütern der Welt und nimmt auch beim FC Bayern die Rolle eines Führungsspielers ein. Die Ultra-Szene des Rekordmeisters ist hingegen äußerst überschaubar, Uli Hoeneß spricht daher immer mal wieder von "einer kleinen Gruppe".
Doch statt zu poltern, zu protestieren oder aufzubegehren, fügte sich Neuer seinem Schicksal. Im Gespräch mit den Fanvertretern, an dem auch der Fanbeauftragte und Ex-Keeper Raimund Aumann teilnahm, soll Neuer alle Punkte widerstandslos abgenickt haben.
Dies hatte jedoch keineswegs etwas mit Angst oder Unterwürfigkeit zu tun. Es ist auch kein Versuch, sich bei den Fans einzuschleimen. Vielmehr geht es Neuer darum, authentisch zu bleiben, seine Herkunft und seine Sozialisation bei den Schalker Ultras nicht zu verleugnen. Denn wer sich in der Szene der Ultras bewegt, der weiß, dass dort Werte vorherrschen, die sich nicht unbedingt vollständig auf den Beruf oder das Leben übertragen lassen. Als Ultra kann man keinen Verein neben dem eigenem angehören. Man lebt den eigenen Verein mit seiner Historie und seinen Traditionen in allen Lebenslagen. Dies können, wenn man es zu Ende denkt, nur Menschen umsetzen, die seit Jahren dem Verein angehören und diese Werte pflegen.
Fan des FC Schalke wird Neuer immer bleiben
Neuer, der Auswärtige, der der Schalker Ultra-Gruppe "Buerschenschaft" angehörte, verkörpert jedoch etwas völlig anderes. Wie kein anderer Bundesliga-Profi steht er für die Ultra-Szene eines Clubs, bei dem er groß geworden ist, den er mal als "Liebe seines Lebens" bezeichnete. Neuer, so heißt es aus dem eigentlich unter höchste Vertraulichkeit gestellten Gespräch, identifiziere sich mit dem neuen Verhaltenskatalog, weil es für ihn normale Regeln unter Ultras sind. Er spielt zwar aktuell für den FC Bayern, den Verein, bei dem er sich den nächsten Schritt auf der Karriereleiter und viele Titel erhofft. Fan des FC Schalke wird er aber ein Leben lang bleiben.
Und so käme Neuer wohl ohnehin nie von selbst auf die Idee, das Wappen des FC Bayern zu küssen oder mit den Ultras des Vereins das "Humba"-Lied, den Schlachtgesang der Fans, anzustimmen. Das würden ihm wohl weder die Fans des FC Bayern abnehmen, noch die des FC Schalke verzeihen. Stattdessen wird er eher ein Dasein wie Luiz Gustavo oder Toni Kroos pflegen. Auch sie stehen bei den Gesängen und Verabschiedungen nach Spielen im Hintergrund und schauen sich das Treiben von Fan-Lieblingen wie Thomas Müller oder Philipp Lahm in Ruhe an. Für Neuer beginnt ab dieser Saison eine neue Bundesliga-Realität. Er ist nur noch Profi, sein Ultra-Leben ist zumindest öffentlich beendet. Bekundungen für seinen neuen Club wird er zukünftig nur noch auf dem sportlichen Wege zeigen.
"Manuel hat unsere Vorschläge abgesegnet, er wird sich in Zukunft sicherlich daran halten. Die Stimmung des Gesprächs war sehr positiv und wir werden keine weiteren Proteste gegen Neuer starten. Allerdings werden wir ihn auch niemals so unterstützen wie früher einen Oliver Kahn oder Willy Sagnol", sagt ein Ultra des FC Bayern.
Dadurch wahren die Ultras, die im Vorfeld der Verpflichtung Neuers große Proteste gegen den Spieler angekündigt haben, ihr Gesicht. Genau wie Neuer, der seine Wurzeln nicht aufgibt und nun die Möglichkeit bekommen wird, sich ohne weitere Störungen in der Mannschaft zu etablieren. Dass dies notwendig ist, zeigte sich bereits gestern beim Liga Total-Cup. Trotz eines folgenschweren Fehlers, der zum 0:1 gegen den Hamburger SV führte, gab es keine Pfiffe gegen den Nationaltorwart.
SPIEGEL+-Zugang wird gerade auf einem anderen Gerät genutzt
SPIEGEL+ kann nur auf einem Gerät zur selben Zeit genutzt werden.
Klicken Sie auf den Button, spielen wir den Hinweis auf dem anderen Gerät aus und Sie können SPIEGEL+ weiter nutzen.
Hallo Trainer, hier bin ich: Manuel Neuer unterhält sich an seinem ersten Arbeitstag beim FC Bayern mit Jupp Heynckes. Der Torhüter musste...
...beim Rekordmeister allerdings auch zeigen, wie fit er nach seinem Urlaub ist. Auf dem Laufband kam der 18-Millionen-Euro-Mann...
...gehörig ins Schwitzen. Anschließend überzeugte er sich...
...selbst von seinen Werten. Auch...
...Koordinationsübungen absolvierte der ehemalige Schalker bei seinem neuen Arbeitgeber. Der Nationaltorhüter nahm sich auch gleich...
...Zeit für die Fans des FC Bayern München, schrieb Autogramme und ließ sich fotografieren. Doch alles lächeln half nichts...
...gegen die Münchner Ultras. Sie hegen immer noch große Antipathie gegen den früheren Schalker. Bei einem Freundschaftsspiel im Trainingslager in Italien enthüllten sie ein Schmäh-Plakt gegen den Torhüter: "Du kannst auch noch so viele Bälle halten. Wir werden dich nie in unserem Tor akzeptieren." Kurz darauf...
...gaben mehrere Fanclubs bekannt, dass sie keine Protestaktionen mehr gegen Neuer planen würden, wenn dieser bestimmte Benimmregeln einhalte. Neuer stimmte ihnen zu. Immerhin wurde ein Lederhosenverbot wieder verworfen. Beim...
...Liga-Cup in Mainz, einem wichtigen Gradmesser vor dem Saisonauftakt in zwei Wochen, patzte Neuer in der Partie gegen den Hamburger SV schwer. Der Fehler...
...führte zum 0:1. Am Ende verlor der FC Bayern 1:2. Die Haltung der Ultras gegenüber Neuer dürfte sich durch den Fauxpas nicht verbessert haben.
Melden Sie sich an und diskutieren Sie mit
Anmelden