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10. November 2007, 22:25 Uhr

Debakel in Stuttgart

Bayern-Führung setzt Hitzfeld unter Druck

Von , Stuttgart

Es kriselt beim FC Bayern: Das Gastspiel in Stuttgart offenbarte die Schwächen des vermeintlichen Starensembles. Clubchef Karl-Heinz Rummenigge meldete sich erneut zu Wort - und richtete deutliche Worte an Trainer Ottmar Hitzfeld.

Uli Hoeneß hielt sich gegenüber den wartenden Journalisten bedeckt. "Ich sage nichts", erklärte der Bayern-Manager und wünschte noch einen "schönen Abend". Karl-Heinz Rummenigge hatte dagegen Mitteilungsbedarf. Was der Münchner Clubchef sagte, offenbarte, dass es knistert zwischen den bayerischen Entscheidungsträgern und ihrem Trainer Ottmar Hitzfeld. Man müsse sich als Vorstandsvorsitzender auch mal einmischen dürfen, erklärte Rummenigge. Und: "Es gibt bei Verhandlungen immer zwei Verhandlungspartner." Das sollte wohl heißen, dass der FC Bayern ein Mitspracherecht darüber hat, ob auch in der kommenden Saison Hitzfeld auf der Bank sitzt. Hitzfelds Vertrag läuft 2008 aus, er hat ein Angebot aus der Schweiz vorliegen, wo er nach der EM Nationaltrainer werden könnte. Bislang war davon auszugehen, dass ausschließlich Hitzfeld selbst entscheidet, ob er bei Bayern bleibt oder in die Schweiz geht.

Ein weiterer Schlag für den Trainer, der von Rummenigge bereits nach dem 2:2 im Uefa-Cup gegen Bolton wegen der Mannschaftsaufstellung scharf attackiert worden war.

An diesem Abend im Stuttgarter Gottlieb-Daimler-Stadion wären die Bayern inklusive Rummenigge über ein 2:2 recht froh gewesen. Stattdessen gab es mit dem 1:3 die erste Niederlage der Saison und die fiel schon fast blamabel aus. Hitzfeld konterte ein wenig die Kritik aus dem Vorstand - doch fiel dies recht milde aus: "Wir sind ein Team, und das nicht nur von der Nummer eins bis zur elf". Doch Hitzfeld war deutlich anzusehen, dass ihn die Diskussion um seine Aufstellungen nicht besonders erfreut.

Seine Mannschaft, die vor kurzem noch als unschlagbar galt, befindet sich plötzlich in der Krise. Nicht, weil man das erste Mal in dieser Saison verlor, sondern weil die erste Niederlage nach zwei Unentschieden gegen Frankfurt und Bolton kam - und keinerlei Besserung erkennbar war. Zu einfach machte man es den Schwaben. Nach Toren von Mario Gomez (10./42.) und Yildiray Bastürk (30.) war die Partie bereits zur Halbzeit entschieden.

Dass in der 70. Minute Bayern-Abwehrchef Lucio nach einer Tätlichkeit gegen Ludovic Magnin die Rote Karte sah, verschärfte den Frust noch erheblich. "Es steckt eine gewisse Gefahr in unserem Spiel, weil manche Siege zu leicht gefallen sind", sagte Hitzfeld. Und er orakelte: Vielleicht sei eine klare Niederlage gar nicht so schlecht in diesem Moment. Da gäbe es wenigstens "keine Ausreden mehr" wie nach einer knappen Niederlage. Ausreden suchte auch Franz Beckenbauer nicht. Der Aufsichtsratsvorsitzende der Bayern sprach von einem "Rückfall in alten Zeiten". Das Team sei "allen Zweikämpfen aus dem Weg gegangen".

Teilnahmslos, selbstgefällig, desolat

Schon in der ersten Hälfte hatte sich die Partie zu einer überraschend einseitigen Angelegenheit entwickelt. Vor allem in Punkto Einsatzwillen waren die Stuttgarter den Münchnern haushoch überlegen. Vieles, was die Bayern boten, sah teilnahmslos, selbstgefällig und desolat aus - obwohl Hitzfeld die "jungen Wilden" Toni Kroos, Christian Lell und Lukas Podolski in der Startelf gebracht, und gestandene Profis wie Mark van Bommel, Miroslav Klose und Bastian Schweinsteiger auf die Bank beordert hatte. Ob die Kritik seines Chefs bei seiner Wahl eine Rolle gespielt habe, ließ Hitzfeld offen. Er antwortete ausweichend: "Es kann bei uns immer über Aufstellungen diskutiert werden, wir haben mehrere Möglichkeiten."

Jedenfalls gelang es dem Team nicht, wie von Hitzfeld gefordert, ein "Zeichen zu setzen". So versuchte der Fußballlehrer nach der Partie, mit schwachen Scherzen Gelassenheit zu demonstrieren: "Wenn ich irgendwo verliere, dann am liebsten in Stuttgart, da habe ich mal gespielt."

Hitzfeld sprach aber auch über "Konzentrationsschwächen" und "fehlende Zuordnung" in seiner Abwehr. Schlussmann Oliver Kahn stellte fest, dass die "richtige Einstellung" gefehlt hat. Der Bayern-Torwart aber kehrte alsbald zur üblichen Trotzigkeit zurück: "Es war doch klar, dass wir auch mal verlieren. Wenn wir am Ende deutscher Meister sind, dann spricht von dem Spiel keiner mehr."

Vergangene Saison, im April, hatten die Münchner 0:2 in Stuttgart verloren und daraufhin beschlossen, viele Millionen für teure Transfers auszugeben. Eine Schmach wie damals wollte vor allem Rummenigge nicht noch einmal erleben. Die Niederlage habe damals einen Strategiewandel bewirkt. Das neuerliche Debakel von Stuttgart dürfte nun wieder neue Debatten an der Säbener Straße auslösen. Diesmal vielleicht auch die um Ottmar Hitzfeld.

VfB Stuttgart - Bayern München 3:1 (3:0)
1:0 Gomez (10.)
2:0 Bastürk (30.)
3:0 Gomez (42.)
3:1 Toni (86.)
Stuttgart: Schäfer - Tasci, Delpierre, Meira, Magnin - Hilbert, Pardo, Bastürk (46. Khedira), Hitzlsperger - Gomez (80. Beck), Cacau (74. Marica)
Bayern: Kahn - Lell (46. Schweinsteiger), Lucio, Demichelis, Lahm - Ribéry, Zé Roberto, Altintop, Kroos (73. Van Buyten) - Toni, Podolski (46. Klose)
Schiedsrichter: Kinhöfer (Herne)
Zuschauer: 55.600 (ausverkauft)
Gelbe Karten: Cacau, Pardo, Tasci, Schäfer / Podolski, Schweinsteiger, Ribéry
Rote Karte: Lucio (FC Bayern, 70.) wegen einer Tätlichkeit

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