Legendäres Bergkamp-Tor Zwei Berührungen für die Ewigkeit

Dennis Bergkamp war einer der elegantesten Fußballer seiner Zeit. Der Niederländer wurde bei Ajax Amsterdam ausgebildet und beim FC Arsenal zur Legende - vor allem wegen eines Tores, das er heute vor 15 Jahren schoss.

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Vor dem Emirates Stadium, der Heimat des FC Arsenal, haben sie für die Legenden des Klubs Statuen aufgestellt. Die großen Spieler Thierry Henry und Tony Adams stehen dort, ebenso Ex-Manager Herbert Chapman. Die neueste Skulptur wurde zu Ehren von Dennis Bergkamp errichtet. In Bronze gegossen, ist seine Ballannahme im Sprung. Konzentration, Kontrolle und Eleganz verschmelzen zu einer Bewegung. Doch so schön das anzuschauen ist, eigentlich steht ein falsches Kunstwerk im Norden Londons.

Die Statue zeigt Bergkamp nämlich nicht im Einsatz für den Klub, sondern für die niederländische Nationalelf. Die Statue ist seinem Treffer gegen Argentinien bei der Weltmeisterschaft 1998 nachempfunden. Wie er einen über 50 Meter gespielten Pass von Frank de Boer aus der Luft pflückte, ihn am Verteidiger vorbeilegte und mit dem rechten Außenrist in den Winkel schlenzte. Unvergessen, aber eben nicht der Moment, der ihn zum Mythos machte. Denn sein Meisterstück erzielte er für den FC Arsenal (Sehen Sie hier das Tor bei skysports.com).

Bergkamp-Statue vor dem Emirates Stadium
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Bergkamp-Statue vor dem Emirates Stadium

2. März 2002, der 28. Spieltag: Die Londoner reisen nach Newcastle, das nach der Hinrunde die Tabelle angeführt hat und nun Zweiter ist, einen Platz hinter Manchester United - und einen Punkt vor Arsenal. Mit diesem Selbstvertrauen startet Newcastle auch in die Partie, setzt den Gegner unter Druck. Bis Patrick Vieira den Ball für Arsenal erobert.

Der Abräumer der Gunners passt zu Bergkamp, der mit einem langen Pass Robert Pires auf den Flügel schickt. Während Bergkamp in die Spitze startet, treibt der geniale Franzose den Ball über die Mittellinie. Bergkamp winkt, Bergkamp schreit, doch Pires zögert. Er muss zweimal ansetzen, ehe er den Ball an Verteidiger Aaron Hughes vorbei in die Gasse spielen kann.

"Ich wollte den Ball von Pires in den Fuß haben, aber er kam zehn Meter hinter mir an", schildert Bergkamp die Situation in seiner Biografie "Stillness and Speed". Der damals 33-Jährige machte, wie so oft, das Beste aus der Situation. "Die Berührung, die Drehung", schwärmt sein ehemaliger Sturmpartner Ian Wright, "sie sollten das Tor in Zeitlupe und mit klassischer Musik unterlegt in einem Museum ausstellen".

Der Ball erreichte Bergkamp mit dem Rücken zum Tor, hinter ihm Gegenspieler Nikos Dabizas. Da hatte Bergkamp bereits den Entschluss gefasst: "Ich schlenze den Ball einfach hinter mich und sehe, was passiert."

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Was dann passiert, sieht der Newcastle-Verteidiger nicht kommen. "Viele Leute denken, ich wäre beschämt oder wütend. Das bin ich nicht", verriet der Grieche dem französischen Fußballmagazin "So Foot" Jahre später, "ich war Teil eines Kunstwerks, denn diese Bewegung war eines. Sie wurde von einem Genie ausgeführt."

Bergkamp spitzelte den Ball rechts an seinem Bewacher vorbei und drehte sich um seine linke Seite, um an den Ball zu kommen. Dann stand er vor dem Tor. Thierry Henry, ebenfalls Arsenal-Legende und lange Sturmpartner von Bergkamp, hebt exakt diesen Moment des Tors heraus: "Wisst Ihr, was mir an dem Tor am besten gefällt? Wie Dennis seinen Körper vor Dabizas stellt. Das ist der Unterschied zwischen großartigen und durchschnittlichen Spielern", so der Franzose, "normale Stürmer wären so glücklich über die Bewegung, dass sie den Ball reinjagen wollen. Nein! Beruhig dich! Du hast gerade die schwerstmögliche Sache gemacht. Bleib jetzt ruhig. Schau dir Dennis an."

"Normalerweise mag ich keine Tricks."

Nach der Drehung um die eigene Achse brachte Bergkamp in Sekundenbruchteilen seinen Oberkörper in Balance. Er schaute auf Torwart Shay Given und schob den Ball mit völliger Ruhe in die lange Ecke des Tors. Eiskalt und überlegt, wie es seine Art war.

Bergkamp, ausgebildet bei Ajax Amsterdam und Schüler von Johan Cruyff, sagte selbst: "Normalerweise mag ich keine Tricks. Er muss funktional sein. Kunst für den Zweck der Kunst ist uninteressant." Bergkamp, der Tordesigner.

"In meinem Spiel dreht sich alles um den ersten Ballkontakt, Kontrolle, Pässe", schreibt er in "Stillness and Speed". Dieses Denken teilte er mit Arsenals Trainer Arsène Wenger. "So einen Spieler findest du nicht überall. Er war ein Segen, ein Geschenk", sagt Wenger heute.

Bergkamps Treffer gegen den Meisterschaftsfavoriten Newcastle bedeutete die Wende in der Saison, Arsenal gewann das Spiel und am Ende den Titel. Warum vor dem Clock End, der legendären Tribüne des FC Arsenal, Bergkamps Statue steht, wundert niemanden. Offen bleibt jedoch die Frage, warum sie ihn in einer Szene zeigt, in der er das niederländische Trikot trägt und nicht das der Gunners.

Die Antwort ist simpler, als man erwartet: Natürlich haben die Arsenal-Verantwortlichen versucht, sein legendäres Tor gegen Newcastle als Motiv umzusetzen. Doch die Magie, die Außergewöhnlichkeit dieses Tors ließ sich bildlich einfach nicht in einem einzigen Moment einfangen. Es war technisch unmöglich. Ein größeres Lob als diese künstlerische Kapitulation kann es wohl nicht geben.

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