Dennis Diekmeiers erstes Profitor Das Wunder von Wiesbaden

293 Spiele lang wartete Dennis Diekmeier auf seinen ersten Treffer. Er war der ungefährlichsten Spieler der Bundesliga-Geschichte. Dann kam seine 294. Partie - in Wiesbaden, ein Eckball und das Ende eines skurrilen Laufs.
Dennis Diekmeier: "über die Linie gedrückt"

Dennis Diekmeier: "über die Linie gedrückt"

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Rene Weiss/ Eibner-Pressefoto/ imago images

Keine Fans im Stadion, parallel spielt Dortmund gegen Bayern. Dennis Diekmeier, der Mann, der den Torlos-Rekord der Bundesliga hält, erzielt seinen ersten Treffer als Profifußballer und keiner schaut hin.

"Zum Glück gibt es das Internet", sagt Diekmeier am Tag nach dem historischen Moment dem SPIEGEL. Mit seinem Treffer gegen den SV Wehen Wiesbaden am Dienstag beendete der Kapitän des SV Sandhausen seine Rekordserie im deutschen Profifußball.

Es gibt keinen Feldspieler, der so lange kein Tor geschossen hat wie er. In 294 Partien stand Diekmeier 24.324 Spielminuten lang auf dem Platz, zusammengezählt also fast siebzehn Tage und Nächte, bis ihm am Dienstag kurz vor der Halbzeit der Ball auf den Kopf fiel. Nach einer Ecke brachte Mitspieler Aleksandr Zhirov einen Kopfball in Richtung Tor, Diekmeier ließ den Ball über die Stirn rutschen, vorbei am Torwart: 1:0, Siegtreffer. Das Ende eines skurrilen Laufs, das Wunder von Wiesbaden.

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Diekmeiers Frau Dana veröffentlichte nach dem Tor ein Video bei Instagram, in dem sie und die vier Kinder jubelnd um den Fernseher tanzen, als könnten sie es nicht glauben.

"Ich habe ein bisschen auf den zweiten Ball gelauert und ihn dann über die Linie gedrückt", sagt Diekmeier. Eigentlich eine recht profane Sache, aber gelungen war das dem mittlerweile 30-Jährigen zuvor trotzdem nie. Dabei spielte er in der Jugend bei Werder Bremen noch als Stürmer, bis ihn Nachwuchstrainer Mirko Votava in der A-Jugend zum Außenverteidiger umschulte.

Noch heute arbeitet der ehemalige Werder-Profi in Bremen - inzwischen als Scout. Woran erkennt man, dass jemand nicht zum Toreschießen gemacht ist? "Dennis hatte halt andere Qualitäten", sagt Votava im Gespräch mit dem SPIEGEL. "Er ist robust, hat eine gute Dynamik, vom Körperlichen her war er schon immer der Typ Toreverhinderer."

Die Schönheit des Destruktiven

Jetzt durfte der Torverhinderer bei einer Ecke mit in den gegnerischen Strafraum – und traf. "Endlich hat’s mal ein Trainer erkannt, dass ich bei Standards vorne rein muss", sagt Diekmeier lachend. Dass er seine Ungefährlichkeit stets mit Humor nahm, machte ihn sympathisch. Ex-Trainer Votava meint: "Er hat halt Pech, dass er auch noch so schnell ist. Da überlegt man schon, ob man ihn zur Absicherung nicht lieber hinten behält."

Diekmeier war in 203 Bundesligaspielen für den 1. FC Nürnberg und den Hamburger SV ohne Treffer geblieben - ein Erstligarekord. Zudem traf er in 59 Zweitliga-Einsätzen für Sandhausen und 15 Drittligapartien für Werder Bremen II nicht und konnte auch kein Tor in sechs Relegations- und zehn DFB-Pokalspielen feiern. Dabei war er oft genug dicht dran. Es gibt ein Video auf YouTube , bei dem man sich eine Reihe vergebener Chancen Diekmeiers ansehen kann.

Während sich andere Spieler nach Toren sehnten, sah Diekmeier auch die Schönheit des Destruktiven. In einem Interview mit "11-Freunde" sagte er einmal: "Es ist ein geiles Gefühl, wenn man auf der Außenbahn in einer brenzligen Situation einen Gegner samt Ball wegflext und die Fans aufstehen und applaudieren."

Mirko Votava, einst selbst als defensiver Mittelfeldspieler nicht immer zart mit seinen Gegnern, weiß das zu schätzen. "Ich glaube, dass er so lange kein Tor gemacht hat, juckt ihn nicht", sagt er. Wer weiß, ob es Diekmeier als Stürmer überhaupt in den Profifußball geschafft hätte.

Seit einigen Jahren ist es üblich, dass die Vereine vor jeder Saison mit allen Spielern kurze Jubelvideos drehen. Die werden, sollte der Spieler treffen, dann in den sozialen Medien gepostet. Von Diekmeier wurde nie eine Sequenz gebraucht. Bis Dienstag.

Auf dem Video, das nach seinem ersten Tor zum ersten Mal zum Einsatz kam, hält er sich den Zeigefinger vor die Lippen. Soll keiner mehr sagen, er könne nicht treffen. Sein Ex-Verein, der HSV, twitterte: "Glückwunsch zum ersten Profitor, Dieki!! Das hatte sich schon lange abgezeichnet."

Anmerkung der Redaktion: Wir haben zunächst eine falsche Gesamt-Einsatzzeit in Minuten von Diekmeier angegeben. Diesen Fehler haben wir korrigiert.

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