Deprimierter Italien-Fan "Auch Scham kann einem die Sprache verschlagen"

Italien hat den EM-Auftakt verbockt, die Tifosi trauern. Auch Stefano Stucci. Der 35-Jährige ist erster Sekretär des italienischen Konsulats im jordanischen Amman. Über die Leistung seiner Mannschaft kann ihn nur hinwegtrösten, dass die Franzosen genauso schlecht waren.


SPIEGEL ONLINE: Herr Stucci, wie haben Sie die 0:3-Niederlage Ihrer Landsleute erlebt?

Stucci: Ich bin gerade für ein paar Tage auf Heimaturlaub in Genua. In unserer Familie ist es Sitte, schwerwiegende Ereignisse wie Heiligabend oder Juventus-Spiele gemeinsam durchzustehen. Und deswegen haben wir auch gestern alle zusammen vor dem Fernseher ausgeharrt. Schlimm! Nicht nur, dass wir so derbe verloren haben, sondern dass wir so schlecht gespielt haben.

Italienische EM-Spieler: "Schlimm!"
DPA

Italienische EM-Spieler: "Schlimm!"

SPIEGEL ONLINE: Juve-Fan sind Sie auch noch?

Stucci: Was soll ich machen? In unserer Familie ist man entweder Juve-Fan, oder man verbringt lange kalte Winterabende draußen auf der Straße. Vielleicht sollte das derjenige auch mal tun, der Daniele de Rossi auf der Bank gelassen hat. Immerhin ist er ganz klar der beste italienische Spieler, auch wenn ihr Deutschen ja so von Luca Toni schwärmt. Für mich ist das einer von den vielen, die im Verein alles zeigen, aber immer wenn's drauf ankommt – in der Nationalmannschaft – versagen.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind ja immer noch wütend!

Stucci: Ich? Ich halte es da wie meine Landsleute: Heute morgen hat in Genua kein Mensch über das Spiel gesprochen. Auch Scham kann einem die Sprache verschlagen. Und überhaupt: Immerhin hat Italien gegen das vielleicht bislang stärkste Team des Turniers verloren. Und das nicht einmal 7:0, wie es verdient gewesen wäre. Ich sehe noch einen Vorteil.

SPIEGEL ONLINE: Aha?

Stucci: Seit Arrigo Sacchi hat kein Trainer mehr die Mannschaft aktiv und offensiv spielen lassen. Gegen Frankreich und Rumänien wird sie das aber tun müssen, wenn sie überhaupt noch eine Chance haben will. Als Juve-Fan hätte ich den Jungs übrigens einen Tipp gegeben: Bei van der Sar immer aus der zweiten Reihe schießen, da sah er damals bei Juve schon so alt aus wie er heute ist.

SPIEGEL ONLINE: Morgen fliegen Sie zurück nach Amman. Rechnen Sie da mit Spott?

Stucci: Im Gegenteil, ich habe so viele E-Mails und SMS von jordanischen Freunden bekommen, dass ich irgendwann die Leute trösten musste. Am besten funktionierte der Hinweis darauf, dass die Franzosen genauso schlecht waren. Sie müssen wissen, dass Frankreich bei den Arabern nicht so richtig beliebt ist.

SPIEGEL ONLINE: Das Finale wird also ohne Italien stattfinden?

Stucci: Spricht vieles dafür, oder? Ich habe mir trotzdem schon mal einen Großbildfernseher gekauft, da werden dann ganz viele Botschaftsangestellte aus aller Herren Länder gemeinsam bei mir im Wohnzimmer das Finale schauen. Der Fernseher ist übrigens von einer Marke aus Ihrem Land. So ist wenigstens auch etwas Deutsches beim Finale dabei.

Das Interview führte Christoph Ruf



© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.