Die WM 2006 und Oddset Jede Wette

Das millionenschwere Oddset-Honorar für Franz Beckenbauer hat eine Vorgeschichte: Schon seit dem Jahr 2000 arbeiteten die WM-Organisatoren daran, Zugriff auf öffentliche Lotto-Gelder zu bekommen, wie offizielle Dokumente zeigen.

Franz Beckenbauer
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Franz Beckenbauer


Durch Enthüllungen des SPIEGEL ist inzwischen bekannt, dass Franz Beckenbauer 5,5 Millionen Euro für eine vermeintlich ehrenamtliche Tätigkeit bekommen hat. Angeblich soll das Geld von der staatlichen Sportwettengesellschaft Oddset stammen. Überwiesen wurde es allerdings vom DFB, der ebenfalls keine gute Figur abgibt. Was aber hat Oddset mit der ganzen Affäre zu tun?

Die zwischenzeitlich symbiotische Beziehung zwischen dem DFB, dem WM-Organisationskomitee 2006 und dem staatlichen deutschen Sportwettenanbieter Oddset lässt sich anhand von offiziellen Akten rekonstruieren. Zwar wurden die brisantesten Akten Ende 2015 von der Staatsanwaltschaft Frankfurt am Main gesperrt, doch im Fundus des für Sport zuständigen Innenministeriums findet sich einiges, was keinem Sperrvermerk unterliegt.

In einer seiner ersten wichtigen Amtshandlungen als Präsident des WM-OK schrieb Franz Beckenbauer Mitte November des Jahres 2000 zwei Bittbriefe an die Politik: an den damaligen Bundesinnenminister Otto Schily und dessen SPD-Genossen Kurt Beck, seinerzeit Ministerpräsident von Rheinland-Pfalz und Vorsitzender des Deutschen Bundesrats. Um Geld für die WM 2006 zu generieren, wollten Beckenbauer und die DFB-Oberen eine WM-Lotterie organisieren.

"Um ein finanzielles Volumen zu erreichen"

"Das Projekt, sollte es politisch gewollt sein, bedarf einer Vorbereitungszeit, und die Lotterie selbst sollte einige Jahre vor der WM starten, um ein finanzielles Volumen zu erreichen, das zu einer wirklichen Hilfe werden kann", schrieb Beckenbauer an Beck. "Die Lottogesellschaften stehen jeweils Gewehr bei Fuß. Sie brauchen aber einen Auftrag der jeweiligen Landesregierungen." An Schily appellierte er: "Wir brauchen eine möglichst schnelle politische Abstimmung im Grundsatz, sonst vergeht zu viel Zeit."

Aus einer Ministervorlage des BMI geht hervor, dass schon unmittelbar nach der WM-Vergabe darüber verhandelt wurde, ob die damals neue Sportwette Oddset, in den meisten Bundesländern eingeführt, als WM-Lotterie umfunktioniert werden oder ob es aus Oddset wenigstens einen sogenannten WM-Zuschlag geben sollte. Innen- und Sportminister Schily leitete bis Dezember 2000 alles Nötige ein. Am 13. Dezember 2000 schrieb er Beckenbauer:

"Der Ausbau der Stadien zur Fußballweltmeisterschaft 1974 wurde maßgeblich durch die Glücksspirale mitfinanziert. Es liegt deshalb nahe, auch für die Fußballweltmeisterschaft 2006 eine solche Lotterie zu erwägen. Zu denken wäre auch an die Erhebung eines Zuschlages beim Deutschen Lotto- und Totoblock (WM-Groschen). Außerdem könnte die Verwendung eines Anteils der den Ländern zufließenden Erträge aus der neuen Sportwette Oddset ins Auge gefasst werden." An den Genossen Beck, den Bundesratspräsidenten, erging die Bitte: "Ich wäre Ihnen verbunden, wenn Sie dieses Vorgehen billigen und eine schnelle Entscheidung in der Sache fördern könnten."

Der DFB hatte bereits seit einiger Zeit Ansprüche auf Anteile aus Oddset-Erlösen angemeldet, die laut einem Gutachten des Lotto- und Totoblocks unberechtigt waren. Ein Land wie Niedersachsen förderte schon mit etwa 50 Millionen Euro (damals ca. 100 Millionen DM) den Ausbau des Niedersachsenstadions. In internen Gutachten wiesen die Ministerialen des BMI immer wieder darauf hin, dass die Finanzkalkulation des DFB für die WM-Organisation zu optimistisch gestrickt worden war.

Die Mär von der privaten Finanzierung

Bereits wenige Wochen nach dem WM-Zuschlag hatte der damalige DFB-Generalsekretär Horst R. Schmidt der Politik höhere Kosten signalisiert - gleichzeitig aber wurde nach außen die Behauptung verbreitet, die reine Organisation des Turniers, ohne Infrastruktur wie Stadionbau und gigantische Sicherheitskosten, werde privat und nicht mit öffentlichen Mitteln finanziert. Diese Mär gilt bis heute.

Das BMI notierte im Juni 2001 in einem Sachstandsbericht, der DFB habe seine ursprünglichen Organisationskosten von 500 Millionen auf 800 Millionen DM erhöht: "Gründe für die Kostenexplosion sind dem BMI ebenso wenig bekannt wie der gegenwärtige Kosten- und Finanzierungsplan." Das deutsche WM-OK sehe "erhebliche Finanzierungsprobleme auf sich zukommen".

Bei Rotwein und Zigarren im Kanzleramt

Die misslichen WM-Finanzen waren auch am 1. August 2001 bei einem der vielen Gipfeltreffen im Bundeskanzleramt eines der Top-Themen. Bei Gerhard Schröder (SPD) trafen sich Innenminister Schily, Franz Beckenbauer, dessen Berater Fedor Radmann, der damalige DFB-Präsident Gerhard Mayer-Vorfelder (CDU), DFB-General Schmidt und der damalige DFB-Kommunikationsdirektor Wolfgang Niersbach, auch Vizepräsident des WM-OK, nebst Radmanns Intimus André Heller, der die WM-Eröffnungsfeier inszenieren sollte. Bei Rotwein und teuren Zigarren haben die Herrschaften nicht nur einmal die Weichen gestellt - diese Runden während der Bewerbung und während der WM-Vorbereitung sind legendär.

Bei jenem Treffen im Kanzleramt wurde auch das bevorstehende Gespräch zwischen Beckenbauer und dem damaligen Fifa-Präsidenten Joseph Blatter über die Erhöhung der finanziellen Beteiligung der Fifa am WM-Etat thematisiert. Ein Gespräch, über das Beckenbauer im Herbst 2015 nach den Enthüllungen des SPIEGEL widersprüchliche Angaben machte.

Fußballfan Schröder unterstützte den Sportwetten-Plan der Fußballfürsten. Die politischen Mühlen mahlen normalerweise langsam, in dieser Frage aber ging es zügig voran. Zur Gründung einer neuen Sportwette kam es zwar nicht, aber schon zum 1. Januar 2002 trat ein "Staatsvertrag über die Bereitstellung von Mitteln aus den Oddset-Sportwetten für gemeinnützige Zwecke im Zusammenhang mit der Veranstaltung der Fifa Fußballweltmeisterschaft Deutschland 2006" in Kraft. Demnach erhielt der DFB zwölf Prozent aus den Oddset-Gewinnen der Bundesländer. Diese Mittel durften ausschließlich für gemeinnützige Veranstaltungen und Maßnahmen zur WM 2006 verwendet werden.

"Hinter den Erwartungen zurück"

Doch schon nach den ersten Ausschüttungen beklagten sich die WM-Organisatoren und der DFB beim Bundesinnenminister. "Das finanzielle Ergebnis des Jahres 2002 sowie die laufende Umsatzentwicklung der Oddset-Wette liegen hinter den Erwartungen zurück (...) die nicht zuletzt der DFB daran geknüpft" hatte, schrieb Schmidt am 6. Februar 2003. Zugleich ergingen neue Bitten an alle Ministerpräsidenten.

Der 2002 "für die gemeinnützigen Zwecke" der Fußball-WM bereitgestellte Ertrag von 3,5 Millionen Euro ergebe bis 2006 "einen wesentlich geringeren Gesamtbetrag, als von allen Beteiligten geplant und zweifellos auch erwünscht". Zu diesem Zeitpunkt hatte das BMI den WM-Organisatoren zusätzlich bereits einen Zuschuss von 29 Millionen Euro aus dem Verkauf von Sondermünzen gewährt und den Umbau der WM-Stadien in Berlin und Leipzig mit insgesamt 247 Millionen Euro aus Steuermitteln finanziert.

In einer Tischvorlage für die Aufsichtsratssitzung des WM-OK am 1. April 2003 skizzierte der damalige WM-Finanzchef Stefan Hans, nach den SPIEGEL-Enthüllungen im Herbst 2015 vom DFB entlassen, einige Maßnahmen, um die Oddset-Einnahmen zu steigern. "Die bisherigen Anstrengungen im Bereich Marketing/Werbung müssen von allen Seiten erheblich intensiviert werden." Von einem Einsatz des OK-Präsidenten Beckenbauer war nicht die Rede.

Als sich die Finanzierungsprobleme im Jahr 2004 akut zuspitzten und Oddset auf politische Initiative an Stelle des abgesprungenen potenziellen WM-Förderers Müller-Milch einsprang, wurde jene ominöse Regelung mit Beckenbauer getroffen. Der Ehrenamtler an der Spitze des WM-Organisationskomitees erhielt mit den vom SPIEGEL enthüllten 5,5 Millionen Euro fortan mehr Privat-Millionen, als der DFB anfänglich aus dem Staatsvertrag für "gemeinnützige Zwecke" generieren konnte.

"Das Werbehonorar erhielt Herr Beckenbauer vom DFB", nicht etwa von Oddset, erklärte der Wettanbieter am Mittwochnachmittag.

Oddset - staatlicher Wettanbieter
  • dpa
    Oddset ist die Sportwettentochter der staatlichen Lotterien, deren Eigentümer wiederum die Bundesländer sind. Mit einem Drittel der Anteile ist die Westdeutsche Lotterie der größte Anteilseigner von Oddset Deutschland Sportwetten (ODS). Schwerpunkt des Angebots von Oddset sind Wetten auf Fußballspiele, aber auch Wetten auf andere Sportarten werden angeboten, wie etwa Eishockeyspiele. Im Unterschied zu privaten Anbietern gibt es bei Oddset nur feste Gewinnquoten; entsprechend leitet sich der Name aus den englischen Begriffen "Odds" und "Sets" ab.
  • 1999 wurde Oddset gegründet. Zunächst wurden die Sportwetten nur in Bayern angeboten, ein Jahr darauf konnten in allen Bundesländern Sportwetten abgeschlossen werden. Doch seit die Monopolstellung der staatlichen Sportwettenanbieter aufgrund der EU-Vorgaben aufgehoben wurde, geht der Marktanteil von Oddset stetig zurück: Zuletzt dürften weniger als fünf Prozent der Wetteinsätze des auf rund fünf Milliarden Euro taxierten Wettmarkts in Deutschland auf Oddset entfallen sein.
Die Gebühren, die Oddset kassiert sind tendenziell höher als bei privaten Wettanbietern, dafür wirbt die Gesellschaft mit ihrer Seriosität und Sicherheit des staatlichen Angebots. Zudem verfügt Oddset über ein flächendeckendes Netz von Annahmestellen. Im Gegensatz zu seinen privaten Konkurrenten ist ODS nicht gewinnorientiert und bezeichnet sich selbst als "Partner des Sports"n festgelegter Anteil der Einnahmen geht in die Sportförderung.


insgesamt 10 Beiträge
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Seite 1
joG 14.09.2016
1. Das Spiel sollte überhaupt keine....
....finanziellen Mittel von öffentlichen Stellen oder Anstalten bekommen. Wenn jemand diese korrupten Organisationen unterstützen will soll er das aus eigenem Geld bezahlen und nicht mit dem des Staates. Der Staat darf sich nicht an kriminellen Aktivitäten beteiligen.
_unwissender 14.09.2016
2. Super!
Da hat sich mein Verdacht ja voll bestätigt. Es ist eine korrupte Soße von Politik und Sportfunktionären ... mir wird übel!
holldoll 14.09.2016
3. Nichts Neues also
Tennis, Golf, Formel 1 und -natürlich- Fussball. Und die staatlichen Stellen immer munter dabei. Offenbar ist das Geflecht aus GEZ, Lotterien, Funktionären und Beamten als organisierte Kriminalität zu bezeichnen und gehört trockengelegt.
Luna-lucia 14.09.2016
4. öffentliche Lotto-Gelder
als "Schmiergelder" zu verwenden, ist schon ein total starkes Stück! Dass sich ein Beckenbauer nicht schämt, mit sowas konfrontiert zu werden!? Aber auch richtig, dass das jetzt ein so richtig heiß laufender "Rosenkrieg" werden wird! Was kann der DFB jetzt noch ausrichten? Bekanntgaben von Wahrheiten verzögern? Vielleicht mit dem Versuch, alles möglichst zu verwässern!? Nur, man macht damit alles nur noch schlimmer! Denn je mehr man vertuschen möchte, je mehr wird geforscht werden! Aber vielleicht ist der Franz schon zu alt, um das noch zu verstehen? Nur langsam geht ihm auch sein "Licht" aus. Und dann wird es echt zappenduster werden! Schade um diesen großen Mann ...
nahörmal! 14.09.2016
5. Insgesamt ein leidlich investigativ recherchierter Artikel
wenn auch Stellen wie "Zwar wurden die brisantesten Akten Ende 2015 von der Staatsanwaltschaft Frankfurt am Main gesperrt, doch im Fundus des für Sport zuständigen Innenministeriums findet sich einiges, was keinem Sperrvermerk unterliegt." an (Ironie) "wir bauen uns ein Atomkraftwerk" denken lässt. Inhaltlich aber, außer dem spannenden Sachverhalt, wer beteiligt war, eher dürftig. Den Hinweis auf "legendäre" Zusammentreffen" hätte man weglassen können, erstens war die Vorstellung von völlernden Politikern mal vor 35 Jahren "schön schauerlich" - man meint, ein Bot hätte den Artikel geschrieben und jenand hätte sich beim "zusammen-mixen" der buzzwords in der Jahreszahl vertan, und zweitens wirkt das dann wie kostenlose Onlinemedienkost.
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