Chronologie einer Amtszeit Der Fall Grindel

Fast drei Jahre war Reinhard Grindel DFB-Präsident. Er wollte dem Verband neue Werte vermitteln. Stattdessen war seine Amtszeit geprägt von Verfehlungen, Peinlichkeiten - und einem Erfolg, den ihm niemand dankte.

Reinhard Grindel erklärt seinen Rücktritt als DFB-Präsident: "Ich bin tief erschüttert"
Boris Roessler / DPA

Reinhard Grindel erklärt seinen Rücktritt als DFB-Präsident: "Ich bin tief erschüttert"

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Am Ende stürzte Reinhard Grindel über eine teure Uhr. Doch die fast drei Jahre, in denen der heute 57-jährige Präsident des Deutschen Fußball-Bunds (DFB) war, waren von vielen kleinen und großen Fehltritten geprägt. Jetzt ist der Mann, der 2016 in einer schweren Verbandskrise nach oben gespült wurde, so schnell wieder gefallen wie kaum einer vor ihm. Eine Chronologie.

15. April 2016: Der Amtsantritt

Der frühere ZDF-Journalist Grindel wird am 15. April 2016 bei einem außerordentlichen DFB-Bundestag zum DFB-Präsidenten gewählt. 255 Delegierte machen den ehemaligen Schatzmeister zum neuen, starken Mann an der Spitze des größten Sportverbands der Welt (sieben Millionen Mitglieder). Einen Gegenkandidaten gibt es nicht.

Die Neuwahl war notwendig geworden, weil Wolfgang Niersbach sein Amt als Folge der vom SPIEGEL aufgedeckten Sommermärchen-Affäre um die Vergabe der WM 2006 niedergelegt hatte. Nach seiner Wahl kündigte Grindel größte Transparenz an. In seiner Antrittsrede sagte er: "Wir brauchen Fairplay und wir brauchen Integrität. Der neue DFB wird eine gute Zukunft haben, wenn es uns gelingt, alles zu vereinen: die sportlichen Erfolge, das äußere Erscheinungsbild, aber eben auch die inneren Werte".

8. Dezember 2017: Bestätigung des Grundlagenvertrags

Grindel hatte stets versucht, sich als Vertreter der Amateure zu inszenieren. Aber als es darauf ankommt, lässt er sie im Stich. Am 8. Dezember 2017 bestätigt der DFB-Bundestag den Grundlagenvertrag zwischen dem DFB und der Deutschen Fußball-Liga (DFL). Geregelt werden darin unter anderem die Geldflüsse zwischen beiden Parteien. Auf dem Papier erhält der DFB einen Pachtzins von drei Prozent der TV- und Ticketeinnahmen der 36 Bundesligisten. Im Gegenzug zahlt er 15 bis 30 Prozent der Einnahmen durch die Nationalmannschaft, die in seiner Verantwortung liegt, an die DFL, deren Vereine die Nationalspieler abstellen.

Doch Monate später kommt heraus, dass dieses Solidarprinzip seit Jahren ausgehebelt wird. Denn die Geldflüsse sind gedeckelt: Der DFB erhält von der DFL nur maximal 26 Millionen Euro pro Jahr - ganz egal, wie sehr die Einnahmen steigen. Laut einer Rechnung müsste die DFL entsprechend der Drei-Prozent-Regel eigentlich 54 Millionen Euro zahlen. Den Amateurklubs gehen also viele Millionen Euro verloren. Grindel verhinderte das nicht.

15. Mai 2018: Vertragsverlängerung mit Bundestrainer Löw

Es sollte ein Geniestreich werden, aber am Ende belastet diese Entscheidung vor allem Grindel. Kurz vor der WM in Russland verlängert der DFB den Vertrag mit Bundestrainer Joachim Löw bis 2022 - und das völlig ohne Not. Löws Vertrag besaß ohnehin noch Gültigkeit bis 2020. Grindel will für den Fall einer erfolgreichen WM und einem möglichen Interesse eines großen Vereins vorsorgen.

Aber es kommt anders: Nach dem desaströsen Vorrunden-Aus in Russland wäre eine Entlassung Löws teurer für den DFB geworden. Grindel hätte sich zudem einen Fehlgriff eingestehen müssen. So sind er und der DFB an Löw gebunden. Und der Bundestrainer macht weiter.

Juli 2018: Die Özil-Affäre

Für das sportliche Scheitern in Russland kann Grindel nichts. Doch der Präsident hat seinen Anteil daran, dass der DFB nach dem historischen Scheitern bei der WM einen weiteren Tiefpunkt erreicht. Als die Affäre um Fotos von Mesut Özil und Ilkay Gündogan mit dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan tobt, verpasst es Grindel, klar Stellung zu beziehen und die beiden Nationalspieler vor rassistischen Anfeindungen zu schützen. In einem Interview mit dem "Kicker" fordert Grindel nach dem WM-Aus dann sogar, Özil müsse sich erklären, "wenn er aus dem Urlaub zurückkehrt". Auch DFB-Direktor Oliver Bierhoff hatte sich zuvor kritisch geäußert.

Grindel wird daraufhin für sein schlechtes Krisenmanagement kritisiert. Von Özil muss er sich Vorwürfe anhören: "In den Augen von Grindel und seinen Unterstützern bin ich Deutscher, wenn wir gewinnen, aber ein Migrant, wenn wir verlieren", schreibt Özil in seinem Rücktrittsstatement.

Grindel selbst räumt später Fehler ein. Er hätte "unmissverständlich sagen sollen, was für mich als Person und für uns alle als Verband selbstverständlich ist: Jegliche Form rassistischer Anfeindungen ist unerträglich", sagt er.

27. September 2018: Grindels größter Erfolg

Mit zwölf zu vier Stimmen erhält Deutschland den Zuschlag für die Ausrichtung der Europameisterschaft 2024. Bei der Entscheidung des Exekutivkomitees der Uefa in Nyon setzt sich der DFB gegen den einzigen Konkurrenten, die Türkei, durch. Es ist Grindels größter Erfolg als DFB-Präsident. Hätte Deutschland gegen den Außenseiter Türkei verloren, Grindel hätte womöglich damals schon seinen Posten verloren. Sympathiepunkte bringt dem DFB-Präsidenten die EM-Vergabe aber nicht ein. Die gehen eher an den Botschafter der EM-Bewerbung Philipp Lahm.

8. Februar 2019: Die fetten Jahre sind vorbei

Der SPIEGEL berichtet, dass der DFB unter Grindel über Jahre die Gemeinnützigkeit gefährdet hat - durch die Finanzierung von Lustreisen seiner Funktionäre und Zuschüsse zu privaten Feiern. Zwischen 2013 und 2016 war Grindel Schatzmeister des DFB. Einige der Vorfälle fallen in diese Zeit. Für eine Präsidiumssitzung in Brasilien während der WM 2014 etwa hat der DFB 370.848 Euro ausgegeben. Seither herrscht beim Verband strikter Sparzwang. Manche Mitarbeiter ärgern sich darüber, dass die Gemeinnützigkeit von hohen Funktionären in Gefahr gebracht wurde, nun aber bei einfachen Angestellten Hotel- und Reisekosten massiv gedrosselt werden.

Ohnehin wird Grindel intern für seinen bisweilen rabiaten Führungsstil kritisch gesehen.

13. März 2019: "Herr Grindel!!!"

Nun überschlagen sich die Ereignisse. Dass Grindel bisweilen kein Fettnäpfchen auslässt, war bekannt. Doch jetzt blamiert sich der DFB-Präsident, als er ein Interview mit der "Deutschen Welle" abbricht, weil ihm offenbar die Fragen des Reporters zu einem möglichen Milliarden-Deal im Zusammenhang mit den Rechten für die Klub-WM nicht passen. Mit mehrfachen "Herr Grindel!"-Einwürfen versucht der Reporter das Fiasko noch abzuwenden. Das "Herr Grindel!" machte danach bei Twitter Karriere. Grindel wird fehlende Kritikfähigkeit vorgeworfen.

16./17. März 2019: Löw-Kritik und ein Eiertanz

Als Bundestrainer Löw die drei Weltmeister Mats Hummels, Thomas Müller und Jérôme Boateng aussortiert, begrüßt Grindel prompt, "dass Jogi Löw den Umbruch unserer Nationalmannschaft jetzt weiter entschlossen voranbringt." Als Löw dann für seine Entscheidung und die Art und Weise von den Nationalspielern und vielen Medien kritisiert wird, kommt Grindel schnell zu einem anderen Schluss: "Ich glaube, dass es klug gewesen wäre (...) am Tag der Entscheidung, im Rahmen einer Pressekonferenz persönlich einerseits die Wertschätzung für die Spieler deutlich zu machen, andererseits der Öffentlichkeit zu vermitteln, warum man jetzt einen anderen Weg gehen will, so überzeugend wie er das in seiner Pressekonferenz gemacht hat", sagt Grindel dem ZDF.

Das wird Grindel wiederum prompt als Kritik an Löw ausgelegt, was den Präsidenten dazu veranlasst, einen Tag später zurückzurudern. "Wenn er drei Aussagen zu einem Thema binnen einer Woche macht, sind vier Meinungen dazu auf dem Markt", sagt daraufhin der ehemalige DFB-Pressesprecher Harald Stenger. Für den DFB ist Grindel längst zu einer Belastung geworden.

29. März 2019: Verschwiegene Nebeneinkünfte

Der SPIEGEL deckt auf, dass Grindel zwischen Juli 2016 und Juli 2017 verschwiegene Nebeneinkünfte von 78.000 Euro kassierte - für seine Tätigkeit als Aufsichtsratsvorsitzender der öffentlich so gut wie unbekannten DFB-Medien Verwaltungsgesellschaft, für ganze zwei Sitzungen im Jahr. Geld, das selbst dann noch floss, als Grindel schon im Fifa-Council und im Exekutivkomitee der Uefa saß und dafür 500.000 Euro im Jahr erhielt. Grindel räumt die Zahlungen auf SPIEGEL-Anfrage ein, pocht aber darauf, dass er zum Zeitpunkt seiner Wahl noch nicht Vorsitzender des Aufsichtsrats der DFB-Tochter gewesen sei und deshalb damals auch nichts verschwiegen habe.

Grindel hatte sich (siehe Antrittsrede) stets Transparenz auf die Fahne geschrieben. Bei der Uefa steht er sogar an der Spitze der Compliance-Kommission.

1. April 2019: Die Luxus-Uhr

Ein Geschenk bringt die Amtszeit an ihr Ende: Grindel hatte 2017 zum Geburtstag eine Uhr vom ukrainischen Fußball-Oligarchen Hryhoriy Surkis geschenkt bekommen. Dazu schickt der SPIEGEL dem DFB am Montagabend sechs Fragen. An Stelle einer Antwort des Verbands berichtet wenig später die "Bild"-Zeitung über die Uhr.

2. April 2019: Der Rücktritt

Reinhard Grindel erklärt seinen Rücktritt als DFB-Präsident. Und er bestätigt den Vorfall mit der Luxusuhr. In seiner Rücktrittserklärung heißt es: "Ich entschuldige mich dafür, dass ich durch mein wenig vorbildliches Handeln in Zusammenhang mit der Annahme einer Uhr Vorurteile gegenüber haupt- oder ehrenamtlich Tätigen im Fußball bestätigt habe." Einen Interessenkonflikt wies er allerdings zurück. "Ich bin tief erschüttert, dass ich wegen eines solchen Vorgangs meine Funktion als DFB-Präsident aufgeben muss."

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Seite 1
DietrichHorstmann 02.04.2019
1. Die Rummenigges sind am Ziel
der Profifußball - Manager. Sie haben mit Hilfe der Medien den zugegeben glücklos agierenden Präsidenten zum Rücktritt genötigt. GRINDEL als Fürsprecher der Amateure im DFB mit der darauf beruhenden Gemeinnützigkeit scheint den Profivereinen hinderlich beim Millionen-Geschäft zu sein. Bin gespannt, wie sie die Steuervorteile ohne due Amateure erhalten wollen.
blueberryhh 02.04.2019
2. ich habe das Ganze bis jetzt noch nicht ...
so verfolgt, aber ich finde den Ausdruck "Lustreisen" ziemlich zweifelhaft ... Lustreisen hat immer so den Koks und Nutten - Beigeschmack ... so wie damals, bei dieser Versicherung (obwohl es da ja wohl nur um Damen ging und nicht um das Pülverchen ...) Aber vielleicht waren beim Grindel auch ein paar Damen mit im Spiel ... geht ja immer gut zusammen, mit teuren Uhren von irgendwelche halbseidenen Oligarchen.
genaumeinding 02.04.2019
3. Wer hat an der Uhr gedreht?
Der DFB entwickelt sich zu einer Resksatire mit hohem Unterhaltungswert. Das lasest dich medial bestimmt exzellent vermarkten. Es wird Zeig das dem DFB die Gemeinnützigkeit aberkannt wird. Er ist nur noch gemein und seinen Funktionaeren nützlich.
jstawl 02.04.2019
4. Nie im Leben
Zitat von DietrichHorstmannder Profifußball - Manager. Sie haben mit Hilfe der Medien den zugegeben glücklos agierenden Präsidenten zum Rücktritt genötigt. GRINDEL als Fürsprecher der Amateure im DFB mit der darauf beruhenden Gemeinnützigkeit scheint den Profivereinen hinderlich beim Millionen-Geschäft zu sein. Bin gespannt, wie sie die Steuervorteile ohne due Amateure erhalten wollen.
Wie bitte? Grindel als Fürsprecher der Amateure? Die Meinung haben Sie ziemlich exklusiv und ich bin in sehr engem Kontakt mit einigen Funktionären in einem Landesverband. Wir können ja mit den Hintertürchen zugunsten der Profivereine beim Grundlagenvertrag anfangen und und und... Grindel waren die Amateure immer ziemlich egal.
freidenker! 02.04.2019
5. Hallo lieber DFB
Ich möchte auch gerne eine Luxusuhr für mindestens 10.000,-- € haben. Bin aber nur ein armer Schluckspecht. Was muß ich dafür tun? Hört mich jemand? Bitte antworten!
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