Analyse zu HSV-Finanzlage Es ist noch Geld da

Trotz des Abstiegs aus der Bundesliga hat sich der hochverschuldete HSV zuletzt wirtschaftlich stabilisiert. Aber kann der Klub ein weiteres Jahr zweite Liga verkraften?

Hamburger Funktionäre: Vorstandsvorsitzender Bernd Hoffmann (links) und Aufsichtsratsvorsitzender Max-Arnold Koettgen
Alex Gottschalk/ DeFodi/ imago images

Hamburger Funktionäre: Vorstandsvorsitzender Bernd Hoffmann (links) und Aufsichtsratsvorsitzender Max-Arnold Koettgen

Von und Daniel Jovanov


Zu Beginn der ersten Zweitligasaison in der Geschichte des Hamburger Sportvereins fürchteten manche, der HSV könne maximal ein Jahr jenseits der Bundesliga aushalten, dann drohe der finanzielle Kollaps.

Denn in den vergangenen Jahren hatten verschiedene Sportdirektoren des Klubs mehr als 100 Millionen Euro für neue Spieler ausgegeben, die vom Milliardär Klaus-Michael Kühne stammten. Der Plan sah vor, mit einer verbesserten Mannschaft einen Platz in der oberen Tabellenhälfte zu erreichen, dadurch mehr Geld aus der TV-Vermarktung zu erzielen und damit die erhöhten Kaderkosten wieder einzuspielen.

Aufgegangen ist dieser Plan nicht. Am Ende stand der Abstieg, der ein Loch in die HSV-Bilanz fraß. Wegen geringerer TV-Erlöse brach der Umsatz in dieser Saison um rund 40 Millionen Euro ein, die Vereinsführung rechnet in diesem Geschäftsjahr mit einem Rekordverlust von 20 Millionen Euro.

Verbindlichkeiten wurden reduziert

Doch obwohl der HSV nun auch noch den direkten Wiederaufstieg verspielte, droht dem Klub keine Insolvenz: Im vorigen Geschäftsjahr, dem aktuellsten, für das der Verein Zahlen veröffentlicht hat, schaffte es der HSV, seine Verbindlichkeiten von 105,5 Millionen Euro auf 85,5 Millionen Euro zu senken. 18 Millionen davon fielen weg, weil Kühne auf die vollständige Rückzahlung seiner Darlehen verzichtet hatte. Den verbleibenden Schulden stehen der Wert des Stadions und anderer Immobilien (laut Bilanz 62,4 Millionen Euro) gegenüber und das Eigenkapital, das in erster Linie durch den Verkauf von Vereinsanteilen, natürlich an Kühne, gesteigert wurde. Er hält inzwischen gut 20 Prozent der Anteile.

Fakt ist: Der HSV war auch in dieser Saison trotz all der Einbußen wirtschaftlich handlungsfähig und wird es auch der kommenden Saison sein. Das liegt auch daran, dass der Verein zwei neue Geldquellen aufgetan hat.

Da wäre zum einen die neue Fan-Anleihe, die der Klub platziert hat. 5000 Anleger investierten zwischen 100 und 500.000 Euro - 17,5 Millionen Euro hat der Klub so eingesammelt. Mehr Geld kann der HSV dadurch zwar nicht ausgeben, er kann aber zumindest die noch bis September laufende "alte" Anleihe ablösen und erhielt eine neue Lizenz für beide Ligen von der DFL.

"Solche Fan-Anleihen sind oftmals das letzte Mittel, um einen klammen Verein umzuschulden. Die finanziellen Probleme werden aber so nur in die Zukunft verlagert", sagt Bilanz- und Steuerexperte Hans-Jürgen Beil, der seit Jahren die finanzielle Lage des Vereins analysiert. Der gezahlte Zins von sechs Prozent sei angesichts der finanziellen Lage des Vereins eigentlich viel zu niedrig.

Ein echter finanzieller Befreiungsschlag war dagegen eine weitere Einigung mit Kühne. Der HSV kaufte dem Mäzen für rund fünf Millionen Euro Risiko-Klauseln aus den Kreditverträgen der Beiersdorfer-Ära ab. Der ehemalige Sportchef hatte dem Investor Erfolgsbeteiligungen in Höhe von maximal 50 Millionen zugesichert. Der HSV hätte etwa in diesem Jahr bei einem Gewinn des DFB-Pokals 12,8 Millionen Euro an den Investor zahlen müssen. In der Bundesliga wären bis 2022 Rückzahlungen ab Tabellen-Platz 10 fällig gewesen. Dazu wären Beteiligungen an möglichen Transfer-Überschüssen angefallen.

Nun verzichtet der Investor auf diese Forderungen, der HSV kann dadurch Spieler wie Filip Kostic und Douglas Santos verkaufen, ohne dass Geld an Kühne fließt.

Fans könnten den HSV finanziell über Wasser halten

Denn auf dieses Geld ist der HSV durch den verpassten Aufstieg dringend angewiesen: Der Klub muss in diesem Sommer einen Transferüberschuss erzielen, um die drohenden Verluste durch die andauernde Zweitklassigkeit abzufedern. In der kommenden Saison, so viel steht fest, wird der Umsatz noch geringer ausfallen, weil auch Hauptsponsor Emirates seinen Vertrag nicht verlängert. Bisher brachte dieser in der zweiten Liga rund vier Millionen pro Saison.

Auch die Fans entscheiden über die wirtschaftliche Zukunft ihres Klubs. Trotz Zweitklassigkeit strömten in der abgelaufenen Saison im Schnitt rund 49.000 Zuschauer ins Hamburger Volksparkstadion. "Es hilft sehr, dass die Zuschauer und Partner dem HSV nach dem Abstieg die Treue gehalten haben", sagte Finanzvorstand Frank Wettstein, als er im November die Bilanz des HSV präsentierte.

Für den Finanzexperten Beil stellt ein mögliches Ausbleiben der Fans das größte finanzielle Risiko für den HSV dar: "Wenn sich die Anzahl der Stadionbesucher halbieren würde, würde dem HSV sofort die Liquidität fehlen, um seine Rechnungen zu bezahlen", sagt er. Momentan macht der Spielbetrieb rund 30 Prozent der gesamten Umsätze des HSV aus. Zum Vergleich: Bei Bayern München beträgt der Anteil nur rund 16 Prozent.

So oder so muss der Klub sparen, um die ausbleibenden Einnahmen zu kompensieren. Der Spieleretat, der den größten Ausgabeposten ausmacht, soll von derzeit 30 Millionen Euro auf 20 Millionen reduziert werden. Überraschungsteam SC Paderborn schaffte den Aufstieg in die Bundesliga gerade mit zehn Millionen. Die Verringerung des Kaders beim HSV soll durch Abgänge von Spielern wie Pierre-Michel Lasogga, Aaron Hunt und Lewis Holtby ermöglicht werden. Auch auf der Geschäftsstelle im Volksparkstadion drohen Kürzungen: Bis zu 50 Stellen könnten im Sommer gestrichen werden, heißt es intern.

Der HSV-Etat wird in der neuen Saison wiederum durch den genesenen Kyriakos Papadopoulos und Hannover-Rückkehrer Bobby Wood belastet. Beide verdienen auch in der Zweiten Liga über zwei Millionen Euro und sind dadurch kaum an andere Vereine zu verkaufen. Die Folge: Zusammen verschlingen sie bereits gut 25 Prozent des Etats.

Hilft Kühne wieder?

Besonders viel Spielraum hat der Verein bei der Kaderzusammenstellung also nicht. Aber Klubboss Bernd Hoffmann sagt: "Wir werden auch nächste Saison in der Lage sein, einen der Top-2- oder Top-3-Kader zu stellen." Tatsächlich läge der Etat immer noch deutlich über dem Durchschnitt der zweiten Bundesliga.

Trotz des verpassten Aufstiegs verfügt der HSV wohl noch immer über genügend finanzielle Mittel, um eine konkurrenzfähige Mannschaft aufzustellen. Aus dem Umfeld des Vereins heißt es, man könne auch problemlos mehrere Jahre in der zweiten Bundesliga spielen, ohne vor dem wirtschaftlichen Aus zu stehen.

Um dauerhaft wirtschaftlich über die Runden zu kommen, hat der HSV wohl zwei Möglichkeiten. Die eine wäre sportlicher Erfolg bei strikter Kostendisziplin. Vereine wie der SC Freiburg und Mainz 05 machen das seit Jahren vor: Sie verlieren zwar Spielzeit für Spielzeit ihre besten Spieler, erzielen so aber auch wichtige Transfereinnahmen.

Ein anderer Weg wäre es, wieder bei Kühne anzuklopfen, der Millionen nachschießen könnte, um neue Spieler zu kaufen. Tatsächlich prüft der HSV derzeit den Wunsch von Kühne, weitere Anteile an der Fußball AG zu erwerben. Eine Zusage für einen Verkauf gibt es aber nicht.

Es liegt auf der Hand, welches die nachhaltigere der beiden Varianten wäre.

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nofake 20.05.2019
1. Überschrift und Text stehen sich diametral gegenüber
Was ist das für ein wirtschaftlich Desaster ? Alle "Verbesserungen" werden von einem Milliardär gesteuert und finanziert. Die Anleihe von Fans (bis zu 500.000 Euro!) kann nicht ausgegeben werden... Hat der HSV nichts verstanden, nichts dazu gelernt? Wie wäre es mit der Analyse, wie kleinere Vereine sich über Wasser halten. Auf diese Art und Weise wird sich das Mitleid mit dem verpassten Aufstieg sehr in Grenzen halten.
radbodserbe 20.05.2019
2. Also wirklich beruhigen kann einen das alles nicht gerade
Klingt irgendwie nach letztem Strohhalm, wenn man bei 30% Einnahmen aus dem Spielbetrieb fest davon überzeugt ist, mehrere Jahre Zweitklassigkeit mit einer konkurrenzfähigen Mannschaft bei der Finanzlage und ungrwissem Zuschauerzuspruch locker überstehen zu können. Man kann sich auch nur begrenzt am Personal und Einrichtungen kaputtsparen und eine noch weitere Abhängigkeit von Kühne lässt nun auch nichts Gutes für die Zukunft hoffen. Wie viel Geld kosten eigentlich heute noch die ehemaligen Trainer und Funktionäre pro Jahr ? Quo vadis HSV ? Hoffen wir nicht zuletzt für "Uns Uwe", das der HSV nicht völlig abstürzt und seine Vorhaben finanziell greifen. Mir würden die Zweitligaderbys in Hamburg fehlen.
aggro_aggro 20.05.2019
3. Kühner Plan
Der HSV hat Potential, vom wirtschaftlichen Umfeld in der Stadt Hamburg, vom Stadion, von der Anzahl der regionalen, nationalen und internationalen Fans, von der Tradition und von der weltweiten Bekanntheit. Kühne hat Geld, Milliarden, die miese Soituation ermöglicht ihm immer mehr Anteile zu übernehmen und damit genug Einfluss zu erlangen um einen tatsächlich langfristigen Plan zu verfolgen. So etwas wie in Leipzig sollte mit ein paar Millionen Liquidität und vor allem der Aussicht auf Erfolge zu machen sein. Dazu muss man eben mal 30 junge, talentierte und günstige Spieler langfristig binden und dann mal drei oder vier Jahre spielen lassen. Einzelne "Stars", die Erstligagehälter kassieren können nicht den Aufstieg ermöglichen und sorgen im Misserfolgsfall nur für miese Laune. 30 Mal Jan-Fiete und 20 von denen können scheitern ohne dass die Fans ausrasten oder der Verein pleite geht. So gut war der Arp ja nun nicht, dass es ihn nur einmal gibt xD
Teutonengriller 20.05.2019
4. Ach so
Zitat: "Aus dem Umfeld des Vereins heißt es, man könne auch problemlos mehrere Jahre in der zweiten Bundesliga spielen, ohne vor dem wirtschaftlichen Aus zu stehen." Die lernen es nicht,oder? Großkotzig wie immer. Mit so einer Einstellung würde ich da keinen Cent investieren und ob die Fans unter dieser Prämisse Anleihen gezeichnet hätten? HSV ist mittlerweile ein Synonym für "große Fresse, nix dahinter"
humble_opinion 20.05.2019
5. Same procedure as last years?
Interessant wäre bei der Finanzanalyse noch gewesen, den Etat des Vorstandes und sonstigen Führung zu erfahren. Da sonnen sich - aus Fan-Sicht betrachtet - noch zu viele Leute mit vermutlich sehr ordentlichen Gehältern im ehemaligen Glanz des Vereines. Legen diese denn auch Hand an das eigene Einkommen wie an die Spielergehälter? Denn Erfolgsprämien können sie nun wirklich nicht für sich geltend machen, was die ganzen letzten Jahre betrifft. Eher auch beunruhigend ist, dass jetzt kräftig auf dem Transfermarkt gehandelt wird, bevor ein Trainer passend zu Verein und Situation ein Konzept erarbeitet hat und somit eine reale Vorstellung, welche der vorhandenen Spieler dafür geeignet sind und wo noch ergänzt werden müsste. Ansonsten haben wir die gleiche Situation wie in den letzten Saisons: "Hier Trainer, das ist deine Mannschaft. Wir erwarten, dass du damit aufsteigst/nicht absteigst. Geld für Verpflichtungen, die du gern hättest, ist leider keines mehr da.". Und wie 'erfolgreich' dieses Vorgehen war, durften wir ja alle mit ansehen.
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