Diskussion über Re-Start der Bundesliga Der Videobeweis

Ein Facebook-Video von Herthas Salomon Kalou offenbart, dass das Hygienekonzept der DFL zur Wiederaufnahme des Spielbetriebs leicht scheitern kann.
DER SPIEGEL

Salomon Kalou ist ein Spieler, mit dem man sich gut unterhalten kann. Über Gott, über Glück, über Demut. Der 34 Jahre alte Angreifer von Hertha BSC interessiert sich für Kunst. Er unterhält eine eigene Stiftung - und das nicht nur aus Imagegründen. Kalou ist jemand, der das Leben liebt. Aber er macht sich auch seine Gedanken darüber.

Und deshalb ist es schwer zu verstehen, dass ausgerechnet ein Auftritt von Salomon Kalou nun die wochenlangen Bemühungen der Deutschen Fußball Liga (DFL) um einen baldigen Re-Start der Bundesliga und zweiten Liga in der Coronakrise torpediert. Vielleicht ist es aber auch besonders bezeichnend, wenn einer der ältesten und reflektierten Profis einer Mannschaft dokumentiert, wie scheinbar selbstverständlich Regeln gebrochen werden, die eigentlich für die Sicherheit der Spieler und ihrer Familien aufgestellt wurden - und zur Sicherung des Spielbetriebs.

Am Montagmittag streamte der Stürmer live bei Facebook 25 Minuten lang seinen Weg zum Training von Hertha BSC. Was in normalen Zeiten banal gewesen wäre, wurde hier zum Skandal. Denn Kalou filmte mit seinem Handy, wie mehrere Spieler und mindestens ein Fitnesstrainer von Hertha BSC die Hygienemaßnahmen der DFL missachteten. Beim Betreten der Hertha-Kabine gab er einigen Kollegen die Hand, anderen die Faust. Er setzte sich direkt neben seinen Sturmpartner Vedad Ibisevic. Er filmte dazu, wie ein Physiotherapeut einen Coronatest machte.

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Die Fragilität des Unterfangens

Auf rund 50 Seiten hatte die DFL vor zwei Wochen einen Hygiene-Katalog entworfen, in dem auch die Vorgaben für das Mannschaftstraining festgelegt sind. Darin heißt es auf Seite 30: "Aufenthaltsdauer in der Kabine vor und nach dem Training sollte minimiert werden, ebenso Dauer und Intensität des Kontakts zu Mitspielern und Betreuern." Und: "Nutzen der Gemeinschaftsräume (Umkleide, Duschen) nur in kleinen Gruppen mit Gewährleistung von mindestens 2 m Abstand." Auch ist darin von einem separaten Raum für die Abstrich-Diagnostik die Rede, "der nicht anderweitig genutzt wird". Also nicht von Spielern, die die Tests nebenbei filmen.

Kalous Facebook-Stream offenbart nun aber, dass das Sicherheitskonzept der DFL im realen Leben an der Ausübung scheitern kann, noch ehe es überhaupt einen Termin für die restlichen Saisonspiele gibt. Es ist gewissermaßen ein Videobeweis für die Fragilität des ganzen Unterfangens. Es entsteht der Eindruck, dass eine Mannschaft sich nicht einmal an das Grundlegendste hält, wenn sie sich in ihrem heiligen Rückzugsraum Kabine unbeobachtet fühlt.

Noch während des anschließenden Trainings wurde Kalou vom Platz und zum Rapport bei Herthas Manager Michael Preetz beordert. Er sollte erklären, was er sich dabei gedacht hatte. Aus dem Verein ist zu hören, wie konsterniert man war. Ein Vertreter eines anderen Klubs meldete sich umgehend erzürnt bei Hertha-Verantwortlichen.

Am Abend distanzierte sich Hertha und suspendierte Kalou. In einer Vereinsmitteilung hieß es: "Hertha BSC möchte festhalten, dass dies die Verfehlung eines einzelnen Spielers war." Preetz ließ sich mit den Worten zitieren: "Salomon Kalou hat mit seinem Video nicht nur Hertha BSC einen großen Schaden zugefügt, sondern vor allem in der aktuellen gesellschaftlichen Diskussion über die Wiederaufnahme des Spielbetriebs und die Rolle des Profifußballs den Eindruck erweckt, dass einzelne Spieler das Thema Corona nicht ernst nehmen. Ich möchte aber ausdrücklich betonen, dass wir alle Beteiligten intensiv auf die Hygiene- und Abstandsregeln hingewiesen haben und auf deren konsequente Einhaltung achten."

Ein paar Stunden bevor dieser Skandal losgetreten wurde, saß das Präsidium der DFL in einer Videoschalte zusammen. Es ging um die für Mittwoch erwartete Entscheidung der Politik über eine Wiederaufnahme des Spielbetriebs mit Geisterspielen. Es ging um den Fall des 1. FC Köln vom Wochenende, bei dem zwei Spieler und ein Betreuer positiv auf den Covid-19-Erreger getestet worden waren und der belgische Profi Birger Verstraete in einem Interview seine Bedenken geäußert hatte. Verstraetes Lebensgefährtin ist durch eine Vorerkrankung besonders gefährdet. Die DFL gab am Nachmittag bekannt, dass es insgesamt zehn positive Tests in der ersten Testrunde unter allen 36 Klubs gegeben habe.

In der Präsidiumsrunde soll nach SPIEGEL-Informationen sinngemäß folgenden Satz gefallen sein: "Wir haben unsere Aufgabe gemacht. Jetzt zeigt sich, wie professionell die Liga ist." Über das Facebook-Video aus der Hertha-Kabine ist zu hören: "Das ist verantwortungslos."

Spielergewerkschaft sieht Mängel bei der Aufklärung

Durch den Fall Kalou entsteht nun der Eindruck, dass die Liga womöglich nicht professionell genug arbeitet, um den Spielbetrieb wieder aufzunehmen, oder dass das ganze Hygiene-Konzept auf Sand gebaut ist.

Bei der DFL gehen sie zwar weiterhin davon aus, dass sie am Mittwoch von den Ministerpräsidenten und Bundeskanzlerin Angela Merkel grünes Licht für Spiele ab Mitte/Ende Mai erhalten werden. Aber die Debatte über den Re-Start wird nun mit zwei neuen Eindrücken geführt: Erstens gibt es offenbar Spieler, die Bedenken am Plan des Weiterspielens haben. Und zweitens gibt es mindestens eine Mannschaft, die sich nicht an die Grundregeln hält.

Fragt man die Spielergewerkschaft in Deutschland, die Vereinigung der Vertragsfußballer (VDV), hört man zu Punkt eins eher Zurückhaltung: "Die Meinung der meisten Spieler ist, dass sie spielen wollen, wenn es medizinisch und moralisch vertretbar ist", sagt VDV-Geschäftsführer Ulf Baranowsky dem SPIEGEL. Aber der Gewerkschafter erzählt auch, dass sich bei ihm besorgte Spieler mit Fragen gemeldet hätten. Und dass dort Aufklärungsarbeit geleistet werden musste: "Der ein oder andere fühlt sich nicht gut genug von seinem Klub informiert", sagt Baranowsky.

Die Klubs selbst sehen das anders. Auf eine Anfrage des SPIEGEL bei den 36 Erst- und Zweitligaklubs zur Aufklärung der Spieler über das Infektionsrisiko reagierten am Montag 29. RB Leipzig etwa gab an, die Spieler "mehrfach in Form von ausführlichen Einzelgesprächen, Handzetteln in mehreren Sprachen und Aushängen im Trainingszentrum" informiert zu haben. Eintracht Frankfurt verwies auf "Schulungen in kleinen Gruppen", und die TSG Hoffenheim auf "Präsentationen (eigens gedrehtes Video) und schriftlich". Hertha BSC übrigens gab an, dass die Spieler durch den Hygienebeauftragten und Teamarzt unterrichtet worden seien.

Auf die Frage, ob Spieler mit Fragen oder Sorgen an den Verein herangetreten seien, gaben das mit Leipzig, Dresden und Aue nur drei Klubs explizit zu, oder deuteten es an wie Hannover, Bremen, Düsseldorf und der HSV. Der überwiegende Teil der Vereine verneinte die Frage, oder ging nicht näher darauf ein.

Nächste Video-Vollversammlung der DFL am Donnerstag

Arbeitsrechtlich müssten die Spieler ihre vertraglichen Pflichten erfüllen, sofern die Vorgaben des Arbeits- und Infektionsschutzes befolgt seien, erklärt Gewerkschafter Baranowsky. Im Falle von einzelnen Bedenken aber würden die Vereine auch Gesprächsbereitschaft signalisieren.

Auf die Frage, ob es einem Spieler freigestellt sei, am Trainings- oder Spielbetrieb teilzunehmen, sollte er Bedenken haben, antworteten neun Vereine mit Ja. Andere umgingen eine eindeutige Aussage wie Borussia Dortmund: "Für Berufssportler besteht innerhalb des DFL-Konzeptes - verglichen mit anderen Branchen – (...) eine deutlich höhere Sicherheit. Sofern ein Spieler dennoch Bedenken hätte, seinen Beruf auszuüben, würden wir diese Bedenken im persönlichen Gespräch mit ihm erörtern."

Am Donnerstag treffen sich die 36 Profiklubs zu einer weiteren Videokonferenz. Manche der Klubs mögen gehofft haben, dass dort schon über die Modalitäten des Weiterspielens nach dem erteilten Go durch die Politik gesprochen werden könnte. Der Fall Kalou hat dem Unterfangen aber mindestens nicht gutgetan.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.