Derby-Sieger Schalke Vorfahrt für Speed

Fünf Jahre mussten die Schalke-Fans auf diesen Moment warten: ein Heimsieg gegen den ungeliebten Nachbarn aus Dortmund. Doch nicht nur darüber konnten sich die Anhänger freuen. Ihr Team spielt plötzlich schnellen und direkten Fußball. Die Verlierer hingegen würden am liebsten schweigen.

Von Christoph Biermann, Gelsenkirchen


Sprechen konnte man das noch nicht nennen, aber zumindest das Schalker Schweigen war nach dem Sieg im 128. Revierderby gebrochen. Fabian Ernst und Christian Pander sagten ein paar dürre Sätze ("Wir widmen den Sieg unseren Fans") in die Kameras eines Bezahlsenders, und am nächsten Spieltag, so war zu hören, soll angeblich noch mehr geredet werden. Vielleicht klingt dann auch der provinzielle Kleinkrieg zwischen einer beleidigten Mannschaft und einer knurrigen Presse aus. Er passt nämlich so gar nicht zu den Höhen, in die Schalke gerade abhebt.

Der 3:1 (2:0)-Sieg über Borussia Dortmund war nicht nur der erste im eigenen Stadion gegen den Lieblingsfeind seit fünf Jahren, er riss die Fans der Gastgeber eine halbe Stunde vor und eine Viertelstunde nach der Pause richtig mit. Seit dem 2:0-Sieg über Werder Bremen am dritten Spieltag hatte Schalke nicht mehr so gut gespielt, und vielleicht war es diesmal die Folge vergangener Leiden. So hatte Mirko Slomka in den letzten Wochen eifrig darauf hingewiesen, dass mit dem frühen Ausscheiden aus den nationalen und internationalen Wettbewerben ein Vorteil verbunden wäre. "Wir haben die Zeit genutzt, an unserem Spiel zu arbeiten", sagte er.

Spätestens gegen Borussia Dortmund sah man, dass dabei nicht nur ein paar Stellschräubchen verändert worden waren, sondern Schalke fast zu einem Neuentwurf seines Spiels gekommen ist. Wo die Schalker vorher oft kleine Kringel auf den Platz gezeichnet hatten, sind nun starke und deutliche Striche zu sehen. Das Spiel hat nun keinen Zug ins Südländische mehr, mit langen und oft getragenen Kombinationen, sondern es geht inzwischen fast britisch schnell und direkt zu. In der englischen Fußballsprache gibt es den Ausdruck "hunting in a pack", und genau das machte Schalke in den besten Momenten des 128. Revierderbys: Sie jagten im Rudel.

"Mit Leidenschaft, Feuer und Herz", wie Slomka sagte, stürzten sich seine Spieler auf einen Gegner, der eine Viertelstunde mithalten konnte. Danach ging Schalke durch einen Freistoß aus 38 Metern, bei dem sich Dortmunds Torhüter Weidenfeller irritieren ließ, in Führung. Zehn Minuten später köpfte Kevin Kuranyi einen Eckball zum 2:0 ins Tor und eigentlich war da schon alles entschieden. Spätestens aber, als Peter Lövenkrands zwei Minuten nach der Pause den dritten Treffer nachlegte.

Stärkster Schalker war einer, der vor kurzem erst seine fast 18 Monate lange Verletzungspause beendet hatte. Christian Pander erzielte nicht nur das 1:0, sein Auftritt war beispielhaft für die neue Dynamik im Spiel der Gastgeber. "Ich bin einfach gut drauf", sagte der 23-jährige Linksverteidiger, dessen Rückkehr viel zum Schalker Aufschwung beigetragen hat. Er spielt nämlich nicht nur seine Position "fast perfekt", wie Slomka sagte. Andere müssen dort nun nicht mehr aushelfen und können, wie Kobiaschwili, Rodriguez oder Krstajic, endlich spielen, wo es ihnen besser behagt.

Einen sehr guten Eindruck hinterließ erneut auch der erst 20 Jahre alte Manuel Neuer. Der hoch talentierte Torwart ließ mit Präsenz und Ruhe erstmals die Idee aufkommen, dass der Keeper der U-20-Nationalmannschaft in der Zukunft auch Mal Torhüter im Nationalteam der Senioren sein könnte. Mit weiteren Leistungen wie diesen wird bei Schalke von Frank Rost jedenfalls nicht mehr viel die Rede sein. Allerdings kritisierte der Trainer seine neue Nummer eins, weil er "nicht schnell genug im Spiel nach vorne" gewesen sei. Die zügige Spieleröffnung ist eigentlich eine der besonderen Begabungen von Neuer.

Der große Verlierer könnte Lincoln heißen

"Wir kriegen Respekt, weil wir extrem schnell nach vorne spielen", sagte Slomka, aber bei der Vorfahrt für Speed scheinen einige Spieler nicht mitzukommen. Hamit Altintops Neigung, den Ball lange zu halten, fiel nach seiner Einwechslung besonders unangenehm auf. Der ganz große Verlierer der königsblauen Beschleunigung könnte jedoch Lincoln heißen. Wurde er früher in jeder Spielsituation gesucht, ist der Brasilianer im Moment nur Randfigur. Im Derby wechselte ihn Slomka erst acht Minuten vor Spielende ein. "Er muss die Schnelligkeit annehmen, und das kann er auch", sagte Slomka.

Ob mit oder ohne Lincoln hat Schalke am kommenden Samstag in Bielefeld nicht nur eine Chance auf den Herbstmeistertitel sondern auch auf die beste Bundesliga-Hinrunde der Geschichte. Der bisherige Vereinsrekord steht bei 34 Punkten, mit einem Sieg bei der Arminia könnte Schalke auf 36 Punkte kommen. Für die Dortmunder sind das ferne Welten, und die Stimmung war entsprechend. "Wir sind noch zu brüchig", sagte Christoph Metzelder, der sein erstes Saisonspiel seit dem ersten Spieltag machte. Bert van Marwijk war "sehr verärgert" über das erste Gegentor, "denn in solchen Momenten verliert man das Spiel".

Präsident Reinhard Rauball musste sich fragen lassen, ob der holländische Coach nun vielleicht schon im Winter gehen muss ("Das ist gar kein Thema"). Torschütze Alexander Frei hingegen sagte: "Ich versuche meine Klappe zu halten und dem BVB zu helfen." Er wollte nichts darüber sagen, dass ihn der übermotiviert wirkende Keeper Weidenfeller auf dem Platz attackiert hatte. Doch nicht nur der Schweizer hätte am liebsten wenn schon nicht die Punkte so doch wenigstens das Schweigen aus Gelsenkirchen mitgenommen.

© SPIEGEL ONLINE 2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.