Profis im Ausland Die deutschen Legionäre

Ein Bayer in Australien, ein Deutsch-Brasilianer in eisiger Kälte: Drei Fußballprofis berichten über ihr neues Leben in der Fremde. Außerdem finden Sie hier den großen Überblick: Diese Deutschen kickten 2014 im Ausland.

Suncorp-Stadion in Brisbane: Hier spielt Roar
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Suncorp-Stadion in Brisbane: Hier spielt Roar

Von Ronny Zimmermann


Wenn Fußballer ihren Klub wechseln, geraten sie ins Schwärmen. Sie loben die "neue Herausforderung" in einem "neuen Umfeld" mit "fantastischen Fans". Dann lächeln sie in die Kameras. Es ist ein Ritual, Teil der Fußball-Wechselfolklore. Die Namen der Fußballer sind so austauschbar wie die Namen der Klubs.

Und dann gibt es Fußballer, die sich wirklich verändern - oder verändern müssen. Die die vorgezeichneten Bahnen verlassen und ins Ausland wechseln. Nicht immer zu einem großen Klub, nicht immer in die üblichen Ligen. Sondern in eine fremde Kultur, auf einen fernen Kontinent. Und manchmal werden sie sogar glücklich.

93 deutsche Fußballer haben in der abgelaufenen Saison im Ausland gespielt. Jeder kennt die Özils, Podolskis, Khediras, Schürrles, die ihre Klubs Millionen kosteten, die meisten von ihnen werden wir bei der WM in zwei Wochen wiedersehen. Selbst Marko Marin und Piotr Trochowski sind dank der Erfolge des FC Sevilla immer noch präsent.

Aber wissen Sie, wo genau Thomas Broich spielt? Wer Hendrik Helmke ist? Und warum Patrick Bauer schon mit 19 seine Familie hinter sich ließ? Auch diese Profis gingen ins Ausland, auch sie können große Geschichten erzählen. Aber eben im Kleinen.

Thomas Broich: Schluss mit dem öffentlichen Druck
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Thomas Broich: Schluss mit dem öffentlichen Druck

Der Glückliche

Wie Thomas Broich in Australien das Spiel neu lieben lernte.

Im Sommer 2010 erfuhr Thomas Broich, dass er nicht mehr gebraucht wurde. Dieter Hecking, sein damaliger Trainer beim 1. FC Nürnberg, hatte den Mittelfeldspieler ausgemustert, Broichs Perspektive lag auf der Tribüne oder auf dem Trainingsplatz der zweiten Mannschaft. Aber das wollte Broich nicht. Also packte er seine Koffer und verließ Nürnberg.

Der damals 29-Jährige, oft als das "ewige Talent" geschmäht, hätte womöglich in der zweiten Liga eine ordentlich bezahlte Weiterbeschäftigung finden können, es wäre der übliche Weg gewesen. Aber Broich wollte Schluss machen mit hohem Druck, permanenter Öffentlichkeit und ständigem Konkurrenzdenken. Er wollte einen radikalen Neuanfang, und er machte ihn.

15.983 Kilometer entfernt.

Thomas Broich unterschrieb in jenem Sommer einen Vertrag bei Brisbane Roar, einem Verein an der Ostküste Australiens. Zunächst wusste der Bayer nicht, auf welches Abenteuer er sich einließ. Vier Jahre und drei Meisterschaften später weiß er: Es war die richtige Entscheidung.

93 Spieler, 24 Länder: Broich ist der bekannteste Exot in der Legionärsliste (siehe Weltkarte). Einzige Bedingung, um von SPIEGEL ONLINE nominiert zu werden: Der deutsche Profi muss in einer ersten Liga im Ausland spielen.

Diese Deutschen spielten 2014 im Ausland
Als Broich landet, tingelt er zunächst über den Kontinent. Broich, der Tourist. Sechs Wochen lang reist er umher, will mental ankommen. "Es ist extrem wichtig, nicht nur ein paar Stunden an den Orten zu sein, sondern sich Zeit zu nehmen für die Atmosphäre im Land und das ganz bewusst aufzusaugen", sagt er. Der einstige Bundesligaprofi steht am Ayers Rock, am Opernhaus von Sydney, an romantischen Hippie-Stränden.

Heute hat Thomas Broich die Freiheit, an einem fußballfreien Tag mit Freunden an den Strand zu fahren oder ungestört ein paar Kängurus zu beobachten. "Für mich ist das Leben in Australien viel entspannter. Die Medienpräsenz ist nicht so hoch wie in Deutschland. Das Leben für einen Fußballer ist hier um einiges einfacher", sagt er. Broich lacht, macht Scherze. Dann wird er ernst: "Hier in Australien darf man auch mal ein Spiel verlieren, ohne dass jeder gleich böse auf einen ist und keiner beleidigt dich danach auf der Straße." Sätze aus dem Fußball-Paradies.

Beliebteste Auslandsstationen deutscher Profis

Land Anzahl
Großbritannien 13
Niederlande 13
Türkei 12
Österreich 11
Italien 7
Spanien 5
Russland 4
Dänemark 3
USA 3
Neuseeland 3
Sonstige 19
Drei Meistertitel hat der Mittelfeldspieler inzwischen mit Brisbane Roar gewonnen, den letzten dank einer dramatischen Entscheidung in letzter Minute. Der einstige U21-Nationalspieler ist Leistungsträger seines Teams und Idol für junge Australier. Der Fußball boomt derzeit, Broich trägt dazu bei. Wenn er mit Brisbane zu einem Auswärtsspiel reist, sieht er kickende Jugendliche und volle Stadien. "Eines Tages, da bin ich mir sicher, wird Fußball die Sportart Nummer eins in Australien sein." Er selbst will diese Entwicklung noch lange vorantreiben. Vielleicht als Sportdirektor oder Jugendtrainer. "Time will tell", sagt er, und klingt dabei ganz relaxed.

Der Fußball-Weltenbummler aus Deutschland ist im Schnitt 25,6 Jahre alt und hat einen Marktwert von 2,7 Millionen Euro. Die teuerste Fußball-Fachkraft kickt in England: Mesut Özil (25, Arsenal London) hat einen Marktwert von 50 Millionen Euro. Dahinter rangiert Lukas Podolski (28, Arsenal London, 23 Mio. Euro). Den dritten Platz teilen sich Mario Gomez (28, AC Florenz) und Sami Khedira (27, Real Madrid) mit jeweils 22 Millionen Euro Marktwert. Doch hinter den größten Summen stecken nicht immer besondere Geschichten. Die spielen sich oft im Fußball-Outback ab. Dort, wo Kultur und Natur für nicht so hoch dotierte Verträge entschädigen.

Hendrik Helmke, links: Aus Lübeck in die weite Welt
imago

Hendrik Helmke, links: Aus Lübeck in die weite Welt

Der Entdecker

Hendrik Helmke spielt beim nördlichsten Erstligisten der Welt.

Im Moment überlegt Hendrik Helmke noch, ob er sich die WM in Brasilien antut. Ein Teil seiner Familie lebt in Salvador, dort, wo Deutschland am 16. Juni gegen Portugal spielt. Helmke, Fußballprofi, Deutsch-Brasilianer, könnte sich vorstellen, als Zuschauer ins Gastgeberland zu reisen. "Allerdings muss ich entscheiden, ob es sich lohnt. Wir haben im Sommer nur eine zweiwöchige Pause", sagt Helmke.

Wir, das ist der finnische Klub FF Jaro, bei dem Helmke seit April 2014 unter Vertrag steht. Es ist das vorerst letzte Abenteuer des 26-Jährigen, der 2010 mit Anfang zwanzig aus den Niederungen des deutschen Fußballs zu einer ganz besonderen Odyssee aufbrach. Vom damaligen Regionalligisten VfB Lübeck startete er nach Finnland zum IFK Marienhamn und wurde gleich in seiner ersten Saison von den Medien zu einem der besten Ausländer der Saison gewählt. Aber "in Finnland ist Eishockey immer ein wenig beliebter als Fußball", erzählt der Mittelfeldspieler. Er reiste weiter, diesmal auf die malaysische Touristeninsel Borneo. Sein neuer Klub: Sabah FA.

Positionen der deutschen Auslandsprofis

Tor Abwehr Mittelfeld Angriff
8 30 36 19
"Die Stadien sind riesig und es kommt schon vor, dass im Pokalfinale vor knapp 80.000 Zuschauern gespielt wird", berichtet Helmke. Es sei alles sehr professionell dort, aber das sportliche Niveau begrenzt. Helmke wollte nach Europa zurück und zeigen, was er gelernt hatte: "Ich habe meine Spielweise sehr verändert, als junger Spieler war ich eher ein 'Schönspieler'." Sein nächstes Abenteuer: Tromsö IL in Norwegen. Helmke unterschrieb beim nördlichsten Erstligisten der Welt, wo Fußball mit langen Unterhosen und unter Polarlichtern gespielt wird. "Die langen Winternächte haben mir sehr zu schaffen gemacht", sagt er. "Zumal noch meist völlig unberechenbares Wetter hinzukam - mit Schneefall, starkem Regen und Hagel sowie starkem, kalten Wind."

Dafür gab es genügend Höhepunkte auf dem Platz. Helmke, harter Schuss und feine Technik, spielte mit Tromsö IL in der Europa League gegen Besiktas vor 40.000 Zuschauern in Istanbul oder gegen den englischen Topklub Tottenham Hotspur. In der Liga stieg Tromsö IL ab, zu kräfteraubend sei die Saison mit der Doppelbelastung gewesen, so Helmke.

Wer ins Ausland wechselt, kann auch schnell in Vergessenheit geraten. Prominente Beispiele sind die Ex-Nationalspieler Serdar Tasci (26, Spartak Moskau) und Kevin Kuranyi (32, Dynamo Moskau). Auch einem deutschen Talent drohte das Abstellgleis. Aber er hat sich zurückgekämpft. Seine große Rettung war Portugal.

Der Ambitionierte

Wie Patrick Bauer in Portugal zum Fußballprofi reifte.

Patrick Bauer: Mit 19 weg aus der Heimat
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Patrick Bauer: Mit 19 weg aus der Heimat

Als Patrick Bauer zwölf Jahre alt war, ging er zum VfB Stuttgart. Er hatte Talent und spielte robust, der Verteidiger wurde in die Junioren-Nationalmannschaft berufen und B-Juniorenmeister. Bundesliga-Profi? Ein realistisches Ziel. 2011 unterschrieb Bauer zusammen mit Bernd Leno (heute Bayer Leverkusen), seinen ersten Profivertrag, wenige Wochen später debütierte er im DFB-Pokal gegen den SV Wehen Wiesbaden.

Dann plötzlich stockte die Karriere, die Einsatzzeiten in Stuttgart gingen dramatisch zurück, das erste Tief der Profilaufbahn. Mit 19 Jahren.

Seit Sommer 2012 kickt Patrick Bauer für CS Marítimo. Erst Leihe, dann Transfer mit Vertrag: Bauer hat sich durchgebissen, auch wenn es "nur" die Blumeninsel Madeira ist. "Mit 19 Jahren bin ich schon nach Portugal gewechselt. Anfangs war es schon fremd, sagt der Abwehrspieler. Die Mentalität im Süden, wo alles etwas lockerer sei. Die neue Sprache, weg von Familie und von Freunden. "Ich bin erwachsen geworden", sagt Bauer, "und bestimme mein Leben für den Sport und den Beruf selbst."

Auch sportlich geht es vorwärts: Sein letztes Spiel für die Reserve von Madeira-Klub CS Marítimo bestritt er am 4. Januar des Jahres. Seitdem gehört er zum Kader des Erstligateams, absolvierte die letzten elf Partien von Beginn an, darunter gegen Porto und gegen Sporting Lissabon. Ob er Ambitionen hat, nach Deutschland zurückzukehren? Allen zeigen, dass er auch hier ganz oben mithalten kann? Bauer, heute 21, weicht dieser Frage geschickt aus: "Im Moment zählt nur Marítimo Funchal. Das Lernen von Sprache und Spielsystem und das Durchsetzen in der ersten portugiesischen Liga."



insgesamt 4 Beiträge
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wanderarbeiter 03.06.2014
1. Immer nur Fussball
Der Artikel ist sicher ebenso interessant wie die Anekdötchen aus dem DFB Trainingslager aber muss es immer nur Fussbal sein? Es gibt so viel anderen Sport in diese Welt, nur leider nicht in den Medien und zur WM schon 3-mal nicht. Schade!
PeterLublewski 03.06.2014
2. Dien Bien Phu
Die deutschen Legionäre - diese Ausdrucksweise kam wohl auf, als Helmut Haller und Kar-Heinz Schnellinger nach Italien gingen. Oder sind die deutschen Fremdenlegionäre in der Festung Dien Bien Phu gemeint?
rode2009 03.06.2014
3. optional
#wanderarbeiter: Ich verstehe Ihre Aufregung nicht! Warum lesen Sie dann diese Beiträge, wenn´s eh nicht passt?
risc 03.06.2014
4. Immer wieder lustig
"Die teuerste Fußball-Fachkraft kickt in England: Mesut Özil (25, Arsenal London) hat einen Marktwert von 50 Millionen Euro."
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