Deutschland in der Einzelkritik Die Idee mit Leroy Sané ging völlig schief

Leon Goretzka war der große Gewinner des EM-Spiels gegen Ungarn. Aber es gab auch Enttäuschungen im DFB-Team: Leroy Sané gehört dazu, und auch Bundestrainer Joachim Löw, der die Idee mit dem Flügelstürmer hatte.
Aus München berichtet Marcus Krämer
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Manuel Neuer, Torwart: Was für eine frustrierende erste Hälfte für den Kapitän. Einen harmlosen Schuss durfte Neuer parieren, ansonsten durfte er ein wenig beim Spielaufbau helfen. Neuer stand buchstäblich im Regen, denn beim einzig wirklich gefährlichen Angriff der Ungarn stimmte die Zuordnung bei seinen Vorderleuten nicht und Ádám Szalai traf unhaltbar per Kopf (11. Minute). In der zweiten Hälfte kassierte Neuer gegen ansonsten total harmlose Ungarn sogar noch einen zweiten Gegentreffer – wieder stimmte die Zuordnung in seiner Hintermannschaft nicht.

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Matthias Ginter, Abwehr (bis 82.): Wenn Ginter das Spiel machen muss, läuft im deutschen Spiel etwas falsch. Doch im ersten Durchgang war es so, Kimmich war zugestellt, die linke Seite völlig außen vor, also musste Ginter aufbauen. Er tat es, indem er flankte. Immer und immer wieder, und stets erfolglos. Mit etwas Glück hätte Ginter ein Tor erzielen können, doch Ungarns Torhüter Gulasci hielt seinen Dropkick aus sechs Metern sicher (22.). Nach der Pause rückte er in der neu gebildeten Viererkette auf die rechte Seite, besser wurde es dadurch nicht.

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Kevin Volland, Angriff (ab 82.): Er kam, sah und durfte beim 2:2 mitjubeln.

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Mats Hummels, Abwehr: Die Anfangsphase wurde vom Abwehrchef bestimmt. Erst ein abgelaufener Konter, dann ein starker Pass in den Lauf von Kimmich und auch die erste Unsicherheit ging auf Hummels' Konto. Beim Gegentor sah der Dortmunder richtig schlecht aus, in der 21. Minute gab er mit seinem Lattenkopfball ein Signal für die deutsche Offensive. Doch dann kam der Platzregen, und das Signal war keines mehr. Vor dem Spiel ging es um die deutschen Standardsituationen, und Hummels hatte die Hoffnung geäußert, mehr Gefahr hereinbringen zu können. Mit seinem Assist zum 1:1 sollte er recht behalten, auch wenn Gulacsi kräftig mithalf.

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Antonio Rüdiger, Abwehr: Dem dritten Innenverteidiger kann man wenig vorwerfen. Rüdiger wurde defensiv wenig gefordert, und auch im Spielaufbau kam ihm keine wichtige Rolle zu.

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Joshua Kimmich, Abwehr/Mittelfeld: Der Rechtsverteidiger machte früh Bekanntschaft mit Gegenspieler Attila Fiola, beziehungsweise mit dessen Zweikampfhärte. Es gehörte zur ungarischen Strategie, einzuschüchtern. Kimmich sollte das Spiel von seiner rechten Seite wieder mitbestimmen, doch Fiola war immer bei ihm und wenn Kimmich im Eins-gegen-eins an einem Spieler vorbeiwill, stößt er an seine Grenzen. Die Umstellung auf Viererkette ergab allein schon Sinn, um Kimmich mehr ins Spiel zu bringen. Das gelang durchaus, Kimmich hatte mehr Ballbesitzanteile, allein es gelangen ihm zu selten kreative Momente.

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Toni Kroos, Mittelfeld: Auf Spieler wie Kroos kommt es gegen so tief stehende und auf Konter lauernde Mannschaften besonders an. Er kann das Passtempo hochhalten, sieht Lücken, kann hinter die Kette spielen. Doch Kroos tat sich schwer, auch weil im Angriff zu wenig Bewegung war. In der zweiten Hälfte wurde das Spiel nicht viel besser, Kroos zeigte immerhin einmal, wie es viel häufiger hätte laufen müssen. Er drang in den Strafraum ein, spielte Doppelpass mit Gosens und verfehlte mit dem Schuss

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Ilkay Gündoğan, Mittelfeld (bis 58.): Ein ungewohnt fahriger Auftritt des in dieser Saison bei Manchester City so torgefährlichen Mittelfeldspieler. Ungenaue Pässe, Fehler in der Ballannahme, Gündoğan war kein Faktor im deutschen Offensivspiel. Er durfte zwar noch zur zweiten Hälfte rauskommen, aber seine Auswechslung war überfällig.

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Leon Goretzka, Mittelfeld (ab 58.): Der Münchner hätte nach überstandener Verletzung gerne in der Startelf gestanden, immerhin gab es nach Müllers Verletzung eine vakante Position. Goretzkas Mimik beim Warmmachen ließ die Deutung zu, dass er über seinen Bankplatz nicht glücklich war. Er wurde für Gündoğan eingewechselt und sollte mehr Dynamik ins Offensivspiel bringen, mit einem Kopfball hätte er tatsächlich fast das 2:2 erzielt. Wenig später war es dann so weit, mit einem Schuss aus 14 Metern sicherte er das Weiterkommen.

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Robin Gosens, Abwehr/Mittelfeld (bis 82.): Der neue Fan-Liebling der Nationalmannschaft sollte das Spiel wieder breit machen. Er stand an der linken Auslinie, beharrlich bereit, den Sprint hinter die Kette der Ungarn zu starten. Doch zu mehr als einer Andeutung kam es nicht, Gosens wurde völlig ignoriert. In der zweiten Hälfte bekam der 26-Jährige häufiger den Ball, doch an diesem Abend fehlte ihm die Leichtigkeit aus dem Spiel gegen Portugal.

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Jamal Musiala, Mittelfeld (ab 82.): Erstmals stand der Jüngste in Löws Mannschaft im Spieltagskader. Er bringt mit seinen Fähigkeiten im Dribbling Dinge mit, die sonst niemand im Team hat. Musiala leitete den Angriff zum 2:2 ein, schon allein deshalb hat sich die Einwechslung gelohnt.

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Leory Sané, Angriff: Es ist eine undankbare Aufgabe, als Vertreter für Frohnatur und Raumdeuter Thomas Müller in ein Spiel zu kommen. Der Bundestrainer entschied sich für Sané, in vielen Bereichen der Gegenentwurf zu Müller. Löw erhoffte sich von Sané Schnelligkeit, tiefe Läufe, Dribbling. Er bekam: wenig. Nach der Pause bekam der Münchner eine neue Rolle zugewiesen, er sollte als Außenstürmer die rechte Seite beleben. Auch das gelang nicht, stattdessen hätte er in der Rückwärtsverteidigung fast einen Handelfmeter verursacht (61). Auch beim 1:2 durch Schäfer war er beteiligt, die Verteidigung ist einfach nicht Sanés Kernkompetenz.

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Kai Havertz, Angriff (bis 67.): Wenn es kurz vor der Pause, als das Unwetter langsam an Kraft verloren hatte, noch einen Beweis gebraucht hätte, wie einfallslos und uninspiriert das deutsche Spiel war, lieferte ihn Havertz. Zweimal kam der Champions-League-Sieger zum Abschluss, der erste Versuch wurde geblockt, und der zweite war so schwach geschossen, wie man es ansonsten nur in deutschen Kreisligen sieht. Als Havertz aus kurzer Distanz zum Ausgleich abstaubte, schien die Wende eingeleitet, direkt danach ging er vom Platz.

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Timo Werner, Angriff (ab 67.): In diesem Spiel mit diesen tief stehenden Ungarn fand Werner nach seiner Einwechslung nicht die Räume, die er gebraucht hätte. Er stand zu selten in vorderster Front, bot sich häufig etwas höher an. War an der Entstehung des 2:2-Ausgleichs beteiligt.

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Serge Gnabry, Angriff (bis 67.): Es ist noch nicht die EM des Serge Gnabry. Der Stürmer läuft viel, bietet sich an, aber wenn er dann am Ball ist, fehlen oft die klaren Aktionen. So war es gegen die Ungarn auch.

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Thomas Müller, Angriff (ab 67.): Bei normalem Spielverlauf hätte Müller vermutlich nicht gespielt. Löw hatte ihn für den Notfall auf die Bank gesetzt – und dieser regnerische Abend in Müllers Wohnzimmer wurde zum Notfall. Er tummelte sich viel im Mittelfeld, bot sich häufig an und versuchte, mit Gesten und Ansagen das Spiel zu beschleunigen. Es gelang ihm nicht.

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Joachim Löw: Der Bundestrainer hat schon viel erlebt. An diesem Abend dürfte er noch mal um Jahre gealtert sein. Er hatte mit einem engen Spiel gerechnet. Dass es so eng werden würde, scheint ihn überrascht zu haben. Löws Idee, für Müller Sané zu bringen, ging völlig daneben. Auch sonst konnte er seiner Mannschaft nicht vermitteln, wie solche Gegner auseinandergespielt werden können. Es war ein erschreckend schwacher Auftritt seiner Mannschaft. Die EM ist noch nicht beendet, aber im Achtelfinale muss eine deutliche Steigerung her.

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