Deutsche Nationalelf Hitzlsperger sagt Ballack den Kampf an

Wettstreit um die Stammplätze in der Nationalelf: Bundestrainer Löw will im Testspiel gegen Belgien einen sanften Generationswechsel einleiten. Das beflügelt vor allem Thomas Hitzlsperger - erstaunlich nassforsch bekennt er, dass er Michael Ballack und Torsten Frings verdrängen möchte.

Von , Nürnberg


Die Region um Nürnberg erwartet an diesem Mittwoch Tageshöchsttemperaturen von 21 Grad. Das Baden in einem der fränkischen Seen ist da abends um 21 Uhr nur mit mitgebrachtem Neoprenanzug zu empfehlen. Ist es also doch die Konkurrenz durch Olympia, die beim Spiel gegen Belgien (21 Uhr, Liveticker auf SPIEGEL ONLINE) für leere Sitzreihen im Nürnberger Stadion sorgen dürfte? Vor Ort wird das vermutet.

DFB-Kollegen Ballack (l.) und Hitzlsperger: Daneben oder stattdessen?
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DFB-Kollegen Ballack (l.) und Hitzlsperger: Daneben oder stattdessen?

Vor dem ersten Testspiel nach der Europameisterschaft sind erst 30.000 Tickets verkauft. Beim Ligadebüt gegen Augsburg hatte der heimische 1. FC Nürnberg mehr Zuschauer. Noch geringer ist das Interesse allerdings in Belgien: Dort wird das Spiel nicht einmal live übertragen. Deshalb sah sich DFB-Pressesprecher Harald Stenger auch genötigt, die lokalen Medien um Werbung für das Spiel zu bitten: "Es gibt noch Karten in fast allen Preisklassen."

Der Gegner, so viel steht fest, dürfte die Kurzentschlossenen wohl kaum an die Kassenhäuschen treiben. Viele der jüngeren belgischen Spieler seien bei Olympia, sagte Löw nach den obligatorischen Lobesworten, die man als wohlerzogener Mensch auch an Malta oder Liechtenstein richten würde. "Ältere, erfahrenere Spieler" träten dafür in Nürnberg an. Darunter die aktuellen und ehemaligen Bundesliga-Legionäre Bart Goor, Filip Daems (Borussia Mönchengladbach) und Emile Mpenza sowie der Promi des Teams, Daniel van Buyten vom FC Bayern München.

Für Löw, der seinen Spielern auch gar nicht viel über den Gegner erzählt haben will, ein willkommener Anlass, um die gewünschte Codierung des eigenen Spiels auszuprobieren: "Mit viel Schwung" wolle man auftreten, "dominieren", sich "nicht nach dem Gegner richten". Und ganz nebenbei eine Mannschaft auflaufen lassen, die den anvisierten sanften Generationswechsel einleitet: "Es drängen junge Spieler nach, die bei uns peu à peu den Schritt gemacht haben", sagte Löw.

In der Tat dürften für die verletzten Per Mertesacker, Torsten Frings und Michael Ballack sowie für den zurückgetretenen Jens Lehmann durchweg jüngere Kräfte auflaufen. Schalkes Heiko Westermann ist in der Innenverteidigung gesetzt, neben ihm wird - deutet man die zögerlichen Kommentare zu Christoph Metzelder richtig - der Stuttgarter Serdar Tasci zum Einsatz kommen. Nicht nur, um zu verhindern, dass einem der türkische Verband das Talent vor der Nase wegschnappt, was mit dem ersten Einsatz im Adler-Jersey vereitelt wäre. Sondern, weil der 21-Jährige mit seiner "hervorragenden Spielauslösung" bestens ins Anforderungsprofil für einen modernen Innenverteidiger passe, sagte Löw.

Im Mittelfeld ist Bastian Schweinsteiger auf der Halbposition gesetzt, links dürfte Lukas Podolski, dessen Flexibilität Löw pries, eher zum Zuge kommen als Piotr Trochwoski (Löw: "muss jetzt angreifen, zeigen, dass er unbedingt spielen will"). Zentral, so viel steht fest, spielt Simon Rolfes hinter Thomas Hitzlsperger, der sich für seine Verhältnisse geradezu nassforsch über seine Zukunft äußerte. Die EM sei für ihn "durchaus positiv" verlaufen, so der frisch gebackene Stuttgarter Kapitän, nun wolle er den nächsten Schritt machen und perspektivisch Torsten Frings und Michael Ballack, von denen er viel gelernt habe, als Stammspieler beerben: "Mit ihnen haben wir zwei starke Spieler, die es zu verdrängen gilt."

Im Sturm könnte das Duo Miroslav Klose/Mario Gomez von Beginn an zum Einsatz kommen. Denkbar allerdings auch, dass Klose zunächst einmal Kuranyi Platz machen muss. Dem Münchner attestierte Löw nach seinem schwachen Spiel gegen Hamburg zum Bundesliga-Auftakt, er müsse "vor dem Tor einen Schuss egoistischer werden".

Taktische Experimente verbieten sich hier: Da alle seine Sturmkandidaten ihre Stärken im Zentrum hätten, werde er vorerst nicht vom 4-4-2 abrücken, so Löw.

Dass andere Mannschaften bei der EM bereits von diesem vergleichsweise starren Spielsystem abkehrten - die meisten Teams spielten mit nur einer nominellen Spitze vor einer oder zwei hängenden Offensivkräften - ist Löw natürlich nicht entgangen. Er weiß auch, dass die deutsche Innenverteidigung mit den munteren Rochaden, die beispielsweise die Spanier vollführten, zuweilen arg überfordert wirkte.

Die Innenverteidiger stehen also neben Torhüter Robert Enke (Hannover 96) unter besonderer Beobachtung. Enke, Tasci und Westermann dürfte deshalb an einem offensiv starken, abschlussfreudigen Gegner gelegen sein, um einen guten Eindruck für die Zukunft zu hinterlassen. Ob die Belgier ihnen den Gefallen tun, wird sich zeigen. Zu wünschen wäre es ihnen. Denn im nächsten Spiel geht es gegen Liechtenstein.



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