Jan Göbel

Debatte über WM-Gastgeber Katar Botschaft ohne Mut

Jan Göbel
Ein Kommentar von Jan Göbel
Die deutschen Fußballer haben sich mit T-Shirts für Menschenrechte eingesetzt – ohne sich dabei mit dem kommenden WM-Gastgeber Katar anzulegen. So bleibt von einer eigentlich vernünftigen Aktion kaum etwas übrig.
Humanrights: Ganz links Leroy Sané, rechts Manuel Neuer

Humanrights: Ganz links Leroy Sané, rechts Manuel Neuer

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Tobias Schwarz / dpa

Sie trugen schwarze T-Shirts, jedes mit einem weißen Buchstaben versehen, »Humanrights« lautete die Botschaft. Die deutschen Fußballer haben vor dem ersten WM-Qualifikationsspiel für Katar ein Zeichen für Menschenrechte gesetzt. Es ist sehr selten im Profifußball, dass Mannschaften über die inszenierten Verbandskampagnen gegen Unterdrückung oder Diskriminierung aktiv werden, dass sie mal aus Eigeninitiative auf Missstände in der Welt hinweisen. Es handelt sich hier also um eine Aktion, die man vollumfänglich gut finden könnte.

Trotzdem gab es schnell Kritik. Doppelmoral. Ohne WM-Boykott ist das wertlos. Oder: Das nimmt euch niemand ab. So lautete der Tenor in den sozialen Netzwerken. Man muss diese Aufregung nicht teilen, aber eine Frage stellt sich schon: Warum wird die Aktion des DFB fast verspottet, während einen Tag zuvor eine ähnliche der norwegischen Nationalmannschaft noch als mutiger Vorgang gefeiert wird? Warum berührt das T-Shirt-Statement uns nicht?

»Von Katar selbst war zumindest auf den T-Shirts nichts zu lesen. Der Rahmen war genau festgelegt, kein Wort zu viel, nur das Nötigste. Das wirkt inszeniert, und deshalb berührt es nicht.«

Rund um die Baustellen für die WM 2022 sind Tausende Gastarbeiter gestorben, das hat der englische »Guardian« kürzlich berichtet. Damit kann man nicht einverstanden sein, und in Norwegen gibt es seit dieser jüngsten Nachricht eine immer lauter werdende Boykott-Bewegung, die inzwischen auch die Nationalelf erreicht hat. Gerahmt in diese Diskussionen wurden nun die norwegischen Nationalspieler laut mit einem eigenen Statement.

Anders liegt der Fall im deutschen Fußball. Die Öffentlichkeit mag mit der WM in Katar nicht einverstanden sein (Lesen Sie hier mehr dazu). Vom deutschen Profifußball hat man bisher aber kaum ein Zeichen vernommen, dass er Bedenken bezüglich der WM in Katar hat. Zumindest gibt es unter Einflussträgern keine ernsthafte Auseinandersetzung zur Frage, ob man die WM boykottieren sollte, oder was Alternativen wären.

Das war eine Konsens-Erklärung, mehr nicht

Die T-Shirt-Aktion mag da wie ein kleiner Gruß in den Wüstenstaat gewirkt haben: Hey, wir haben das Thema auch auf der Agenda. Allein: Die Aktion war so vorsichtig wie nur möglich. Sie nahm zunächst überhaupt keinen direkten Bezug zum nächsten WM-Gastgeber. Von Katar selbst war zumindest auf den T-Shirts nichts zu lesen. Der Rahmen war genau festgelegt, kein Wort zu viel, nur das Nötigste. Das wirkt inszeniert, und deshalb berührt die Aktion nicht.

Leon Goretzka, der sich schon häufig gesellschaftlich geäußert hat, stand nach dem Spiel bei RTL zum Interview. Auf Nachfrage, was die Botschaft gewesen ist, sagte er: »Wir haben die WM vor uns, darüber wird immer wieder diskutiert, wir möchten der Gesellschaft klar sagen, dass wir das nicht ignorieren.« Katar nannte er dabei nicht explizit. Er umschiffte das Thema, Goretzka ist ein Spieler, der eigentlich nicht um klare Worte verlegen ist. Und das verstärkt den Eindruck einer Aktion, die nett gemeint war, aber keinen Konflikt mit Katar zu Folge haben sollte.

Für Goretzka wäre ein solcher Konflikt vielleicht nicht folgenlos geblieben: Er spielt beim FC Bayern, der seit 2011 enge geschäftliche Beziehungen pflegt. Qatar Airways, die staatliche Fluggesellschaft des Emirats, ist seit 2018 Ärmelsponsor des Klubs.

Goretzka und die anderen deutschen Spieler (fünf Bayern-Profis standen in der Startelf) haben mit ihrer Aktion nichts riskiert. Sie ist nicht vergleichbar mit den Protesten der Black-Lives-Matter-Bewegung, bei der auch mal einzelne Sportler T-Shirts gegen Gewalt gegen Schwarze und People of Color tragen und laut werden. Der Kniefall von des US-Footballers Colin Kaerpernick wurde als Symbol so berühmt und kräftig, weil er das aus vollster Überzeugung getan hat. Es gab keine Gewissheit, wie wohl die Reaktionen ausfallen werden. Sie fielen unter Entscheidungsträgern überwiegend schlecht aus. Kaepernick hat damals seine Karriere aufs Spiel gesetzt, und er hat danach keinen Verein mehr gefunden.

Die DFB-Kicker aber haben eine Konsens-Erklärung abgegeben: Wir sind für Menschenrechte. Ende der Botschaft. Sie ist vernünftig und jeder trägt sie mit. Nur mutig ist sie nicht.

Von dieser Botschaft wird nur etwas bleiben, wenn man sie nun mit Leben füllt, wenn man sich an ihr messen lässt. Wenn man die Menschenrechtsverletzungen beim kommenden WM-Gastgeber mal konkret anspricht – und sich im Verein auch mal kritisch mit Sponsoren wie Qatar Airways auseinandersetzt. Das tun Spieler womöglich bereits, aber dann im stillen Kämmerlein.

Fest steht aber auch, dass es nicht allein die Spieler sein können, die die Verantwortung tragen. Dass heute Großturniere in Ländern wie Katar stattfinden, ist eine Entscheidung der Verbände gewesen. Nicht die der Spieler. Aber die Athleten sind wahrscheinlich am ehesten in der Lage, etwas zu verändern. Das zeigen Beispiele aus anderen Sportarten.

Kellers Worte, keine Folgen

Denn die Verbände tun das eher nicht. Im November 2019 hatte sich der damals neue DFB-Präsident Fritz Keller mit großen Worten gesellschaftlich positioniert. Die Nationalmannschaft werde künftig bei der Auswahl von Länderspielreisen stärker die politische und gesellschaftliche Lage im Gastgeberland berücksichtigen, kündigte Keller in einem Gastbeitrag der »Welt« an. In jenem Text aber machte Keller so viele Einschränkungen, dass danach einzig Auswärtsspiele in Iran und Saudi-Arabien nicht mehr zur Debatte gestanden haben. Zuletzt bestritt die deutsche Nationalmannschaft der Männer allerdings im Jahr 2004 ein Auswärtsspiel in Iran. Für Keller war es also ein Gedankenspiel ohne große Folgen.

Große Inszenierungen können sie beim DFB – und so ist die T-Shirt-Aktion als Fortsetzung in der zaghaften Auseinandersetzung mit Katar zu betrachten.

Politische Themen schob der DFB bisher gern beiseite, bei einer Trainingseinheit der Nationalmannschaft im Hamburger Millerntorstadion 2014 ließ der Verband das Banner »Kein Fußball den Faschisten« neutralisieren. Plötzlich stand dort nur noch »Kein Fußball«, es ist mindestens kurios, dass dem DFB diese Botschaft besser gefallen hat.

Es gibt auch viele Fans, die den Fußball nicht als Bühne politischer Botschaften verstanden haben möchten. Aber spätestens mit der Katar-WM liegt der Fall anders. Es gibt laut SPIEGEL-Umfrage eine überwältigende Mehrheit, die Spiele in Katar ablehnt. Diese Stimmung kann der DFB nicht ausblenden wie eine unliebsame Botschaft auf einem Banner. Er muss sich mit ihr beschäftigen. Es wird jetzt wirklich Zeit.

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