DFB-Präsentation des neuen Bundestrainers Flick, der Baumeister

Auf der Baustelle DFB soll er es richten: Ein gut erholt wirkender und auf seine neue Aufgabe brennender Hansi Flick stellte sich als Bundestrainer vor. Der Erwartungsdruck ist gewaltig.
Aus Frankfurt am Main berichtet Peter Ahrens
Hans-Dieter Flick soll dem DFB bessere Zeiten bringen

Hans-Dieter Flick soll dem DFB bessere Zeiten bringen

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Peter Kneffel / dpa

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Der DFB macht es einem derzeit aber auch zu leicht. So lud der Verband zur ersten Pressekonferenz der Saison auf die Baustelle des DFB-Campus nach Frankfurt ein, und man musste schon komplett hartleibig sein, diese Steilvorlage nicht aufzunehmen und zu verwandeln.

Schließlich war der Verband in den vergangenen Monaten vornehmlich mit Abrissarbeiten beschäftigt: Der DFB steht zurzeit ohne Präsidenten da, auch der Generalsekretär und die Medienchefin sind weg, allesamt zerrieben von einem über Monate währenden Ränkespiel. Die EM hat zudem nachgewiesen, wie weit die Nationalmannschaft aktuell von der Weltspitze entfernt ist.

Mehr Baustelle ist kaum denkbar.

Umso mehr sind alle Augen auf den neuen Bundestrainer gerichtet, der am Dienstag seinen ersten Auftritt vor den Medien hatte. Während um ihn herum auf dem Campusgelände noch nichts so aussieht, als könne man in absehbarer Zeit einziehen, steht Hans-Dieter Flick von Beginn an unter Zeitdruck. Und das ist dem 56-Jährigen auch klar: »Wir brauchen eigentlich Zeit, aber wir haben nicht viel Zeit«, umreißt er das Dilemma seiner Aufgabe. Alle Welt erwartet viel von ihm, dem Champions-League-Sieger mit den Bayern, und das am besten sofort.

Mit Bugwelle zum DFB

Flick ist mit einer gewaltigen Bugwelle beim DFB eingetroffen. Interimsboss Peter Peters und Manager Oliver Bierhoff überschlugen sich bei der Vorstellung mit den Formulierungen »Wunschkandidat«, »überglücklich« und »erste Wahl«. Flick, der die Strukturen des DFB so gut kennt, weil er jahrelang hier tätig war, und der gleichzeitig auf höchstem Niveau im Vereinsfußball in kurzer Zeit die größten Erfolge feierte – es ist vor allem diese Kombination, die Flick beim DFB so offene Türen einrennen lässt. Es ist klar: Der Verband rechnet damit, dass er den deutschen Fußball wieder nach ganz oben führen kann. Und das ist auch der Anspruch.

»Die besten Fußballer Deutschlands sollen auch für Deutschland spielen«, sagt Flick und gibt damit auch eine Richtung vor: Diskussionen, ob der eine oder andere Spieler in die Mannschaft passt oder nicht, werden künftig zurückgestellt. Die Leistung zählt, nicht ob jemand zu alt, zu jung ist, nicht welche Verdienste er bisher hatte. Das ist ein durchaus neuer Zungenschlag im Vergleich zu seinem Vorgänger Joachim Löw.

Mario Götze und Marco Reus sprach Flick namentlich an, beide können demnach wohl berechtigte Hoffnungen haben, in die DFB-Elf zurückzukehren. Mats Hummels und Thomas Müller sollten, »wenn sie im Verein ihre Leistung bringen« ebenfalls weiter zum engeren Kreis gehören.

Flick in Weiß, Trainerteam in Schwarz

Flick in Weiß, Trainerteam in Schwarz

Foto: Thomas Boecker / dpa

Zum engeren Kreis beim DFB gehören neuerdings auch die von Flick auserkorenen Assistenten Danny Röhl und Andreas Kronenberg. Der eine als hochbegabter Taktiktüftler bei den Bayern Flick aus gemeinsamer Arbeit bestens bekannt, der andere als langjähriger Torwarttrainer in Freiburg mit Meriten ausgestattet. Auch Weltmeister Benedikt Höwedes soll als Trainee langsam an höhere Aufgaben herangeführt werden. Mit dem deutsch-dänischen Standard-Spezialisten Mads Buttgereit hat er zudem einen an seiner Seite, der die zuletzt eklatanten Schwächen bei Freistößen und Eckbällen aktiv angehen soll. »Da ist sicher noch viel Luft nach oben«, drückte sich Buttgereit als höflicher Mensch noch diskret aus.

Der Tiger ist auch mit von der Partie

Und noch einen alten Bekannten will Flick in seinem Umfeld wissen: Der gute, alte Hermann Gerland, der »Tiger«, bei den Bayern nicht mehr wohlgelitten, soll sich für Flick um Scoutingaufgaben kümmern.

Thomas Schneider und Andreas Köpke, jahrelang Teil des Trainerstabs von Löw, gehören nicht mehr dazu, beide wurden am Dienstag keiner großen Erwähnung mehr gewürdigt. Das Signal ist klar: Man will nach vorn blicken, nichts mehr zu tun haben mit der schmucklosen Vergangenheit der vergangenen Jahre. Peter Peters, einer, der als langjähriges Präsidiumsmitglied eigentlich für die Vergangenheit beim DFB steht, sprach mehrmals von der »Aufbruchstimmung«, davon, dass man jetzt »die Menschen wieder erreichen« wolle: »Der Verband braucht seine Ehre zurück.«

Die verlorene Ehre des Deutschen Fußball-Verbandes – Flick will sie mit einer »All-in-Mentalität« wiederherstellen, wie er es nannte: »Jeder muss alles geben, um als Sieger vom Platz zu gehen.« Der 56-Jährige wirkte insgesamt nicht nur gut erholt nach seinem von Misstönen begleiteten Abgang bei den Bayern, auch sehr ausgerichtet auf die neue Aufgabe.

Nur einen kleinen Seitenhieb auf seine Münchner Zeit konnte er sich dann doch nicht verkneifen: Auf die Frage, was denn die größten Unterschiede zwischen Bundes- und Vereinstrainer seien, sagte Flick leicht lächelnd: »Als Bundestrainer kann man sich die Spieler selbst aussuchen, das ist schon ein Vorteil.«

Ein kleiner Gruß aus Frankfurt an die Transferpolitik von Bayerns Sportdirektor Hasan Salihamidžić. Von Baustelle zu Baustelle.

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