Pressestimmen zu Hertha-Urteil "So aber gibt es nur Verlierer"

Die deutsche Presse kritisiert heftig das Urteil des DFB-Sportgerichts, das Spiel zwischen Hertha BSC und Fortuna Düsseldorf nicht zu wiederholen: "Ein fatales Signal" und "seltsam ängstlich" sei die Entscheidung der Richter.

Fortuna-Fans stürmten mit Bengalos noch vor Abpfiff das Spielfeld in Düsseldorf
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Fortuna-Fans stürmten mit Bengalos noch vor Abpfiff das Spielfeld in Düsseldorf


Hamburg - Sie waren über die Balustraden geklettert, über das Spielfeld gerannt und hatten bengalische Feuer gezündet. Die Fußballfans von Fortuna Düsseldorf waren nicht mehr auf ihren Plätzen zu halten, obwohl das Spiel gegen Hertha BSC noch lief. Die Berliner legten Einspruch ein, scheiterten jedoch damit. Die Richter des DFB sprachen sich heute gegen eine Wiederholung der Partie aus. Deutsche Medien bewerten das Urteil vorwiegend kritisch.

"Die Welt" blickt kritisch auf die Entscheidung: "Durch das Urteil könnten Verband und Liga vor ein gewaltiges Problem gestellt werden. Eine Partie, die nach Zuschauerausschreitungen und Platzstürmung insgesamt fast eine halbe Stunde unterbrochen werden musste, bei der einige Profis im Düsseldorfer Fan-Mob laut eigener Darstellung Todesängste ausstanden und der zum Schluss Eckfahnen und Elfmetermarkierung abhandenkamen, gilt nun als regulär zu Ende geführt. Eine solche Sicht der Dinge könnten Fans künftig dazu nutzen, Fußballstadien weiter munter als Plattform für ihre Gewaltexzesse und Pyrotechnikexperimente zu missbrauchen. Nach einer Saison, die ob heftiger Krawalle in Karlsruhe, Köln oder Dortmund ohnehin schon so viele negative Schlagzeilen wie nie zuvor produzierte, ist das ein fatales Signal."

Auch "Faz.net" kritisiert das Urteil auf ihrer Homepage: "Diesmal allerdings, wo es nicht vorrangig um die Bestrafung eines Klubs für seine Anhänger ging, sondern um den Schutz des Spiels vor jedweder Einmischung, erscheint das Urteil des DFB-Sportgerichts seltsam ängstlich - oder unpassend pragmatisch. Ein Wiederholungsspiel um den Aufstieg unter aufgeheizten Umständen wäre tatsächlich keine leichte Sache, das wochenlange Warten auf eine endgültige sportliche Entscheidung eine Zumutung für die Klubs im Liga-Niemandsland mit Blick auf die Saisonplanung. Aber das allzu bequeme Urteil ist genau das falsche Signal, das in diesen Tagen, in denen der Fußball die Kontrolle über einen Teil seiner Anhänger zu verlieren droht, vom DFB ausgeht."

Ebenso sieht "Zeit Online" das Urteil kritisch: "Die Entscheidung des DFB-Sportgerichts, den Einspruch Herthas gegen die Wertung des Relegationsspiels in Düsseldorf abzulehnen, ist falsch. Zwar wurde die Partie formal korrekt zu Ende geführt, doch die Bedingungen waren irregulär. Das Spiel hätte nicht gewertet werden dürfen."

Die "Berliner Morgenpost" kommentiert: "Ein Wiederholungsspiel in Düsseldorf mit begrenztem Zuschaueraufkommen wäre ein weitaus nachvollziehbareres Urteil des Sportgerichts gewesen. So aber gibt es nur Verlierer: Neben Verband und Liga, die vehement Maßnahmen gegen die Gewalt in den Stadien suchen und durch das Urteil doppelt gefordert sind, ist das zuvorderst Hertha BSC. Der Verein hat einen heftigen Imageschaden erlitten, sieht dem Abstieg entgegen und muss auch noch damit leben, dass er wilde Prügler beschäftigt."

Die "Märkische Oderzeitung" aus Frankfurt schreibt: "Und doch bleibt ein fader Beigeschmack. Denn unstrittig wurden die Berliner klar benachteiligt, als der Platzsturm durch feiernde Düsseldorfer Fans die Begegnung unterbrach. Egal, ob die Herthaner nun Todesangst hatten wie behauptet oder nicht - nach Wiederanpfiff dachte bestimmt niemand mehr ans Toreschießen, sondern nur noch daran, heil aus dem Schlamassel herauszukommen. Insofern ist der Einspruch der Berliner gegen das Urteil nur folgerichtig."

Der "Schwarzwälder Bote" Kommentiert: "Das Urteil des DFB-Sportgerichts überrascht keinen. Tatsachen-Entscheidungen des Schiedsrichters stehen im deutschen Fußball wie in Stein gemeißelt. Da spielt auch keine Rolle, dass die Berliner nicht mehr wirklich eine Chance hatten, das Spiel noch umzubiegen. Letzter Strohhalm der Hauptstädter bleibt der wenig erfolgversprechende Gang vor das DFB-Bundesgericht. Auch das Sportgericht hat noch Wichtiges zu erledigen: Das kollektive Versagen des Düsseldorfer Ordnungsdienstes muss ebenso bestraft werden wie das Ausrasten diverser Hertha-Kicker - und zwar knallhart, als unüberhörbares Signal an alle Chaoten."

"Der Tagesspiegel" aus Berlin sieht das anders: "Wer erst von 'Todesangst' spricht, aber das nicht belegen kann, verliert an Glaubwürdigkeit. Derzeit deutet nichts darauf hin, dass sich das Spiel noch einmal dreht. Das Urteil des Sportgerichts kommt zwar in der Tat dem Deutschen Fußball-Bund sehr gelegen. Denn wo würde es hinführen, wenn die Entscheidung des Schiedsrichters, wann und unter welchen Umständen er ein Spiel an- und abpfeift, auf einmal in Frage steht? Doch genau das ist eben die Grundlage des Spiels, und an der Seriosität des Urteils und des Vorsitzenden Richters, des erfahrenen Berufsrichters Hans E. Lorenz, besteht daher kein Zweifel."

kha/dpa

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silenced 21.05.2012
1. <->
Warum die Aufregung? Man hätte das Spiel auch schon vorher abbrechen können und 3:0 für Düsseldorf werten als die Hertha-Fans sich so total daneben benahmen. Das ist mit Sicherheit auch ein Punkt der sehr stark in dieses 'Urteil' eingeflossen ist. Nicht immer die Hälfte vergessen wenn es um sowas geht. Fans beider Lager haben sich nicht gerade vorbildlich verhalten, ausgleichende Gerechtigkeit am Ende.
spon-facebook-740923602 21.05.2012
2.
Man sollte wirklich nicht vergessen, dass die Berliner Fans mehrmals versucht haben durch Gewalt den Schiedsrichter zum Spielabruch zu bewegen. Was die Düsseldorf Fans nach dem Spiel gemacht haben, ist sicher nicht gut zu reden und muss auch mit Sanktionen belegt werden, aber das war pure Euphorie! Außerdem ist es doch mehr als lächerlich, wenn man sich die widersprüchlichen Aussagen einiger Hertha Spieler ansieht.
ianfraserkilmister 21.05.2012
3. die latte liegt hoch...
...für zukünftige fälle. was bitte muss passieren, wenn nicht einmal solch ein spiel wiederholt wird? mord und totschlag?
turborobo 21.05.2012
4. eigenartig,
warum werden Dinge miteinander verquickt, die getrennt zu behandeln sind? Zu verhandeln war ausschließlich die Unterbrechung des Spiels durch die Fans kurz vor Schluss der Nachspielzeiz. Und hier wurde Hertha zweifelsfrei der Chance beraubt, durch ein einziges Tor die Bundeslgazugehörigkeit zu erhalten. Deshalb wäre auch ein Wiederholungsspiel das einzige gerechte Urteil gewesen. Aber ich vertraue auf die oberen Instanzen, auch wenn die Sportgerichtsbarkeit hin und wieder eigenartige Wege geht.
alexbln 21.05.2012
5.
Zitat von silencedWarum die Aufregung? Man hätte das Spiel auch schon vorher abbrechen können und 3:0 für Düsseldorf werten als die Hertha-Fans sich so total daneben benahmen. Das ist mit Sicherheit auch ein Punkt der sehr stark in dieses 'Urteil' eingeflossen ist. Nicht immer die Hälfte vergessen wenn es um sowas geht. Fans beider Lager haben sich nicht gerade vorbildlich verhalten, ausgleichende Gerechtigkeit am Ende.
und wo ist da jetzt ihre beschriebene ausgleichende gerechtigkeit? jetzt gibt es nur verlierer. düsseldorf wird extrem "beliebt" sein in der liga- bei jeder entscheidung für düsseldorf werden die fans dfb-mafia schreien. spielerisch is t düsseldorf eh bald wieder in liga 2 und wenn sie dann auf hertha treffen- ist da doch nur haß und gewalt - das ist vorprogrammiert. ein gericht hat rechtsfrieden herzustellen- dieser aufgabe ist das sportgericht nicht im mindesten nachgekommen- das wird sich noch als fataler fehler herausstellen.
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