Deutscher Fußball-Bund Am Rande der Unregierbarkeit

Mit Reinhard Grindel geht der dritte DFB-Präsident innerhalb von sieben Jahren - er scheiterte an sich selbst, vor allem aber an Widerständen im Verband. Kann der Deutsche Fußball-Bund sich überhaupt reformieren?

Reinhard Grindel geht die Treppe rauf - um abzutreten
RONALD WITTEK/EPA-EFE/REX

Reinhard Grindel geht die Treppe rauf - um abzutreten

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Die SPD, diese alte ruhmreiche Partei, hatte in den vergangenen zwei Jahren drei Vorsitzende, und mancher Leitartikler fragte sich bei diesem Verschleiß, ob diese so heterogene Partei mit ihren gut 450.000 Mitgliedern überhaupt regierbar sei.

Beim Deutschen Fußball-Bund muss mit Reinhard Grindel der dritte Präsident innerhalb von sieben Jahren gehen. Der DFB mit den Nationalmannschaften auf der einen Seite, mit den Amateuren auf der anderen Seite ist mindestens so heterogen wie die SPD, der Verband hat sogar sieben Millionen Mitglieder, und die Frage der Regierbarkeit stellt sich nach den Ereignissen der vergangenen Wochen genauso.

Grindel ist seinen gesammelten Unzulänglichkeiten zum Opfer gefallen, seinem Auftreten in der Öffentlichkeit, das man als täppisch bezeichnen kann, seiner Unglaubwürdigkeit, von Compliance und Transparenz zu reden und sich gleichzeitig beschenken zu lassen, seinen ständigen Widersprüchen bei öffentlichen Äußerungen.

"Heckenschützen" in der Verbandszentrale

Er ist aber auch zurückgetreten, weil aus dem Verband wiederholt und bewusst Indiskretionen an die Medien gestreut wurden. Die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" spricht in ihrem Kommentar von "Heckenschützen", und wenn man in diesem unschönen Bild bleiben will, dann wurde der DFB-Präsident gezielt zum Abschuss freigegeben.

Durchstechereien an die Medien, Fraktionierungen, Intrigen - das ist alles nichts Neues an der Otto-Fleck-Schneise. Theo Zwanziger trat 2012 entnervt vom Amt zurück, zermürbt auch, weil er intern demontiert war. Nachfolger Wolfgang Niersbach hatte im Verband mit seinem jovialen Image zwar ein erheblich besseres Standing als der nur mäßig beliebte Zwanziger. Nachdem der SPIEGEL die Sommermärchen-Affäre ans Tageslicht gebracht hatte, setzten jedoch unverzüglich die Absetzbewegungen ein. Niersbach war bald ebenfalls weg.

Auch bei Grindel gingen die Zerlegungsprozesse am Ende schnell. Gemocht wurde der 54-Jährige beim DFB nie sehr, zu fremd wirkte er im Fußballbetrieb. Hinter vorgehaltener Hand gab es verbandsintern Spott für seine Versuche, sich der Branche anzubiedern. Aber aus der Deckung wagte sich bis zuletzt keiner seiner Kritiker. Es reichte ja, der Öffentlichkeit Informationen zuzuspielen, jetzt, wo Grindel ohnehin angeschlagen war. Das Detail mit der Luxusuhr konnte er nicht im Amt überstehen.

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DFB: Das sind mögliche Grindel-Nachfolger

Grüppchenbildungen, Netzwerke, Seilschaften, das gehört zur DNA des Verbands dazu. Zwanziger, Niersbach, Grindel - drei völlig unterschiedliche Typen mit unterschiedlichem Führungsstil, vereint darin, dass alle drei nicht nur an sich selbst, sondern auch im und am Verband gescheitert sind. Ist überhaupt jemand in der Lage, diesen Deutschen Fußball-Bund in den Griff zu bekommen?

Rauball verlangt Strukturreform

Diese Frage steht im Raum, wenn DFL-Präsident Reinhard Rauball in seiner Presseerklärung zum Grindel-Rücktritt von der Notwendigkeit spricht, einen "personellen, aber auch strukturellen Neuanfang" zu machen. Nur die Person auszuwechseln wird wenig ändern. Wobei Rauball und die Deutsche Fußball-Liga bislang nichts gegen einen schwachen DFB-Präsidenten hatten, der sie in ihren Aktionen weitgehend unbehelligt lässt. Auch deswegen war Grindel trotz seines desaströsen Krisenmanagements nach dem WM-Aus und des Falls Mesut Özil im Amt verblieben - weil aus den mächtigen Profivereinen kein Druck auf den Verband ausgeübt wurde. Und weil Grindel der Liga nichts entgegensetzte.

Allerdings kann auch die DFL kein Interesse an einer DFB-Führung haben, die immer wieder an der Grenze der Peinlichkeit agiert. Das beschädigt die Gesamtmarke und berührt damit die für die DFL maßgeblichen Denkkategorien. "Struktureller Neuanfang" - das würde wohl bedeuten: Der DFB bekommt an die Spitze einen Manager, hauptamtlich und damit angemessen bezahlt, das würde auch den Eiertanz um die Einkünfte des Präsidenten beenden. Und vielleicht sogar den unwürdigen Begleitumstand, dass ein zurückgetretener DFB-Präsident versucht, sich in den Gremien von Uefa und Fifa zu halten, auch um sein dortiges Salär von einer knappen halben Million Euro im Jahr zu behalten.

DFB-Direktor Oliver Bierhoff wäre so gesehen der geborene Kandidat für den Präsidentenjob. Dass Bierhoff Managerqualitäten hat, ist unbestritten. Schließlich ist es genau das, was ihm oft vorgeworfen wird. Bierhoff hat beim DFB zehn Jahre gebraucht, um sich seine Machtposition aufzubauen, er hat dabei genug Widerstände zu überbrücken gehabt. Er hat, wenn man so will, alle Kämpfe in diesem Verband schon hinter sich, und er ist immer noch da.

Interimspräsident Rainer Koch hat allerdings angedeutet, man bevorzuge stattdessen einen Bewerber von außerhalb. Die Netzwerker, die Durchstecher und Seilschaftenknüpfer sind bereit.



insgesamt 17 Beiträge
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ondrana 03.04.2019
1.
Ich hoffe, Silvia Neid widersteht einem eventuellen Angebot. Die Tatsache, dass man als erste Frau in diesem Amt Geschichte schreiben könnte, steht in keinem Verhältnis zu dem, was auf sie zukommen würde: Immer wenn Männer einen karren total an die Wand gefahren haben, lässt man endlich eine Frau ran. Wenn die es nicht schafft, die Bruchstücke zusammenzufügen, heißt es: "Typisch. Die Frauen können es halt nicht."
Dres-- 03.04.2019
2. Fußball, Fußball, Fußball...
Es tut mir leid, aber den Raum den Fußball in der Berichterstattung (in allen Medien) einnimmt ist unerträglich! Ich hoffe doch, dass allen Beteiligten bewusst ist, dass Fußball nur ein SPIEL ist. Das sollte es auch wieder werden! Es sollte keine "Industrie" sein! Also weg von allem dem drumherum, weg von Rivaliten, weg von Millionentransfers, weg von der Geldmacherei! Lasst uns Fußball wieder als SPIEL genießen!
swandue 03.04.2019
3.
Eine knappe halbe Million Euro für acht(?) Sitzungen jährlich. Das Geld sollte an den Verband fließen, in einen Sozialfonds vielleicht, ebenso wie der Erlös aus dem Verkauf von Geschenken im Wert von über 100 oder 150 €. Da werden sich gute Dinge finden, die man mit diesem Geld fördern kann.
jk1! 03.04.2019
4. Das ganze Unternehmen gehört professionalisiert
Dazu reicht es nicht eine starke Persönlichkeit an der Spitze zu haben. Die Altlasten ( Freshfields/Korruption wg. Sommermärchen, Verlust der Gemeinnützigkeit ) müssen offen und transparent geklärt werden. Daran haben aber viel zu viele der Juristen dort kein Interesse. Die Landesfürsten möchten natürlich auch weiterhin gerne bei einer WM die Präsidiumssitzungen halten, sich wichtig fühlen und die Annehmlichkeiten eines 5* Hotels genießen. Herr Bierhoff hat rund um die Nationalmannschaft im Bereich der Vermarktung vieles professionalisiert und die Akademie ist auch ein starkes Zukunftsprojekt. Als Mann an der Spitze taugt er aber überhaupt nicht. Dort muss eine Persönlichkeit stehen, die nicht nur auf Augenhöhe mit den Logen - und VIP-Besuchern steht, sondern sich auch nicht zu schade ist mit der Bratwurstkurve Kontakt zu halten und diese Menschen auch ernst zu nehmen. Es fehlt Bierhoff schlicht an der Integrationskraft.
Lankoron 03.04.2019
5. Sie vergessen nur das wichtigste
in ihrem Artikel. Die DFL und die ach so mächtigen Profimannschaften haben beim DFB nicht das Sagen, sondern die Amateure, die Regionalverbände. Die DFL ist der natürliche Gegner dieser Verbände und Vereine, da sie ihr Profisalär auf deren Kosten erwirtschaften, sie aber mit Brosamen abspeisen statt wirklicher finanzieller Unterstützung. Und ein Oliver Bierhoff als Präsident, geschwächt und beschädigt durch die letzten zwei Jahre des jammervollen Auftritts der Nationalmannschaft innerhalb und ausserhalb der Stadien?
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