Fußballnachwuchs DFB kämpft gegen Jugendschwund

Der Fußball boomt - trotzdem spielen immer weniger Jugendliche in Vereinen. Mancherorts kann der Spielbetrieb nur mit Mühe aufrecht erhalten werden. Der DFB will dem Problem entgegensteuern. Nur wie?
Jubelnde Jugendfußballer

Jubelnde Jugendfußballer

Foto: Lars Baron/ Bongarts/Getty Images

Eigentlich konnte Marwin gar nicht anders, als mit Fußball anzufangen. Sein Vater kickte, sein Onkel auch, der Opa war Trainer. Eine fußballverrückte Familie. "Am Anfang hat es mir auch sehr viel Spaß gebracht", sagt der heute 23-Jährige. Marwin fing im Fußballkindergarten an und blieb für einige Jahre dabei.

Doch dann stimmte es irgendwann nicht mehr. Mit dem neuen Trainer kam Marwin menschlich nicht zurecht. Auch die Mitspieler waren ihm nicht mehr sympathisch. Zudem gab es ja auch noch eine Welt außerhalb des Fußballs. Schule, Freunde, andere Sportarten. Die Konsequenz: Mit zwölf Jahren trat er aus dem Fußballverein aus.

Da ist Marwin nicht der Einzige. An der Fußball-Basis bröckelt es. Immer weniger Nachwuchskicker sind in Vereinen organisiert. Gab es 2010 noch 82.599 Teams bei den Junioren bis 14 Jahren, waren es 2014 nur noch 76.466 - ein Rückgang von knapp 7,5 Prozent. Bei den Älteren zwischen 15 und 18 ist es noch gravierender: Hier liegt das Minus bei 12,6 Prozent. Und das in nur vier Jahren.

Was ist da los?

Ein Freitag im März: Rund 500 Männer und Frauen (die Herren sind deutlich in der Überzahl) sitzen in akkurat aufgestellten Stuhlreihen im "Saal Hannover" des Maritim-Hotels der niedersächsischen Landeshauptstadt. Es sind Verbands-Jugendleiter, Jugend-Obmänner, Vereinsverantwortliche für den Jugendbereich. Vor der Tür sind die Platten mit Brötchen leer gegessen, drinnen wird DFB-Interimspräsident Rainer Koch per Video zugeschaltet. Er mahnt: Man sei "in die Jahre gekommen". Der Verbandsfußball "lockt immer weniger Jugendliche an".

Um mehr darüber zu erfahren, warum junge Menschen mit Fußball aufhören, hat der DFB Fachkräfte mit detaillierten Einblicken in die Lebenswelt junger Menschen eingeladen: Jugendliche. Das liegt nahe, war jedoch in den vergangenen Jahren nicht üblich. "Vielleicht hätte man da auch etwas früher drauf kommen können", sagt DFB-Vizepräsident Hans-Dieter Drewitz, in Hannover auch auf der Bühne.

"Die Schule frisst halt viel Zeit"

Zehn jugendliche Spielführer - nur Jungs - haben sich in einem kleinen Raum versammelt, vorne steht ein DFB-Mitarbeiter, moderiert und schreibt fleißig mit. Also, Männer, warum hören junge Menschen mit Fußball auf? "Einige haben die erste Freundin, da ist Fußball dann nicht mehr so spannend", sagt einer. "Die Schule frisst halt viel Zeit", ein anderer. So geht es eine Zeit lang weiter: Fahrschule, Umzüge, Leistungsdruck, schlechte Trainer. Erwartbare Antworten. Trotzdem schreibt der DFB-Verantwortliche fleißig mit.

Schulkinder spielen Fußball auf dem Pausenhof

Schulkinder spielen Fußball auf dem Pausenhof

Foto: Julian Stratenschulte/ picture alliance / dpa

Die Mitgliederzahlen im Jugendbereich gehen nicht überall nach unten. In Großstädten wie Hamburg oder Berlin gibt es bei einigen Vereinen sogar einen Aufnahmestopp. Doch in ländlichen Regionen droht ein "Ausbluten", wie es in Hannover heißt. Drewitz will das nicht akzeptieren: "Fußball muss flächendeckend spielbar sein, in jedem Dorf in Deutschland."

Torsten Schmidt bekommt die Entwicklung hautnah mit. Der 54-Jährige ist Kreisjugendausschuss-Vorsitzender von Rendsburg-Eckernförde. "Es gibt ländliche Bereiche, wo es schwierig geworden ist, den Spielbetrieb aufrecht zu erhalten", sagt er. Vielerorts behelfen sich die Vereine mit Spielgemeinschaften. Doch dafür müssen Eltern und Spieler lange Touren machen, da kann schon mal ein halber Tag draufgehen. "Das ruft natürlich nicht nur Freude hervor."

"Starre Verbandsstrukturen ziehen keine Jugendlichen an"

Mangelndes Interesse an diesem Thema kann man dem DFB nicht vorwerfen. Der Verband hat in einer Metastudie von der Universität Bern und der TU Chemnitz die "Drop-out-Gründe" untersuchen lassen. Das Ergebnis teilt sich in drei Bereiche: Personenbezogene Gründe (mangelnder Spaß, andere Interessen), zwischenmenschliche Gründe (fehlende Unterstützung, sozialer Druck) und strukturelle Gründe (zu wenig Zeit, mangelnde Flexibilität im Trainingsbetrieb, schlechte Trainer).

Befragungen, Studien, Statistiken - in der Erforschung des Problems ist der DFB Weltmeister. Doch wie will der Verband die Jungen und Mädchen nun in den Vereinen halten?

Christian Pothe ist Vorsitzender des DFB-Jugendausschusses. Er hat seine Zielgruppe genau im Blick, die sogenannte "Generation Z", also die ab 1995 Geborenen. Ein Großteil dieser Jungen und Mädchen zeichnet sich durch "Flatterhaftigkeit" aus, für sie ist Individualismus das höchste Gut. Sie lehnen Kontrollen und Autorität ab, möchten Spaß und ein "gechilltes Leben". Weitere wichtige Begriffe: "Selbstentfaltung", "Freiräume" "kreative Gestaltungsmöglichkeit". "Diese Gruppe von Jugendlichen verabredet sich lieber privat, geht in Soccerhallen oder auf die Wiese", sagt Pothe. Sie wollen keine festen Termine am Wochenende.

"Lässige Spielstätten"

"Wenn wir es nicht schaffen, die Organisation, den Spielbetrieb und die Anmeldung flexibler zu gestalten, etwa durch das Smartphone gesteuert, wird es schwierig, in dieser Gruppe neue Mitglieder zu binden", so Pothe. Die Vereine müssten dahin, wo die Jugendlichen sind: Auf Twitter, Facebook, Snapchat, WhatsApp. Dort müsste die Koordination des Spielbetriebs stattfinden, dort müsste man aber auch den Jugendlichen die Möglichkeit geben, ihre Erfolge im Fußball mit Freunden zu teilen, sagt Pothe.

"Lässige Spielstätten mit DJ und Tischkicker"

"Lässige Spielstätten mit DJ und Tischkicker"

Foto: Holm Roehner/ Getty Images

Ein weiterer Punkt: Wenn Jugendliche viele Freizeitmöglichkeiten haben, dann muss das Spielerlebnis beim Fußball eben umso besser werden. Pothe träumt von "lässigen Spielstätten, wo man gegen mittag hingeht, sich dann anmeldet und anfängt mitzuspielen. Dann ist noch ein DJ dabei, der gute Musik auflegt, ein Tischkicker vielleicht. Wenn die Jugendlichen Lust haben, spielen sie an dem Tag vielleicht noch ein zweites Mal. Oder eben nicht. Wie sie wollen."

Das alles ist nicht umsonst zu bekommen. Geld vom DFB für die Vereine gibt es laut Pothe aber nicht. Die Mittel für die Verbesserung müssten vielmehr von Vereinen und Mitgliedern aufgebracht werden: "Viele Eltern sind bereit, viel Geld für eine Mitgliedschaft im Fitnessstudio auszugeben, aber erwarten dann, beim Fußball für zehn Euro im Monat ein Fullservice-Angebot zu bekommen. Das ist schwierig." Pothe betont aber auch die Vermarktungschancen der Vereine, wenn sie ihre Strukturen - und damit ihre Attraktivität für die Jugendlichen - verbessern.

Für den Spielbetrieb setzt der DFB schon länger auf sogenannte Flexibilisierungsmaßnahmen. Neben den Spielgemeinschaften zählt auch das Zweitspielrecht für Jungen und Mädchen dazu. Oder das sogenannte Norweger-Modell, bei dem die Anzahl der Spieler heruntergeschraubt werden kann. Dann spielen eben nicht elf gegen elf, sondern nur noch acht gegen acht. Doch in einer Umfrage der Universität Saarland kam heraus, dass diese Maßnahmen zwar den meisten Vereinen bekannt sind, jedoch höchst unterschiedlich genutzt werden.

Wie nutzen die Vereine die angebotenen Flexibilisierungsmaßnahmen?

Wie nutzen die Vereine die angebotenen Flexibilisierungsmaßnahmen?

Foto: Universität des Saarlandes

Der DFB muss in den kommenden Jahren Antworten auf die Frage finden, wie erfolgreiche Jugendfußball-Vereinsarbeit in Zukunft aussehen kann. Ideen sind viele vorhanden, doch die Umsetzung ist kompliziert: Von Bundesland zu Bundesland sind die Anforderungen unterschiedlich, die Fachmänner und -frauen in den Vereinen und Verbänden sind nicht immer einig. Doch eines ist klar: Der organisierte Jugendfußball muss sich verändern.

"Wir wollen schließlich keinen Spieler verlieren, der in Zukunft das Siegtor im WM-Finale schießen kann", sagt Pothe.


Zusammengefasst: Der Deutsche Fußball-Bund beklagt einen Mitgliederschwund im Jugendbereich. Schlechte Trainer, andere Interessen der Jugendlichen, Schule - die Gründe sind vielfältig. Auf dem Land ist das Thema akut, in den Städten eher weniger. Der Verband will der Herausforderung mit Modernisierung und Flexibilisierung begegnen.

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