Deutscher Meister VfL Erfolgsmodell Wolfsburg

Ein Club verbessert die Lebensqualität in seiner Stadt und spaltet Deutschland. Der Titelgewinn der Wolfsburger ist kein Zufall, sondern eine Mischung aus unternehmerischem Geschick und dem Prinzip Magath. Auch der nächste Meister steht schon fest: Hoffenheim.
Von Peter Unfried

Der VfL Wolfsburg ist der 29. Club, der Deutscher Fußballmeister geworden ist, der dreizehnte in der Geschichte der Bundesliga. Das ist statistisch belegbar, aber komplett vernachlässigbar. Genauso irrelevant ist es, zu sagen, es handele sich um die "erste Meisterschaft der 64-jährigen Vereinsgeschichte". Doch eine Erkenntnis zieht der Erfolg nach sich: Wenn Wolfsburg Meister ist, dann ist das Zeitalter der beruhigenden Gewissheiten endgültig zu Ende. Aber muss es schlecht sein, wenn etwas Neues anfängt? Hoffenheims De-Facto-Besitzer Dietmar Hopp hat einen cleveren und vermutlich wahr werdenden Aphorismus und Werbeslogan geprägt, als er sagte: "Unsere Tradition liegt in der Zukunft." Die neue Geschichte des VfL Wolfsburg begann, als der fußballaffine Martin Winterkorn erst Vorstandsvorsitzender von VW wurde und dann mit dem VfL Ernst machte. Das war auch der Grund, warum Felix Magath für zwei Jahre nach Wolfsburg ins Hotel Ritz-Carlton zog. Weil Winterkorn ihm sagte, dass es los gehen könne und solle.

"Wenn so ein Club Ernst macht", sagte Magath, "hat er große Möglichkeiten." Das hat sich nun bestätigt. Mit einer großen, aber überschaubaren Anschubfinanzierung ohne Zwang zur Rückzahlung, dem richtigen Trainer und der richtigen Konstellation kann ein etablierter Verein der unteren Mittelschicht praktisch aus dem Stand Meister werden. Oder zumindest dieser Verein. VW-Chef Winterkorn sagte bei der Feier vor dem Rathaus, auch für ihn persönlich sei "ein Traum in Erfüllung gegangen."

Das mag schon auf der Ebene seines Fußballfantums stimmen, und erst recht auf der Ebene der Verknüpfung der Marke VW mit der gesellschaftlichen Dauerprojektions- und Werbefläche Spitzenfußball. In Wolfsburg hängt alles mit allem zusammen oder genauer gesagt, alles mit VW. Und der VfL ist als genuines Identitätsprojekt nicht weniger wichtig als an "Traditions"-Orten, sondern mangels anderer Projektionsflächen sogar wichtiger.

"Das neuerdings ausverkaufte Stadion ist vielleicht einer der wenigen Orte, wo sich die Menschen dieser Stadt gemeinsam als Menschen erleben", sagt der Grünen-Stadtrat Axel Bosse, Dauerkartenbesitzer seit dem Bundesligaaufstieg 1997.

Dieses Gefühl des kollektiven Erfolgs wirkt sich auf die Lebensqualität in Wolfsburg aus und strahlt damit wieder zurück auf VW. Im übrigen gelten die Fußball-Investitionen für den Weltkonzern mit Milliarden-Umsätzen auch in Zeiten geringer werdender ökonomischer und gesellschaftlicher Bedeutung des Automobils selbst bei Gewerkschaftern und Linkspartei als Peanuts.

Worin für ihn der Sinn des Fußballs in Wolfsburg bestehe, habe ich Magath vor ein paar Wochen gefragt. Er konnte mit der Frage nichts anfangen. Wo der zuständige VW-Kommunikator Stephan Grühsem genau erklären kann, wie Grafites Tore die Marke VW positiv bestrahlen oder der glückliche Oberbürgermeister Rolf Schnellecke die "Aufwertung" des "Standortes" besingt, sagt Magath sachlich: "Für mich geht es nur um sportlichen Erfolg. Es geht darum, seine Ziele zu erreichen." In der Meisternacht hat er dann aber dem ihm huldigenden Volk immerhin gesagt, es sei "keine Station bisher so schön gewesen wie die hier in Wolfsburg."

Aber wenn die anderen Feiernden ihn umarmten, rollte er sich zusammen wie ein Igel, den man berührt. Sein Kapitän Josué bezifferte den Anteil des Chefs am Titelgewinn auf "über 50 Prozent". Magath lächelte und widersprach nicht. Wozu auch? Josué liegt richtig. Das Team ist komplett ein Magath-Team, er hat es Spieler für Spieler nach dem Trial-and-Error-Prinzip zusammengekauft und zusammengebaut.

Auf seine Art. Es war sicherlich kein Ausweis modernen, humanistischen Führungsstils, wie er den langjährigen, ordentlichen Stammtorwart Simon Jentzsch rauswarf - in der Halbzeit eines Spiels. Dafür war es eine drastische Symbolik, die jeder verstand. Und Nachfolger Diego Benaglio war tatsächlich besser im Tor und besser als Teil des Mannschafts- und sogar Angriffspiels. So entstand eine Gemeinschaft, die am Ende so funktionierte, wie Magath es wollte - und darüber hinaus individuelle Qualitäten einbrachte, die diesen Meistertitel ermöglichte.

Das meinen nicht nur Torschützenkönig Grafite und der sehr begabte Edin Dzeko, das meinen auch Ballgewinner Josué, Tackler Barzagli, Vorbereiter Misimovic, der extrem effektive Gentner usw. Als dann auch noch der Ex-Freiburger Sascha Riether auf Spitzenniveau angekommen war, da war das Puzzle zusammen. Und dann ging es richtig ab. Ob der neue Trainer Armin Veh den VfL oben halten kann? Wolfsburg ist der siebte Club der Fußballneuzeit (ab 1980), der den Titel gewinnt. Die anderen sechs sind Bayern, HSV, VfB Stuttgart, Werder Bremen, Borussia Dortmund und 1. FC Kaiserslautern. Letzterer ist abgestürzt, der Rest bildet das Establishment.

Das Zeitalter und das Geld der Champions League hat die internationale Spitze im Clubfußball verbessert und damit die Schere in den nationalen Ligen größer gemacht. Im letzten Jahrzehnt wurden nur noch Bayern, BVB, Werder und Stuttgart Meister.

Wolfsburg ist demnach nicht der traditionslose Verein, der es auch mal schafft, es ist das Unternehmen, das durch besondere Investitionen seines Besitzers den ansonsten fast nicht mehr möglichen Schritt nach vorn gemacht hat und nun zu den Top-Fünf und damit auch zum Establishment gehört.

VW müsste schön blöd sein, das wieder aufzugeben. Sagen wir es, wie es ist: Wenn VW den Titel als Anfang der Zukunft sieht, dann hat die Fußballtradition in Wolfsburg in diesem Moment begonnen. Dann erleben wir 2010 einen wirklich grandiosen Dreikampf um den Titel. Und am Ende wird Hoffenheim Meister.

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