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06. Oktober 2010, 17:41 Uhr

Deutscher Özil vor Türkei-Partie

"Ich spiele gegen meine Freunde"

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Deutschland gegen die Türkei: Für Mesut Özil wird das am Freitag ein ganz besonderes Spiel. Der 21-Jährige hat sich erst vor zwei Jahren entschieden, für den DFB anzutreten - wofür er sich bis heute rechtfertigen muss. Unter anderem bei Bayern-Spieler Hamit Altintop.

Der Sponsor, der dem DFB seine Räumlichkeiten für dessen Pressekonferenzen in Berlin überlässt, hatte die Idee, im Saal lebensgroße Pappfiguren der Nationalspieler aufzubauen. Die Mesut-Özil-Figur haben sie dort in die vorderste Reihe gestellt, vor Miroslav Klose, WM-Torschützenkönig Thomas Müller oder Torwart Manuel Neuer.

Dem echten Mesut Özil wäre so etwas schon wieder unangenehm gewesen, so weit vorne, ungeschützt im Fokus der Öffentlichkeit. Eine Pressekonferenz vor mehr als 100 Journalisten zu bestreiten, wie Özil das am Mittwoch zwei Tage vor dem EM-Qualifikationsspiel gegen die Türkei (Freitag 20.45 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) zu tun hatte, erscheint für den 21-Jährigen immer noch als eine fast so große Herausforderung wie ein WM-Finale.

Viel stürzt im Moment auf Özil ein. Der junge Mann soll eine zentrale Rolle beim Nobelclub Real Madrid spielen und hat damit schon jetzt so etwas wie den Fußball-Olymp bestiegen. Er hat sich bei der WM die Aufmerksamkeit der Fußball-Weltöffentlichkeit erspielt, er weist von allen Nationalspielern die größten Steigerungen bei den Sympathiewerten auf, wie der DFB am Mittwoch mitteilte. Und jetzt soll er im Vorfeld des Türkeispiels auch noch als Vorbild, als Role Model für gelungene Integration in Deutschland herhalten. Das alles kann einen scheuen jungen Mann schon belasten, der den Umgang mit der Medien-Öffentlichkeit erst in Ansätzen gelernt hat.

Kritik an Özil von Bayern-Spieler Altintop

Eine "unglaubliche Menge an Interviewanfragen" habe der Spieler im Vorfeld des Spiels erhalten, teilte DFB-Mediendirektor Harald Stenger mit. Deutschland gegen die Türkei - das ist das Spiel, bei dem alle auf Özil schauen werden. Erst 2009 hat er sich für eine Karriere im DFB-Dress - und gegen die Türkei entschieden. Das haben im Land seiner Eltern viele nicht verstanden, auch wenn Özil selbst sagt, "mittlerweile höre ich aus der Türkei nur Positives, alle unterstützen mich".

Bayern-Spieler Hamit Altintop, der wie Özil im Ruhrgebiet aufgewachsen ist, am Freitag aber für die Türkei aufläuft, gehört nicht dazu. Er hat in einem Interview vom Mittwoch in der "Süddeutschen Zeitung" gesagt: "Ich bin ein toleranter Mensch und respektiere Mesuts Weg, aber unterstützen kann ich ihn nicht." Als deutscher Nationalspieler habe Özil mehr Lobby, einen höheren Marktwert und verdiene mehr Geld - "mit Integration hat das nichts zu tun".

In das Bild der heilen DFB-Welt passen solche Worte nicht so richtig. Nationalmannschafts-Manager Oliver Bierhoff malt lieber das Bild, "wie der gläubige Muslim türkischer Herkunft Mesut Özil den gläubigen Christen mit brasilianischen Wurzeln Cacau umarmt. Das ist ein Symbol für die Integration, wie sie bei uns gelebt wird". Bierhoff erwähnt auch noch, dass es kein Problem gewesen sei, Özils Wunsch zu erfüllen, während der WM eine Moschee aufzusuchen. Überhaupt wiesen elf von 23 Spielern des WM-Kaders einen Migrationshintergrund auf, die Nationalelf stehe heute auch "für Weltoffenheit".

Mesut Özil kann da nur wenig hinzufügen, artig sagt er, "ein besseres Beispiel für Integration als den DFB kenne ich nicht", schon in den Jugendteams, in denen er gespielt habe, "waren wir immer ein bisschen Multikulti". Er fügt dann noch an, dass er "sehr stolz" sei, für Deutschland aufzulaufen, für ihn sei "nie eine andere Nation in Frage gekommen".

Jetzt gegen die Türkei zu spielen, mache ihn trotzdem besonders glücklich: "Ich spiele schließlich gegen meine Freunde. Es wird einfach schön werden." Als Vorbild für viele in Deutschland lebende türkische Jungs ist Özil auserkoren, darüber ist sich der Nationalspieler im Klaren. "Ich bin ja irgendwie ein Beispiel für Integration."

"Bin ja eher der ruhige Typ"

Kapitän Philipp Lahm, neben Özil und Bierhoff auf dem Podium, beantwortet derweil sämtliche Journalistenfragen gewohnt routiniert und garniert seine Statements an den richtigen Stellen mit dem bekannten Lahm'schen Lächeln. Özil dagegen mag man nicht richtig abnehmen, dass da vorne ein europäischer Fußballstar sitzt, einer, der im Verein mit Super-Egos wie Cristiano Ronaldo und Trainer José Mourinho zusammenarbeitet. Özil wirkt abseits des Platzes wie ein schüchterner Balljunge, der bei einem Preisausschreiben einen Besuch bei der Nationalelf gewonnen hat.

Ob er nach der Verletzung von Bastian Schweinsteiger jetzt derjenige sein müsse, der auf dem Feld die Chefrolle im deutschen Team an sich nimmt, wird Özil gefragt. Der Mittelfeldspieler von Real Madrid verweist sofort auf seinen Teamkollegen Sami Khedira, der "mit Sicherheit jetzt mehr Verantwortung übernehmen wird". Er selber sei dagegen "ja eher der ruhige Typ".

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