Deutscher Sieg gegen Wales Rückfall in die Ohnmachtsstarre

Abspielfehler, Ballverluste, Fehlpässe in Serie - und das gegen Wales! Dass die deutsche Fußball-Nationalmannschaft am Ende noch 1:0 gewann, war einem Weckruf zur zweiten Halbzeit zu verdanken. Lektion für Löw: Sein Team hat trotz des Superspiels gegen Russland reichlich Rückfall-Potential.

Von , Mönchengladbach


Es gibt diese Spiele, bei denen man nach wenigen Minuten ein ziemlich sicheres Gefühl bekommt, wie es enden könnte. An dem verregneten Mönchengladbacher Abend war vielen Augenzeugen zumindest früh klar, dass auf Seiten der Gäste aus Wales nach 90 Minuten eine Null stehen würde.

Jogi Löws Intuition ging sogar noch weiter. Der deutsche Trainer sagte nach dem Spiel, er habe bereits vor der Partie gespürt, dass insgesamt nicht viele Tore fallen würden: "Ich wäre jede Wette eingegangen, dass es ein knappes Ergebnis wird."

Dass Wales wie erwartet in der Vorwärtsbewegung vor sich hin liechtensteinerte, änderte allerdings nichts daran, dass das deutsche Team keinerlei Halbzeitführung verdient gehabt hätte. Und das dürfte auch den hellsichtigen Löw schockiert haben.

Fast die komplette erste Hälfte spielte Deutschland gemächlich und uninspiriert. Zeitweilig blieben sechs Feldspieler hinter dem Ball. Spätestens nach 20 Minuten dominierten aberwitzige Abspielfehler und Ballverluste die Partie. Statt flüssigen Kombinationen gab es einminütige Ballzirkulationen mit einem halben Meter Raumgewinn zu bestaunen.

Die Gladbacher Zuschauer, die zu Beginn der Partie noch einen gehörigen Lärm veranstaltet hatte, reagierten bewundernswert höflich. Nur wenige pfiffen. Die große Mehrheit dämmerte sich Fehlpass für Fehlpass tiefer in eine Art Ohnmachtsstarre.

Dass man am Schluss dennoch verdient gewann und mit nunmehr zehn Punkten aus vier Spielen souverän die Tabelle anführt, lag an einer deutlichen Steigerung in der zweiten Hälfte. Deutschland dominierte plötzlich nach Belieben, wurde immer gefährlicher und kam zu sehenswerten Distanzschüssen.

Damit ist allerdings auch die Crux des deutschen Spiels benannt: Im Strafraum, den die Waliser geradezu hermetisch abriegelten, wurde es nur selten gefährlich.

Das liegt zum einen in der Natur der Sache. Gegen einen Gegner, der sich mit einer Art Handballtaktik einigelt, kann wohl kein Team der Welt spielerisch glänzen.

Zum anderen kann man es aber einer technisch so limitierten Mannschaft wie der von Wales schwerer machen. Zu selten wurde in Strafraumnähe schnell und flüssig kombiniert. Die Stürmer Miroslav Klose, Lukas Podolski und Patrick Helmes schafften auch deswegen für zu wenig Überraschungsmomente, weil sie ihre Gegenspieler läuferisch zu wenig forderten.

Dass es doch noch zum 1:0 reichte, überraschte offenbar keinen weniger als den Torschützen Piotr Trochowski, der sich als Duo mit Philipp Lahm Bestnoten auf der linken Seite verdiente. "Wir haben 90 Minuten auf ein Tor gespielt. Ich habe irgendwann selbst nicht mehr geglaubt, dass wir noch treffen", sagte er. "Das Tor hat mich dann für die Leiden in den 70 Minuten zuvor entschädigt."

Nach der EM, die spielerisch mehr Fragen offen ließ als sie beantwortete, sollten die beiden Spiele kürzlich gegen Russland jetzt und Wales auch der Standortbestimmung dienen. Diese ist immer noch nicht abgeschlossen. Die Situation hat sich nicht revolutionär verändert seit dem 6:0-Sieg gegen Liechtenstein (bei dem der Gegner einfach zu schwach war) und dem 3:3 in Finnland (bei dem Moral und Einsatz stimmten, es aber spielerisch zu bieder zuging).

Dabei hatte das deutsche Team in der ersten Hälfte des Spiels gegen Russland ein Vorurteil widerlegt, das sich ins kollektive Gedächtnis des Weltfußballs eingefräst hat - nämlich dass deutsche Mannschaften angeblich per se spielerisch beschränkt sind. Wer das Spiel in Dortmund gesehen hat, muss umdenken. Denn dort boten Löws Männer 45 Minuten lang Hochtempo-Fußball mit einigen sehenswerten Kombinationen und mehr herausgespielten Torchancen als früher in einem ganzen Turnier. Mit dem imagebildenden Rumpelfußball vergangener Tage hatte das nichts mehr zu tun.

Auch gegen Wales versuchte das Team, mit spielerischen Mitteln zum Erfolg zu kommen. Trotzdem war es unterm Strich ein schwacher Auftritt.

Was bleibt? Ein Aufschwung, der sich an vier Spielern festmachen lässt. Miroslav Klose hätte nach seiner langen Serie erfolgloser Spiele wohl bei keinem anderen Coach eine erneute Bewährungschance bekommen. Löw ließ ihn auch in Helsinki auflaufen. Dort traf Klose bekanntlich dreimal. Seither hat der Münchner eine gänzlich andere Körpersprache und ist zwar noch nicht ganz der Alte, aber wieder für Geistesblitze wie den Pass zum 1:0 gegen Russland zu haben.

Auch bei Spielern wie Bastian Schweinsteiger, Lukas Podolski und Piotr Trochowski wirkt die DFB-Pädagogik offenbar leistungsfördernd. Alle drei sind an guten Tagen Garanten für den von Löw favorisierten One-touch-Fußball. In der Liga zeigt freilich derzeit nur Trochowski, was er kann.

Die Positiv-Rhetorik, ("absolut", "höchst", "wahnsinnig"), mit der Löw ganz im Stile seines Vorgängers Jürgen Klinsmann jeden Spieler mit Lob überschüttet, wird von neutralen Beobachtern nicht ohne Grund hin und wieder ironisch kommentiert. Bei den Jungstars scheint sie aber ebenso zu fruchten wie der Umstand, dass sie auch nach schwächeren Spielen nicht sofort ihren Stammplatz verlieren.

Deutschland - Wales 1:0 (0:0)
1:0 Trochowski (72.)
Deutschland: Adler - Friedrich (ab 65. Fritz), Mertesacker, Westermann, Lahm - Schweinsteiger, Ballack, Hitzlsperger, Trochowski - Klose (ab 46. Helmes), Podolski (ab 82. Gomez) Wales: Hennessey - Gunter (ab 86. Ricketts), Morgan, Ashley Williams, James Collins, Bale - Simon Davies, Fletcher (ab 77. Ched Evans), Koumas - Edwards (ab 77. Robinson) - Bellamy. Schiedsrichter: Duhamel (Frankreich)
Zuschauer: 44.500



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