Deutscher Sportjournalist Tod mit Folgen

Südafrika gilt als gefährlich, doch der Confed Cup hat gezeigt, dass die Angst vor Gewalt übertrieben ist. Trotzdem drohen bei der WM große Probleme: Die Unfallrate ist hoch, die medizinische Versorgung auf den Straßen lückenhaft. Das zeigt auch der Tod eines deutschen Sportjournalisten.

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Südafrika ist sicher, sagt Danny Jordaan. Er ist der Mann, der die WM ins Land holte, und Jordaan ist deshalb auch ein Marketingmann in eigener Sache. Sicherheit bedeutet für ihn, den Chef des WM-Organisationskomitees, dass kein Fan und kein Tourist Angst vor Überfällen haben muss. Jordaan spricht von 146 Sport-Events, die Südafrika in der Vergangenheit ohne Zwischenfall ausgerichtet habe. Und von "den besten privaten Sicherheitsfirmen der Welt", die sie garantieren würden.

Eine sichere WM für Danny Jordaan ist eine ohne Gewalt.

Straße in Johannesburg: Ein vernachlässigtes Problem?
REUTERS

Straße in Johannesburg: Ein vernachlässigtes Problem?

Eine sichere WM für Markus Gilliar ist eine mit sicheren Straßen. Und mit einem dichten Netz medizinischer Versorgung.

Gilliar ist Sportfotograf seit 1985, bei Olympischen Spielen, Europa- und Weltmeisterschaften, Gilliar hat alles gesehen, glaubte er. Dann kam er zum Confederations Cup nach Südafrika, mietete sich mit den Fotografenkollegen Valeria Witters und Bernhard Kunz ein Auto und erlebte in einer Woche zwei "Fast"-Unfälle. "Bei einem brauchten wir alle Schutzengel", sagt Gilliar SPIEGEL ONLINE. Er spricht von Baustellen auf Überlandstraßen, die nicht abgesichert seien. Von einer extrem erhöhten Unfallwahrscheinlichkeit. Vor allem nachts.

Wenn der Confederations Cup die Generalprobe für die Weltmeisterschaft im kommenden Jahr war, dann haben beide, OK-Chef und Fotograf, Recht behalten. Es gab keine Überfälle auf Fans oder Journalisten. Keine Gewalt. Auch Gilliar hatte zunächst befürchtet, an Ampeln ausgeraubt zu werden, aber diese Angst zerstreute sich komplett. Der Fotograf ist begeistert von der Herzlichkeit der Menschen, von ihrem Stolz, und von der Schönheit des Landes.

Aber die beiden Beinahe-Unfälle mit dem Mietwagen haben ihn nachdenklich gemacht. Und der 24. Juni.

An diesem Tag, einem Mittwoch, ist Gilliar mit seinen beiden Kollegen auf dem Weg von Johannesburg nach Bloemfontein. Gegen 13 Uhr kommen sie an eine Unfallstelle. Dort liegt der Wagen einer Fahrgemeinschaft aus vier deutschen Sportjournalisten, er ist wenige Minuten zuvor ins Schleudern gekommen und hat sich überschlagen. Zwei der Insassen sind schwer verletzt, zwei weitere unter Schock. Einer der Schwerverletzten ist Wolfgang Jost, 57, freier Journalist aus der Nähe von Berlin, früher Sportchef beim "Tagesspiegel". Er stirbt fünf Tage später. "Wir sind nicht die Meister unseres Schicksals", sagt Fifa-Chef Joseph Blatter in einer Pressekonferenz, in der er Josts Angehörigen sein Beileid ausspricht.

Ein Unfall, der an jedem Ort der Welt passieren kann

Der einzige Tote des Confederations Cup stirbt nicht an einer Ampel, nicht nach einem Überfall, nicht nachts in einem Township, sondern an den Folgen eines Verkehrsunfalls. Am helllichten Tag. Einem Unfall, der so an jedem beliebigen Ort der Welt passieren kann. Auf irgendeiner Bundesstraße wie der N1, 250 Kilometer von Johannesburg entfernt, 120 Kilometer von Bloemfontein.

Der Rettungswagen trifft ungefähr zwanzig Minuten nach dem Unfall ein. Er kommt aus Winburg, einem kleinen Dorf, einem von zwei Dörfern überhaupt zwischen Johannesburg und Bloemfontein. Eine Tür wird aufgeschnitten, um die Verletzten zu bergen. Eine Medizinstudentin und ein südafrikanischer Autofahrer haben zuvor schon die Erstversorgung übernommen - und damit dem zweiten Schwerverletzten, der wie Jost aus der Nähe von Berlin kommt, wohl das Leben gerettet. In Winburg machen drei Ärzte die Unfallopfer transportfähig, dann werden sie nach Bloemfontein in die moderne Medi-Clinic gebracht. Zwischen Unfall und Ankunft in Bloemfontein sind am Ende dreieinhalb bis vier Stunden vergangen.

Zu viel Zeit?

"Alle haben sich im Rahmen ihrer Möglichkeiten vorbildlich verhalten", sagt Gilliar. Die Ärzte in Winburg, die Ärzte in Bloemfontein, die Fahrer - niemandem könne man einen Vorwurf machen. Gilliar lobt auch den Fifa-Chefarzt Jiri Dvorak ("er sorgte dafür, dass alle die beste medizinische Versorgung bekamen") - und er weiß, dass man Südafrika nicht mit westlichen Maßstäben messen kann. Aber Gilliar verweist auch auf die WM im kommenden Jahr, in dem Hunderttausende Fans an den Spieltagen auf den Straßen unterwegs sein werden, in Bussen und Autos. "Die Behörden müssen dafür sensibilisiert werden, dass an den Spieltagen viel größere Bewegung herrschen wird", sagt Gilliar. Und schnelle medizinische Versorgung umso wichtiger sein wird.

Kann der Tod eines deutschen Journalisten die Augen öffnen?

Nach Informationen von SPIEGEL ONLINE ist die Deutsche Botschaft in Pretoria nach dem tragischen Unfall bereits auf das Organisationskomitee für die Fußball-WM zugegangen und auch die Fifa plant angeblich diesen Schritt. Das WM-OK soll aus dem Unfall die "richtigen Schlüsse ziehen", heißt es in Pretoria - eine bessere medizinische Versorgung und eine schnellere, gerade auf den weiten Strecken zwischen den Austragungsorten.

Dabei soll es aber nicht um einen zeitlich begrenzten Ausbau der Kapazitäten gehen, um eine vierwöchige Komfortzone für WM-Touristen und Berichterstatter - in der Deutschen Botschaft erhofft man sich eine nachhaltige Verbesserung der Umstände für alle Südafrikaner. Deshalb, so ein Botschaftssprecher, sei die WM ja auch nach Südafrika vergeben worden.

Aber wie realistisch ist das alles? Kann der Tod eines deutschen Sportjournalisten die Augen öffnen für ein möglicherweise entscheidendes Problem im kommenden Jahr? Das WM-OK steht jedenfalls doppelt unter Druck. Der Weltfußballverband wird eine Verbesserung der Infrastruktur einfordern, ein dichteres Netz medizinischer Versorgung. Vorstellbar wäre der Einsatz von mobilen Lazaretten.

Auf der anderen Seite werden die Südafrikaner ungehalten reagieren, wenn die Maßnahmen im Sommer 2010 zu einer Exklusivbehandlung der Gäste führen - und nach dem Ende der WM eingestellt werden.

Immerhin finden irgendwann auch in Südafrika wieder Wahlen statt.

Der Verband deutscher Sportjournalisten (VdS) und der Regionalverband von Berlin-Brandenburg planen einen Hilfsfond, mit dem die Hinterbliebenen von Wolfgang Jost unterstützt werden sollen.



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